Olaf Brühl

CHRONOLOGISCHES ARCHIV

Daten-Pool
zum
DISKURS MÄNNLICHER HOMOSEXUALITÄT
in der DDR,

bzw.

von 1947 bis 15. 5. 1997


work in progress
2003 (23. Juli 2006)





»Da einzelne historische Ereignisse und Vorgänge
nicht ohne eine übergreifende Theorie und Methode analysiert werden
können, Quellen nicht für sich sprechen, sie nur einen Indizien-, aber
keinen Beweiswert haben (einschließlich der Akten der Staatssicherheit),
versteht es sich, daß von der Qualität der übergreifenden Theorien und Methoden
die Ergebnisse der Analyse wesentlich mitbestimmt werden.
Es scheint daher sinnvoll und an der Zeit, sich über Methode und Funktion
der Interpretation und Wertung der Geschichte der DDR Klarheit zu verschaffen,
wie sie gegenwärtig in konzertierter Aktion von Historikern, Politikern, Pfarrern,
Journalisten, Juristen und sich neu profilierenden Wendeaktivisten praktiziert werden.
«

(Winfried SCRÖDER, in: NEUES DEUTSCHLAND vom 9./10.1.1993)




work

Vorbemerkung
Vorbericht
Dank

1950 / 1960 / 1970 / 1980 / 1990
Resümee

Liste (bis 2006) verwendeter Literatur





»Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualregungen studiert, erfährt sie, dass alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben.«
Siegmund FREUD: 1915


"There is no such thing
as a homosexual or a heterosexual person.
There are only homo- or heterosexual acts.
Most people are a mixture of impulses
if not practices."

- Gore VIDAL -




"Die Verabsolutierung der Heterosexualität bei der Mehrheit hat
die Verabsolutierung der Homosexualität bei einer Minderheit zur Folge.
Konzeptionen, die allein auf Integration einer besonderen Minderheit
in die Gesellschaft zielen, sind deshalb perspektivisch nicht tragfähig.
Gesellschaftlich geht es primär um die Integration der
Homosexualität in die menschliche Sexualität überhaupt.
Dabei ist die soziale Integration der Homosexuellen ein Teilaspekt.
Die vollständige Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität,
die Aufhebung der Polarisierung der Sexualitätsformen, ist die
Aufhebung der Homosexuellen als besonderer 'anders gearteter' Menschengruppe."


(ca. 1988: Interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Homosexualität" (IAH) an der Humboldt-Universität Berlin/DDR,
Konzept der Forschung bis 1995, Bert THINIUS in: THINIUS, "Aufbruch...", 1994, S.24.- Siehe Literatur)



1947

Am 1. Januar 1947 war mit der Schaffung der Bi-Zone (aus britischer und US-Zone) eine neue Etappe deutscher Teilung eingeleitet worden.

Die Interzonenkonferenz der deutschen Ministerpräsidenten in München (5.-7.6.1947) scheitert; die 'Regierungschefs' der sowjetischen Besatzungsone verlassen die Konferenz, als ihre Forderung, der Frage der politischen Einheit (deutsche Zentralregierung) den Vorrang vor wirtschaftlichen Fragen zu geben, abgelehnt wird.
Die sowjetische Militärregierung überträgt ihre wirtschaftlichen Befugnisse auf 5 deutsche Zentralverwaltungen (Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen); als zentrale Verwaltung der sowjetischen Besatzungsone (SBZ) wird die "Deutsche Wirtschaftskommission" in Berlin gebildet.

Als Folge der Truman-Doktrin wird der "Marshall-Plan" (nach dem US-Außenminister) aufgestellt: "Europeen Recovery Program" (ERP); finanzielle und Sachleistungen seitens der USA sollen den Wirtschaftsaufbau in Europa fördern (5.6.1947).
Auf der Grundlage des "Marshall-Plans" wird von zunächst 14 europäischen Staaten gemeinsam ein europäisches Wirtschaftsprogramm ausgearbeitet (12.7.,-22.9.1947). Die "Organization for European Economic Corporation" (OEEC, Europäischer Wirtschaftsrat) entsteht (in Kraft ab 16.4.1948).

