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Versionen zuerst veröffentlicht in : DIE WELTBÜHNE 3 / 19. Januar 1993 / Seite 85
+ ORPHEUS 2 / Februar 1993, Seite 23




BLUT IST IM SCHUH

Ruth Berghaus´ »ROSENKAVALIER«-Inszenierung
in Frankfurt am Main:
Dezember 1992





Vis-à-vis der Oper baut die Deutsche Bank ihr viertes Frankfurter Bürohochhaus, die Junkies sind aus der unmittelbaren Umgebung inzwischen von der Polizei vertrieben : das gutbetuchte Kulturpublikum der Börsenstadt wird beim Gang vom Parkplatz zum Opernfoyer nicht länger vom Anblick Obdachloser belästigt. Man darf sich ungestört DEM WAHREN, GUTEN, SCHÖNEN widmen, beziehungsweise dem gut gelernten, distinguierten Umgang damit : auch der Gang in die Oper will gekonnt sein. Schließlich weiß man, wer man ist...

Und der ROSENKAVALIER, jene Vorkriegs-Musik-Komödie, deren Glanz und Ruhm längst Sinn und Gestalt überstrahlen, gilt sie nicht als das Sinnesnarkotikum par excellece ? Wie mag es um die Jahreswende 1992/93 wirken in Frankfurt am Main, wo weihnachtlich gestimmte Familien auf den Straßen Kerzen anzünden, weil andere Deutsche aus ihren Reihen Fremde anzünden ? Zwischen den Lichterkolonnen frieren die Übersehenen, die sich nicht mal solch eine Kerze oder ein Solidaritäts-T-Shirt leisten können, geschweige ein Zuhause. - Der französische Dichter Jean Genet geht mir nicht aus dem Sinn, der bezweifelt, daß man von Unschuld bei einer amerikanischen Witwe reden könne, die bei einer Flugzeugentführung von palästinensischen Terroristen in der Wüste festgehalten wird, da sie sich doch den Luxus eines derartigen Tourismus' leisten könne !

Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein

DER ROSENKAVALIER ist eine auf den ersten Blick sehr private Geschichte von Verlangen, Verlieben, Verlassen und Vergänglichkeit. Von Träumen und Erkennen, Fordern und Entsagen - in der verblüffenden Illumination einer pulsierend-überschwenglichen Riesenpartitur : kunstvoll sind komplizierte Musikstrukturen immer wieder in pointierten Steigerungen, betörenden Klangkaskaden, Kantilenen und vermeintlichen Wiener-Walzer-Rhythmen aufgefangen. Die Überreichung der Silberrose und das Schlußduett "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein" gehören in ihrer rauschhaften Ekstatik zu den romantischsten Musikszenen dieses Jahrhunderts.

Jetzt, fünf Jahre nach der Ära Gielen, die mit Ruth Berghaus´ Interpretation der GÖTTERDÄMMERUNG an der Oper Franfurt zu Ende ging, wurde die Regisseurin wieder für eine Inszenierung an diesem Haus gewonnen. Diesmal dirigiert Spiros Argiris, der neue musikalische Chef, und das Bühnenbild schuf Erich Wonder. Es war in der Tat spannend, zu erfahren, wie in solcher Konstellation ein ROSENKAVALIER Wirklichkeit gewinnt. - Die Liebe, erfaßt in einem Augen-Blick, gerinnt zu Verlorenheit, zu bürgerlicher Figuration, wie auf jenem Hogarth-Stich NACH DER HOCHZEIT, wo das Paar erschöpft an einem Tisch auf Stühlen fläzt und eine stumpfsinnige Zukunft des Nebeneinanderherlebens schon ihren Morgen grauen läßt... Das Schlußduett zwischen Octavian, dem jungen Adligen, und Sophie, der hübschen Bürgerlichen, ist wahrlich zu schön, um wahr zu sein : wo soviel Wohlklang zusammengeht, in Terzen die Soprane, und die Geigen und die Flöten, und im Zuschauerraum die Herzen mit dem Tränenfluß - da, nein, da kann Liebe nicht sein, da ist sie wirklich nicht, da wäre sie verraten an den schönen Schein und Trug und Wunsch. Da prallt zuviel Wirklichkeit ab, bleibt zuviel Widerspruch draußen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Dem Publikum wird es gezeigt : die menschlich, allzumenschlichen Rangeleien und Verstrickungen der Reichen und Schönen verlagern sich am Ende in die Kanalisation der Metropole - wo Existenzen hausen, auf die das Prädikat vom : "WAHREN, GUTEN, SCHÖNEN" nicht zuzutreffen scheint, die nicht nur ausgeschlossen sind vom Sattsein und Edelsein der Besseren, sondern auch aus deren Träumen von einer humaneren Welt, die ja visionär in Kunstwerken von der Art des ROSENKAVALIER geträumt sein sollen. Die Penner und Kanalratten - Bilder aus der Dritten Welt - haben zwar beim Stelldichein der Müßigen zu helfen, doch wie wird man die dienenden Geister wieder los, da sie nachdrücklich um Einlaß in die Welt des Lichtes betteln ?

