Das Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, Berlin, 2007 © Brühl


BERGHAUS, VERORTET


von Uwe Schwentzig





Wer war Ruth Berghaus? Eine Kommunistin im Benz? Man hat sie in einer Schlagzeile DIE GRÖSSTE DEUTSCHE REVOLUTION IM THEATER genannt ... "Nach der Wende geriet sie ins Fadenkreuz der politischen Tugendwächter (West). Vergessen, verdrängt, dass sie nach sechs Intendantenjahren 1977 vom Berliner Ensemble sich trennte im Zwist; dass sie immer weiter aneckte mit ihren Arbeiten; dass sie 1979 mit dem Tod Paul Dessaus ihren politischen Rückhalt verloren hatte in der DDR", mahnt Georg-Friedrich Kühn, der (West-)Berliner Musikjournalist.

Ruth Berghaus, 1927 geboren in Dresden, aufgewachsen in Nazideutschland, nach dem Krieg von Gret Palucca ausgebildet zur Tänzerin und Choreografin, ging nach Berlin, um die Theaterkunst Bertolt Brechts zu lernen. Die Avantgardisten sind von Anfang an ausschlaggebend für Berghaus. In unvergleichlicher Aufbruchstimmung ging es damals um eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft. Erste Choreografien verwirren die Kulturfunktionäre der SED wegen deren innovativer Kraft. Die Künstlerin gerät so infolge der fatalen Formalismusdebatte ins berufliche Aus. Allein die Ehe mit Paul Dessau vermochte sie auf Dauer zu schützen.

Kräfte, die es nicht nur zu DDR-Zeiten gibt

Am BE bringen ihr die genial choreografierten Kampfszenen in Brechts CORIOLAN internationalen Ruhm. Bald inszeniert sie an der Berliner Staatsoper ELEKTRA, deren Radikalität schockierend wirkte. Als sie am museal eingetrockneten BE die Intendanz übernimmt, frühe Stücke Brechts aufführt und neue Autoren, wie Heiner Müller, und Regisseure, wie Einar Schleef, fördert, vereinen sich wiederum jene Kräfte, die es nicht nur zu DDR-Zeiten gibt, und stürzen die Frau, die - im Sinne Brechts - aus dem Theatermuseum eine ästhetisch-inhaltliche Tribüne hochqualifizierter Konsequenz macht ...

Nun RUTH BERGHAUS. EIN PORTRAIT, geschrieben von der Schweizer Journalistin und Geigerin Corinne Holtz. Wer war Brecht? Jemand mit schmutzigen Fingernägeln und fein genähten Jacken. Soviel zu jenem Dichter, Dramatiker und Regisseur, der wie kein anderer ausschlaggebend für die Arbeit von Berghaus war. Darüber hinaus erfährt man nichts. Allenfalls Brechts "eklektische" Marx-Lektüre wird abgehakt. Was ist Dialektischer Materialismus? Eine ideologische Indoktrination? Warum ließ Brecht im Film nur Chaplin gelten, was ist mit der Dialektik gemeint? Und worin besteht das Brechtsche, das Epische Theater? Ruth Berghaus wird es immerhin auch auf die Oper anwenden und weiterführen. Elektrisiert von der Commedia dell´arte funkt das noch heute in ihrer Inszenierung des BARBIER VON SEVILLA (Ausstattung: Achim Freyer, 1968 !) an der Staatsoper Unter den Linden.

Leichtigkeit und Heiterkeit waren nicht nur Attribute von Ruth Berghaus´ später Arbeit, wie die Autorin behauptet, sondern v.a. der Jahre am BE. Zeitzeugen bekunden es. - Die Wendehalszeit brachte Verbitterung. Nicht nur ihr und nicht nur wegen der "Privilegien". Sie sah Vieles kommen, womit wir es jetzt zu tun haben, das war und das ist wenig Anlass zu Unbeschwertheit.

Fremdheit in einer kränkelnden Welt

Was wohl ist gemeint mit der Idee ("...Un sogno d´una cosa"..., wie Pasolini Marx zitierte), von der sich Ruth Berghaus nach Abschied der DDR nicht verabschieden konnte und wollte? Holtz identifiziert diese Idee, diesen Traum glatt mit der DDR. Sah Holtz die letzte Berliner Arbeit der Berghaus, PELLEAS ET MELISANDE von Maeterlinck und Debussy? Diese lucide Inszenierung eines Traumes der Fremdheit und Apartheit in einer kränkelnden Welt?