Naomi KLEIN (Kanada):
"Zudem fühlten sich so viele Deutsche zum Sozialismus hingezogen, dass die US-Regierung lieber die Teilung Deutschlands akzeptierte, als zu riskieren, das ganze Land zu verlieren - entweder durch den völligen Zusammenbruch oder einen Sieg der Linken. In Westdeutschland baute die US-Regierung mit dem Marshallplan ein kapitalistisches System auf, das nicht dazu gedacht war, schnell und problemlos neue Märkte für Fond und Sears zu schaffen, sondern das aus sich heraus so erfolgreich werden sollte, dass Europas Marktwirtschaft gedieh und der Kommunismus seine Attraktivität verlor."

Die ergänzende Parallelstrategie der USA treibt den "Kalten Krieg" und das Wettrüsten (nach Eric Hobsbawns Berechnungen gaben die USA ca. 7 % ihres Bruttosozialproduktes für Militär aus, die UdSSR etwa 25%, um annähernd das Gleichgewicxht halten zu können), das sie zum Entsetzen der Menschheit mit den Abwürfen zweier Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 eröffnet hatte, in unermeßliche Konsequenzen - auf Kosten der Menschen.

Herbert Graf, 2011, S. 135 ff. / 142 ff.


Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 266 f.





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Naomi Klein: ""Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus", Frankfurt a. M. 2007, S.348

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Hobsbawn, Weltgeschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, München 2008, S.316

28.2.1947

Der Dresdner Arzt und Sexualforscher Rudolf KLIMMER plädiert mit einem Referat auf einer Veranstaltung des "Kulturbundes" in Leipzig für die Abschaffung des §175 des StGB in der sowjetischen Besatzungszone.
Es folgen weitere Referate KLIMMERS auf Einladung des "Kulturbundes", z.B. April 1947 in Dresden. Die örtliche Presse berichtet über diese Veranstaltungen

v. Kowalski 1987 S.17,
Grau 1995 S.91

21. April 1947

Beginn der geheimen Beratungen von elf führenden Vertretern deutscher Banken, Wissenschaftler und Spezialisten der drei Westalliierten (in militärischer Abschirmung auf dem Kasernengelände von Rothwesten bei Kassel) über Einzelheiten der Währungsumstellung in Westdeutschland (die Banknoten wurden in den USA gedruckt und in 23.000 Stahlkisten nach Bremerhaven verschifft).

Gesetz und Verordnungsblatt des Wirtschaftsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes 1948, Beilage u.a.

Juni 1948

20.6.: Währungsreform in den Westzonen (Deutsche Mark West)
- daraufhin am 23.6.: Währungsreform in der Sowjetzone
23.6.: Einführung der DM West in Westberlin (führt zur Blockade seitens der SU)

August 1948

Eine von Curt RÖBEL, Abgeordneter im sächsischen Landtag, initiierte Resolutionin "an alle deutschen Landesregierungen, Zentralverwaltungen und Landtage" zur Abschaffung des § 175 hat keinen Erfolg.

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Nach Absagen seitens verschiedener Presseorgane kann Rudolf KLIMMERs Vortragstext "Zur Frage der Homosexualität" von 1947 (s.o.) in der "Sächsischen Zeitung" erscheinen. KLIMMER machte als Arzt darauf aufmerksam, dass die soziale Ächtung und juristische Verfolgung Homosexueller zu Ursachen gesundheitlicher Schäden werden könnten.

Grau 1995 S.95


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Sächsische Zeitung Dresden, Nr. 203 v. 31.8.1948, S.1 / S.18

23.9.1948

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) lehnt am 23. 9. 1948 den Antrag von Rudolf KLIMMER ab, Homosexuelle als Opfer des "Nationalsozialismus" anzuerkennen - mit der Begründung, "die Homosexuellen" seien keine "prinzipiellen Gegner des Naziregimes" , unpolitisch oder sogar Mitglieder der SS/SA gewesen.
Siehe auch: 23.6.1949