Dieser Bissen bleibt dem Publikum im Halse stecken, kein Rest von leckerer Opernsüße. Das wurde verstanden : Es wurde dermaßen gut gesungen, genau und differenziert gespielt, jede Geste und jeder Blick kamen mit dermaßen klarer Überzeugungskraft, daß kein Zweifel an Gewissenhaftigkeit und Brillanz einer solchen künstlerischen Arbeit blieb.

Im Grunde führt dieser bemerkenswerte Opernabend anhand des Werkes einen Diskurs zum Thema der Liebe, zaubert einen wienerischen Totentanz auf die Bühne, führt die Protagonisten der gesellschaftlichen Klassen gleichsam durch die Mißklänge unserer Zeit und schließt somit unerbittlich das Opernpublikum in die Auseinandersetzung mit ein. Was ist das für eine Möglichkeit des Liebens, von der alle im Schlußduett träumen und bei der - schöne Tradition unserer Kultur- und Sittengeschichte - immer ein Drittes geopfert wird, Blut ist im Schuh, und seien es die sozial Schwachen, die in den Morast getreten werden, auf daß die Fundamente unserer Kulturfeste sichrer seien...

Mit ebenso liebevoller wie scharfer Geste führt Ruth Berghaus in erstaunlicher Kunst die zwei Bereiche, das Private und das Gesellschaftliche, zusammen und verschränkt sie so leicht miteinander, daß der Atem stockt. Wenn Kunst überhaupt politisch relevant sein kann und trotzdem Kunst : so ist dies hier gelungen - ein bitteres Bild menschlicher Existenzen im neuen alten Deutschland. Berghaus bleibt sich nach ihrer Art poetischer Subversion treu. Der Trost von Illusionen wird nicht zugelassen, die Liebesfähigkeit ist infiziert von angelerntem Vorwissen, leistungsorientierten Rollenzwängen, ökonomischer Berechnung : Aus dem für Natur und Herbstlaub transparenten Boudoir der Marschallin führt uns der Weg Octavians in eine Prestige zur Schau stellende finstere Bibliotheksrotunde (in demselben Blau, das den Zuschauerraum der Oper dominiert), künstliches Licht, das die gehortete Masse toten und tötenden Wissens ausstellt. Da allein gibt es den kurzen Moment, wo zweier Augen sich treffen, die Welt versinkt, die Wände kreisen und alles Vorbestimmte ist außer Kraft gesetzt -. Die Zeit hielt den Atem an, schnell ist es vorbei, alles wird absurd und grotesk. In der Unterwelt sehn wir uns wieder.