Wichtig für Dessau (der eine bedeutende Klavierkomposition GUERNICA schrieb) und Berghaus waren besonders Künstler wie Pablo Picasso, Paul Klee oder Autoren wie Elias Canetti, dessen in der DDR unerwünschtes Buch MASSE UND MACHT das Ehepaar für Freunde einschmuggelte. Doch die Autorin interessiert sich für Derartiges nicht. Auf den Dramatiker Peter Hacks (OMPHALE) und dessen ästhetische Satire OPER und der VERSUCH ÜBER DAS LIBRETTO (1975) wird mit keinem Satz eingegangen. Es kommt nicht vor. Auch Pina Bausch wird nicht genannt, nicht Bob Wilson. Dafür das musikalische Theater Marthalers hochstilisiert zur Erfüllung Berghausscher Ideen - was schon inhaltlich nicht sein kann, wo es ästhetisch schief liegt, und beiden Künstlern Unrecht tut.

Die langjährige Mitarbeiterin der Berghaus, die Musikwissenschaftlerin Sigrid Neef (Tochter des Philosophen Georg Knepler, was in dem vor allem an Privatem so interessierten Buch unter den Tisch fällt) soll - zurecht - als wichtige Autorin gewürdigt werden, nicht ohne ihre Stasi-Zuarbeit zu ignorieren, und richtig, da gibt es seitenlange Referierung dieser allerdings widersprüchlichen Beziehung. Doch bleibt es bei pauschalen Zuordnungen und die angekündigte "Würdigung" der Arbeit fällt aus, kein Wort.

Kunstsprengstoff

Dabei hätte diese Auseinandersetzung lebendig werden können. Jenseits politisch ebenso "korrekter" wie simpler Schemata über die Staatskunst der DDR, vermag Neef vielmehr plausibel zu machen, dass im Sinne Heiner Müllers "Was man noch nicht sagen kann, kann man vielleicht schon singen" Oper in der DDR Teil einer kulturellen Gegenöffentlichkeit wurde. So ist der Begriff von der "poetischen Subversion" bei Berghaus relevant. Holtz erwähnt den Begriff, ohne ihre Quelle zu nennen. Sehgewohnheiten, mithin die Konformität des Denkens und Verhaltens beschreibend zu durchbrechen, Neugier, Lust des Erkennens und Erfahrens steigern, das war der Kunstsprengstoff von Berghaus. Fraglich, ob das heute weniger querständig und unbequem wäre, da, wiederum mit Heiner Müller: "nichts mehr möglich ist, wo alles möglich ist." Sehr fraglich auch, ob diesem Kunstwillen mit den gängigen ideologischen Zuordnungen ausreichend beizukommen ist, solange der ideologiekritische Impetus herunter gerechnet wird aufs Tagespolitische.

Von "Verrätselung" konnte bei Berghaus nie ernsthaft die Rede sein: es ging darum, den Dingen Geheimnisse zu lassen, mit energischster Klarheit die inhärenten Widersprüche herauszumodellieren, nichts dem Werk, seiner Vielschichtigkeit, und dem Publikum schuldig zu bleiben. Theater sei Spiel und nicht das Leben.

Um Autonomie und Brisanz künstlerischer Eigenart ging es Berghaus immer sehr, in ihrer künstlerisch produktiven Eigenwilligkeit und hohen Erfindungskraft vielleicht am ehesten einer Louise Bourgeois vergleichbar. Dass, wie sie oft sagte, "alles auch ganz anders sein könnte", dass Phantasie an sich etwas Provozierendes in den geprägten Alltag bringt, dass Kreativität freigesetzt werden muss („Normalität ist ein rassistischer Begriff!“), und dies lustvoll ist, dass geschichtliche, ökonomische und v.a. ideologische Zusammenhänge die Gefühle beeinflussen, und Gefühle diese Maßgaben ins Wanken bringen, dass die sexuellen Schwingungen stets präsent sind, sich nicht an soziale Regeln halten ... wohl aber in der Musik aufklingen, wie Ängste, Sehnsüchte und Glücksmomente, dafür fand sie unerschöpflich immer neue und aufschlussreiche Vorgänge, konkret wie im Traum...