Klimmer 1969 S.276,
Grau 1995 S.101/102

1949

Abschluß des Nordatlantik-Paktes (North Atlantic Treaty Organization, NATO) in Washington auf zwanzig Jahre zwischen Benelux-Staaten, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Island, Italien, Norwegen, Portugal, Kanada und den USA (4.4.): die USA sichern jedem Teilnehmer Rüstungs- und Waffenhilfe zu (Mutual Defense Assistence Act).
In Paris (sechste) Tagung der Außenminister der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion über Deutschland (23.5.-20.6.): die Sowjetunion fordert Viermächte-Kontrolle, eine deutsche Zentralregierung auf der Grundlage der bestehenden Wirtschaftsverwaltungen und eine internationale Kontrolle des Ruhrgebiets. Eine Einigung wird nicht erzielt.
Am 23. Mai Verkündung des vorläufigen Grundgesetzes für eine "Bundesrepubik Deutschland" - am 15.9. wird Konrad ADENAUER zum Bundeskanzler gewählt, der am 20.9. eine Bundesregierung aus CDU, FDP und DP bildet. ("Petersberger Abkommen" zwischen dem Bundeskanzler und den Aliierten Hohen Kommissaren: 21.11.).

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Rudolf KLIMMER veröffentlicht seinen Artikel "Über das Wesen der Homosexualität" in der Fachzeitschrift für Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie. Auch hier appelliert er, dass Behandlung und Bestrafung von Homosexualität zwecklos und ungerechtfertigt sei, da "weder Krankheit noch Entartung".

Rudolf KLIMMER stellt das Manuskript zu seinem Hauptwerk "Die gleichgeschlechtliche Liebe" fertig. Die Veröffentlichung wird vom Amt für Literatur und Verlagswesen der DDR verhindert, dessen kultureller Beirat an den Generalstaatsanwalt am 10.5.1950 seine Bedenken dagegen mitteilt.
(Das Buch erscheint 1958 unter dem Titel "Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage" in der BRD, wo es drei Auflagen erlebt.)


Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 274 f.




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Psychiatrie, Neurologie und medizinische Psychologie, Leipzig 1949 Jg.1/Nr.11 S.341-348

v.Kowalski 1987 S.24,
Herrn "Anders bewegt" Hamburg 1999 S. 39

23.6.1949

Auf Rudolf KLIMMERS erneuten Antrag an die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), sich für Homosexuelle einzusetzen und sie in den Verband aufzunehmen, wird ablehnend beantwortet.
- Später entschied auch die SED in ähnlicher Weise über die Frage der "Wiedergutmachung" an homosexuellen NS-Opfern. (Auch die Regierungen der BRD haben sich bis heute nie anders entschieden).

Katalog 1997 (Steinle) S. 200,
Nachlass Klimmer, Schwules Museum Berlin

7.10.1949

Wilhelm PIECK proklamiert auf der 9. Tagung des Deutschen Volksrates die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Auch die Homosexuellen glaubten, sie könnten nun angstfrei leben. Zwar werden homosexuelle Handlungen kaum bestraft, aber die Homosexualität bleibt als "unsozialistisch" geächtet.


Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949: Artikel 7: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen sind aufgehoben.“
Artikel 18 „… Mann und Frau … haben bei gleicher Arbeit das Recht auf gleichen Lohn. Die Frau genießt besonderen Schutz im Arbeitsverhältnis."


(in der DDR wurden materielle Abhängigkeitsverhältnisse unter Erwachsenen, wie etwa die Hausfrauenehe, in keiner Weise gefördert. - In der BRD gibt es das "Ehegattensplitting" bis heute).

NB.:
Das Bürgerliche Gesetzbuch (der BRD) schrieb indessen vor: Wollte eine Frau arbeiten, musste das ihr Ehemann erlauben (erst 1977 wurde das Gesetz geändert). Bis 1. Juli 1958 konnte der Mann, wenn es ihm beliebte, den Anstellungsvertrag der Frau nach eigenem Ermessen und ohne deren Zustimmung fristlos kündigen.
In Bayern mussten Lehrerinnen zölibatär leben wie Priester – heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Denn sie sollten entweder voll und ganz für die Erziehung fremder Kinder zur Verfügung stehen. Oder alle Zeit der Welt haben, um den eigenen Nachwuchs zu hegen.
Bis 1958 hatte der Ehemann in der BRDdas alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Auch wenn er seiner Frau erlaubte zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich erst schrittweise. Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen. Bis 1969 wurde eine verheiratete Frau als nicht geschäftsfähig angesehen. - Diskriminierung lediger Mütter und unehelicher Kinder (faktisch und kirchlich systemimmanent).