Menetekel

Gekonnt wurde mit großen Bögen die hochartifizielle Architektur der Vorkriegs - Musikkomödie herausgearbeitet : Akt I - "Herbst", das weite Boudoir der Marschallin ist transparent für Goldlicht und -schatten der Natur. Die Bäume schimmern durch die Wand, bei seinem letzten Auftritt weht hinter Octavian Herbstlaub herein, vor die Füße der Marschallin. Akt II - "Wünsche", in einer finsteren Bibliotheksrotunde, deren einziges Licht die Bücherbeleuchtung (!) spendet, da, wo jede Wirklichkeits- und Lektüreerfahrung in staubige Distanz gerückt ist, da treffen die Augenpaare des Rosenkavaliers und der dressierten Sophie aufeinander, für einen Augenblick, da kreisen die Wände - doch sobald platzt Ochs herein, auch sein vitales Begehren ist infiziert von Berechnung. Alles kippt um in eine grandiose Groteske - die Absurdität wird mit so hemmungslosem Humor unterm Vergrößerungsglas der Bühne ausgebreitet, jedes Äderchen der sozialen und psychologischen Skurrilitäten sichtbar, daß die Gattung mit Grandezza erfüllt war : so habe ich in einem "Rosenkavalier" noch nie lachen können. Akt III - "Totentanz". Die dritte, unterste Ebene der Gesellschaft ist erreicht, Octavians Weg führt uns in die Tiefen der Unterwelt, und die Szene konfrontiert das Publikum mit eben jenen Existenzen, die in Frankfurt von der Polizei mühsam aus dem Gesichtsfeld der Kulturfreunde gedrängt wurden. "Randfiguren". Mit atemlosen Verstehen vom Auditorium wahrgenommen. DER ROSENKAVALIER ist eben ein Stück über die Liebe, und ein solches kann im Herbst `92 schwerlich leugnen, wie eng der bürgerliche Liebestraum begrenzt ist, der so schön und so unwahr ist. Und darin liegt die enorme Bedeutung dieser Inszenierung, daß es hier - dank diesem höchst bürgerlichen Opernwerk - gelang zu zeigen, wie verquickt Privates und Gesellschaftliches sind, daß Oper, gerade diese, in ihren intimen Figurationen nicht zuletzt Geschichtliches symbolisiert - ein Menetekel...

Schlussduett
Foto: Mentzos

Die Protagonisten bewiesen es mit Souveränität und Brillanz. Deborah Polaski ist das Zentrum dieser Aufführung : Größe und Kraft der Marschallin werden in ihr Ereignis. Ihre nicht zu große, aber enorm ausdrucksvolle Stimme verleiht der Rolle ein solch reiches Format, daß man gern anfängliche Momente des Forçierens vergißt bei so wunder-vollem Piano und stets überragender Gestaltung. Daniel Lewis Williams ist ein forscher Ochs, dessen Stimme in der Tat an seinen Lehrer Kurt Böhme erinnert, mühelos und bravourös bewältigt er die Klippen der Partie, bleibt nichts Kunstwienerisches schuldig und erreicht im II.Akt fesselnde Höhepunkte. Ildiko Komlosi als Titelheldin (man sieht eine junge Frau, die nicht versteckt wird und die einen Jüngling spielt, der ein Mädchen spielt - keine Travestieklamotte !) strahlt durch traumsichere Leichtigkeit und kantable Klarheit, beschädigt allein durch Textunverständlichkeit, ein Makel, der leider auch den anderen, wenn auch nicht in solcher Permanenz, anzukreiden ist - fatal bei diesem Werk ! Pia-Marie Nilssons Sophie war mir um Grade zu scharf in den Höhen, bewältigte ansonsten achtbar ihren Part, ohne jedoch mit jugendlichem Schmelz betören zu können. Auch Tomas Möwes als Faninal erschien zwar in der Rolle des zwanghaft-aufstrebenden Bürgers hinreißend, wirkte auf mich stimmlich jedoch in dieser Partie nicht so ideal besetzt, wie man es bei ihm hätte erwarten dürfen - aber vielleicht unterstreicht der etwas angestrengte und somit farblosere Klang seines Baritons die Charakterisierung der Figur. Schließlich hatte das Orchester in Spiros Argiris einen Leiter, der es nicht zu Begleitfunktionen und Schlußeffekten drosselte, sondern die ganze Kraft der Musik zu entfesseln verstand - im Fluß der dramatischen Entwicklung mit virtuoser Feinfühligkeit dabei die Stimmen im Gleichgewicht hielt; Stringenz und Durchsichtigkeit der Partitur waren zu erleben. Einhellig wurden Musiker und Sängerinnen gefeiert, angesichts des Regie-Teams zerfiel das Premiérenpublikum in zwei lautstarke Lager...

Ein Abend von Rang, dem man ein längeres Leben wünschte, als ihm der Spielplan des Hauses zugesteht - es dürfte eine Produktion von der Art sein, die viel gelobt und kaum gesehen ward.

© Olaf Brühl, Berlin 1992

siehe auch: COSÌ FAN TUTTE 1989

siehe auch Uwe Schwentzig: BERGHAUS, VERORTET


Ruth Berghaus 1992 in Berlin
bei den Proben zur Wiederaufnahme
ihrer 1982-iger Inszenierung von
Brecht/Dessau DIE VERURTEILUNG DES LUKULLUS
Foto: Olaf Brühl