Der Beobachter sieht nichts

All das ist für das Zielpublikum wahrscheinlich ohne Interesse. Das Buch spekuliert offenbar auf ein Sensationsgelüste der einst sich "provoziert" Fühlenden. Darüber kommt der Text kaum hinaus. Lang erarbeitete Aufführungen hätten mit ihren Ergebnissen selbst „intellektuell Aufgeschlossene“ am Abend überfordert. Man fragt sich, ob das nicht bereits auf die Text-Musik-Partituren von Mozart, Wagner oder Berg per se zuträfe? Eine Frage, die für Holtz in keinen Moment dämmert. Sie ist bloß an Stasi-Informanden interessiert. Nun kennen wir sie alle, die Decknamen der Spitzel, die sich im Umfeld der Künstlerin tummelten, inklusive Akten-Register-Nummern. Doch der Skandal um die Absetzung der Berliner RING-Inszenierung gewinnt keine Brisanz. Den er hat, noch jetzt! Dazu bedürfte es eines anderen kritischen Instrumentariums. Die Autorin macht es sich allzu einfach, eine "politische Biografie" leistet insofern das Buch noch weniger als die einer angefeindeten Künstlerin. "Der Beobachter sieht nichts" heißt es bei Johannes Bobrowski (der wird auch nicht genannt). Die Probleme im Umfeld der Biermann-Ausbürgerung waren wohl komplexer.

Die Unkenntnis von DDR-Wirklichkeit, wie auch der gegenwärtigen, wetteifert mit der Unkenntnis des höchst vielgestaltigen Werks der Berghaus. Im Werkverzeichnis des Buches fehlen STELLA (kein Druckfehler, auch im Fließtext wird behauptet, 1976 hätte Ruth Berghaus "nur" Baierls DER SOMMERGAST inszeniert), die TV-Aufzeichnungen von ZEMENT und IM DICKICHT DER STÄDTE; der LUKULLUS-Beitrag wurde 1992 vom ORB gesendet und entstand nicht erst 1994, usw. mit Fehlern. - Wer nicht vorkommt, ist immerhin Claudio Abbado, neben Harnoncourt und Gielen einer der bedeutendsten Dirigenten der Ära 80/90, mit dem Ruth Berghaus in Wien Schuberts FIERRABRAS wiederentdeckte und in dessen Haus sie ein gemeinsames Filmprojekt realisierten: L´HISTOIRE DU SOLDAT von Stravinsky (Regie: Maxim Dessau, auch dieser Film fehlt in der Auflistung), man erfährt nichts darüber. Holtz geht nicht auf die Rückkehr zum Tanz ein, als Berghaus Henzes ORPHEUS-Ballett für die Wiener Staatsoper choreografierte. Ein Hauptmerkmal ihres Theaters waren die Bewegungserfindungen, der Umgang mit Körper und Musik: Reibungen im Raum der Geschichte. Wer war Ruth Berghaus?

Frau Holtz protokolliert in Kulturbeilagenstil (der Vokabeln wie "verortet" nicht schmäht) eine fleißige Archivarbeit, Recherchen und Gespräche (manch Interview-Partner zog sich zurück, andere verweigerten sich). Am einfühlsamsten sind vielleicht die Jugendjahre während des Krieges und in der schweren Zeit danach geschildert. Aber was etwa bestimmte die Auswahl von Mitarbeitern bei Ruth Berghaus? Was waren Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Formsprachen von Strandt, Schlieker, Schaal, Scharich, Manthey, Freyer, Reinhard, Schubert? Diese Untersuchungen, die sich kunst- und kulturgeschichtlich als aufschlussreich erweisen würden, und vieles mehr, bleibt die Autorin schuldig. Traurig. - Gern hätte man ein Buch aufgeschlagen von der ebenso kritischen wie einsichtigen Art Sabine Kebirs. Sie schrieb massstabsetzende Biografien u.a. über Brechts Frauen, über Elisabeth Hauptmann, über Helene Weigel. Deren Niveau erreicht Holtz auf keiner Seite. - Ruth Berghaus starb vor zehn Jahren in Zeuthen bei Berlin.

Berlin / Juli 2005
(mit frdl. Genehmigung d. A.);
in:
DAS BLÄTTCHEN, Nr. 25
Berlin, 5. Dezember 2005

Corinne Holtz: RUTH BERGHAUS. Ein Portrait.
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2005. 398 S.



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