Auch wenn Ehepaare getrennt lebten, galt in der BRD der Straftatbestand der Vergewaltigung nicht, auch wenn sich ein Partner gegen den Willen des Anderen körperlich an diesem verging. Sexuelle Gewalt in der Ehe war allenfalls Körperverletzung und Nötigung - bis 1997 (sic !): In einem fraktionsübergreifenden Antrag entschied der Bundestag, dass sexuelle Gewalt auch innerhalb der Ehe strafrechtlich als Vergewaltigung bestraft werden muss.

Klimmer 1969 S.274,
v.Kowalski 1987 S.16,
Thinius 1990 S.145,
Grau 1995 S.85,
Grau in: Van Dijk & Grau 2003 S.142-158

Fünfziger Jahre

Es kam in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1950 und 1969 zu mehr als 100.000 Ermittlungsverfahren und mindestens etwa 50.000 rechtskräftigen Verurteilungen. – Im selben Zeitraum (!) kam es in der DDR zu ca. 5000 Verurteilen (jedenfalls deutlich weniger als 10.000): HOFFSCHILDT (2002) gibt vage bis 1957 eine Zahl bis max. 4000 an.

»In Homosexuellenzeitschriften der Bundesrepublik erscheinen einige wenige Artikel über die juristische, soziale und gesellschaftliche Situation homosexueller Männer in der DDR. Darin kommt die strafrechtlich günstigere Lage in der DDR zum Ausdruck, gleichzeitig der große Konformitätsdruck sowie der Mangel an Organisations- und Kommunikationsmöglichkeiten.« (HERRN)

Obwohl in der DDR neben Organisationen und Zeitschriften auch eigene Lokale für Homosexuelle nicht zugelassen sind (um beim Aufbau des Sozialismus eine Popularisierung von Homosexualität zu verhindern, die als dekadentes Relikt überkommener – zumal faschistischer – Gesellschaftsverhältnisse betrachtet wird), etablieren sich einschlägige Orte: neben Lokalen (»Zum Hattenheimer« in Dresden, »Tante Anna« in Leipzig oder Tanzcafé »Grinzing« in Halle usw.) in den Bezirkshaupt- bzw. größeren Städten vor allem Parks und öffentliche Toiletten (»Klappen«).
Von Ost-Berlin aus kann bis zum Mauerbau 1961 auch West-Berlin besucht werden, allerdings wirken die dortigen Preise wegen des hohen Umtauschkurses abschreckend. An S-Bahn-Kiosken der Grenzbahnhöfe gibt es Publikationen wie den »Kinsey-Report«, ansonsten ist man auf von Freunden eingeschmuggelte Publikationen angewiesen.

Rainer Hoffschildt: 140.000 Verurteilungen nach „§ 175“ (BRD); in: Fachverband Homosexualität und Geschichte e.V. (Hrsg.): Invertito – 4. Jg. – Denunziert, verfolgt, ermordet: Homosexuelle Männer und Frauen in der NS-Zeit, MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2002, S. 140–149.

* * *

Herrn Hamburg 1999 S. 43

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Katalog 1997 (Steinle) S.200 ff.

1950

Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau:
§ 13 - Die Gleichstellung von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben bedingt ihre Gleichstellung im Familienrecht. Gesetze und Bestimmungen, die eine Beschränkung oder eine Minderung der Rechte der Frau im Familienrecht festlegten, sind mit Inkrafttreten der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik aufgehoben worden.
§ 14 - Die Eheschließung hat für die Frau keine Einschränkung oder Schmälerung ihrer Rechte zur Folge. Das bisherige Alleinbestimmungsrecht des Mannes in allen Angelegenheiten des ehelichen Lebens ist zu ersetzen durch das gemeinsame Entscheidungsrecht beider Eheleute. Insbesondere soll über die Wahl des Wohnsitzes und der Wohnung, über die grundsätzlichen Fragen der Haushaltsführung, über die Erziehung der Kinder usw. nur gemeinsam entschieden werden.
§ 15 - Durch die Eheschließung darf die Frau nicht gehindert werden, einen Beruf auszuüben oder einer beruflichen Ausbildung und ihrer gesellschaftlichen und politischen Fortbildung nachzugehen; auch wenn hierdurch eine zeitweilige örtliche Trennung der Eheleute bedingt wird.
§ 16 (1) - Die elterliche Sorge, die das Recht und die Pflicht umfaßt, für die Kinder und ihr Vermögen zu sorgen, sowie das Recht, die Kinder zu vertreten, steht beiden Eheleuten gemeinschaftlich zu. ... § 17 (1) Die nichteheliche Geburt ist kein Makel. Der Mutter eines nichtehelichen Kindes stehen die vollen elterlichen Rechte zu, die nicht durch die Einsetzung eines Vormundes für das Kind geschmälert werden dürfen....

Auch auf formal-juristischer Ebene wurde damit in der DDR Abschied von der „Hausfrauen-Ehe“ genommen.


Ursula ADOMEIT (Hrsg.): "Die Förderung der Frau in der Deutschen Demokratischen Republik. Gesetzesdokumentation", Berlin 1988 (Staatsverlag)

Sabine BERGHAHN & Andrea FRITZSCHE: "Frauenrecht in Ost- und westdeutschland. Bilanz und Ausblick", Berlin 1991 (BasisDruck)

21. Februar 1950

Die DDR-Regierung nimmt die von den Nazis 1935 verschärfte Fassung des § 175 (1871) als "typisch nationalsozialistisch" zurück.
Sie beschließt jedoch »im Interesse der Rechtseinheit Deutschlands«
(sic !): »§ 175 ist in der alten Fassung und nach Maßgabe der alten Rechtsprechung anzuwenden, nach der nur beischlafähnliche Handlungen« strafbar sind
(Spätestens ab 1957 - Siehe 11. 12. 1957 - wird die Bestimmung nicht mehr angewendet, sondern ausgesetzt).

Der 1935 neu ins StGB aufgenommene § 175a (männliche Prostitution und Verführung Minderjähriger) bleibt bis 1968 bestehen; die Höchststrafe wird auf fünf Jahre Zuchthaus herabgesetzt.

Das Berliner Kammergericht sieht darin »einen fortschrittlichen Gedanken« verwirklicht, weil »die geschlechtliche Integrität und damit die gesunde Entwicklung der Jugend« geschützt werde.

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(In der im Mai `49 gegründeten BRD werden am 13. März 1951 die §§ 175 und 175a und ausdrücklich ihr "rechtmäßiges" Zustandekommen während der Nazi-Herrschaft bestätigt und bleiben wirksam, d.h. werden bis 1969 angewendet.)

Siehe im Folgenden: April 1950-1952.

Klimmer 1969 S.274,
Grau 1995 S.98,
Kraushaar 1997 S.82,

Katalog 1997 S. 200 f.,
Herrn Hamburg 1999 S. 36,
Joachim Müller Berlin/Bonn 2000 S.19,
Van Dijk & Grau 2003 S.142 f

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Dose 1990 S. 123

April 1950-1952

Unter Vorsitz von Hilde BENJAMIN (Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR, 1953–1967 Justizministerin), wird eine Gesetzeskommission beim Ministerium der Justiz einberufen, die auch die Neuregelung des § 175 für einen Entwurf des StGB debattiert. Die Verfolgung einvernehmlicher sexueller Handlungen zw. Männern über 21 Jahre sollte aufgegeben, § 175a beibehalten werden.
Siehe 11. 12. 1957.
Zusätzlich wird in § 135 ein neuer Straftatbestand vorgeschlagen: Verletzung der »sittlichen Anschauungen der Werktätigen.«

Rudolf KLIMMER fordert in seinem Artikel "Die Homosexualität und ihre Bestrafung" erneut die Streichung des § 175.
- In den folgenden Jahren wird der Text von einigen Homosexuellenzeitschriften in der BRD nachgedruckt.

Steinle 1997 S. 200,
Kraushaar 1997 S.89

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Neue Justiz 4/1950,
Thinius 1990 S.146,
Herrn Hamburg 1999 S.44

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Herrn Hamburg 1999 S. 45 f.

7.4.1951

Die Bundesrepublik Deutschland wird Mitglied des Europarates

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 285

1952

Der expressionistische Dichter Johannes R. BECHER (1945 nach Deutschland/Berlin-Ost zurückgekehrt), wurde Präsident des "Kulturbundes zur demokratischen Erneurung Deutschland". Er veröffentlichte marxistische ästhetische Schriften, erhielt den Nationalpreise der DDR und wurde Präsident des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands", Begründer von "Aufbau Verlag" und "Sonntag", 1949 Begründer der bedeutendsten Literaturzeitschrift der DDR "Sinn und Form", Präsident der Deutschen Akademie der Künste: er führte 1952 (nicht völlig selbstlos) eine Demonstration für die ersatzlose Streichung des §175 an (ab 1954 Minister für Kultur der DDR. 1956 tritt er für politische Reformen ein und verliert ein Jahr später jeglichen politischen Einfluss. BECHER starb am 11. Oktober 1958).

Erste britische Atombombe (2.10) und erste U/S-amerikanische Wasserstoffbombe gezündet (1.11.).



http://www.ceryx.de/literatur/ls_becher.htm

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 290

18. Oktober 1952

Rudolf KLIMMER wendet sich mit seinem Text "Die Homosexualität und ihre Bestrafung" an die 13 Fraktionen und 16 Mitglieder des Rechtsausschusses der Volkskammer. Trotz zweier positiver Schreiben der LDPD und des Vorsitzenden der VVN blieb KLIMMERS Petition ohne nachweisbaren Einfluss auf den Gesetzentwurf (s.o.) Dieser Entwurf wurde zur Verschlußsache erklärt; zu einer Abstimmung in der Volkskammer ist es nicht gekommen.
Gründe dafür waren möglicherweise »neben der homophoben Ideologie der post-leninistischen UdSSR später auch die Ereignisse um den Aufstand vom 17. Juni 1953, mit denen DDR-Justizminister Max FECHNER in Verbindung gebracht wurde: da er sich auf das Streikrecht berufen konnte, wurde er mit dem zusätzlichen Vorwurf, er habe Unzucht mit seinem Chauffeur begangen, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.«
(STEINLE)
Siehe: 11.12.1957.

Grau (Moral) S. 105,
Kraushaar S.90 f.
Herrn 1999 S.45,

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Katalog 1997 (Steinle) S. 201

1953

Die in sowjetischer Verwaltung stehenden Betriebe (SAG) werden in volkseigene Betriebe der DDR umgewandelt (VEB). - Die Sowjetunion sichert der DDR zu, die Kriegreparationen bis zum Jahresende auslaufen zu lassen (22.8.).

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 291

1955

"Leben Eduards des Zweiten von England (nach Marlowe)" Historie von Bertolt BRECHT (UA: 1924) erscheint - eine Männerliebesgeschichte, deren Beschreibung das sexuelle Begehren nicht ausspart.

Suhrkamp, FfM und Berlin 1953 (mit "Mann ist Mann")
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Aufbau-Verlag Berlin 1955

5.5.1955

Die "Pariser Verträge" treten in Kraft, die Bundesrepublik Deutschland wird Mitglied der NATO. - Neues Besatzungs-Statut für West-Berlin.
Als Gegengewicht zur NATO wird daraufhin am 14.5. der "Warschauer Pakt" geschlossen (Sowjetunion, Albanien, Bulgarien, DDR, Polen, Rumänien, Tschecheslowakei, Ungarn).
Am 27. Okt. kommentiert die SED:
Durch die Pariser Kriegsverträge und die Remilitarisierung Westdeutschlands wird die Spaltung Deutschlands vertieft und versteinert. Es wurde entsprechend der Erklärung Adenauers ein Damm mitten durch Deutschland errichtet.
Die USA und Großbritannien haben ihre Vorschläge zur Spaltung Deutschlands, die sie den Konferenzen von Jalta und Potsdam vorgelegt hatten und die von der Sowjetunion abgelehnt worden sind, in Übereinstimmung mit den alten westdeutschen Separatisten durchgeführt. Das westdeutsche Monopolkapital, das mit dem Finanzkapital der USA und Großbritanniens verbunden ist, hat sich entsprechend seiner Klasseninteressen für die Spaltung Deutschlands entschieden. Es befürchtet, daß bei der Wiedervereinigung die Macht der großen Monopole und der Junker ein für allemal gebrochen wird. Durch Verhinderung einer Volksabstimmung über die Pariser Verträge wurde die Meinung der Mehrheit der Bevölkerung unterdrückt."

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S.299

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Beschluß der 25. Tagung des ZK der SED vom 27. Oktober 1955 (II., 1.)

1956

Rudolf NEUBERTs Jugendbuch "Die Geschlechterfrage" erscheint, worin unter "Abweichungen der Sexualität" Homosexualität als bedauernswerte Mißbildung der Keimdrüsen geschildert wird, für deren Abhilfe die "ärztliche Wissenschaft und Kunst" einen (chirurgischen und erzieherischen) Weg gefunden habe. - Sowie: "Die Abweichungen sind am häufigsten unter genußsüchtigen Nachkömmlingen reicher Familien und bei asozialen Elementen aus anderen Gesellschaftsschichten zu finden."
Als der schwule DDR-Schriftsteller Ludwig RENN (siehe auch im Folgenden: 22.12.1956) daraufhin NEUBERT kritisierte, versprach dieser eine gründliche Aufarbeitung des Themas in seinem in Arbeit befindlichen "Das neue Ehebuch" - worin 1957 (oder folgenden Auflagen) Homosexualität jedoch nicht eingehender thematisiert wurde.

Nach einem von ADENAUER geforderten widerspruchsvollen Verbotsprozess erklärt das Bundesverfassungsgericht nach fünfjährigen Untersuchungen (unter ausdrücklicher Distanzierung der Richter von ihrem Urteilsinhalt) am 18.10.die KPD für "verfassungswidrig", die daraufhin aufgelöst wird.
NB.Damit verlieren die Massen der Gegner der Wiederbewaffnung und Remilitarisierung in der BRD ihre stärkste und entschiedenste Kraft (Diese erste Friedensbewegung der BRD hatte das ganze Land erfasst):
"Das KPD-Verbot" > Deutschlandradiokultur vom 16.08.2006

Das Bundesverfassungsgericht belegt einen Teil seiner Akten - so z.B. zum KP-Urteil von 1956 - mit einer Sperrfrist von fast 100 Jahren (30 bis 50 sind üblich!)...

Auf dem XX. Parteitag der KPdSU in Moskau verurteilt CHRUSTSCHOW am 25.2. den Stalin-Kult und innenpolitische Verbrechen, bzw. Unrechtshandlungen STALINS. - Die Warschauer-Pakt-Staaten (ULBRICHT) folgen ihm darin.

Greifenverlag zu Rudolstadt 1956 S. 80 ff.,
Greifenverlag zu Rudolstadt (2.Aufl.) 1958 - (17.Aufl.) 1968

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Uhlemann 2003 S.16

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Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 305 f.

22.12.1956

Brief Ludwig RENNs an Rudolf KLIMMER: Das Schlimme sei, dass in der DDR das Individuelle durch eine sozialistische Moral kollektiv reglementiert ist. Die DDR-Oberen seien teilweise sehr spießig. »Ich glaube, daß man im Moment auf Deinem Gebiet noch wenig erreichen kann.«
Der weltberühmte Ex-Adlige, antiimperialistische Autor ("Krieg" 1928, "Nachkrieg" 1930, "Adel im Untergang" Mexico, 1944), Kommunist und antifaschistische Widerstandskämpfer als Offizier im Spanischen Bürgerkrieg gegen FRANCO, war 1947 aus dem mexikanischen Exil -alternativlos- in die sowjetische Besatzungszone gekommen (seinen Geliebten durfte er aus Mexico nicht mitbringen). In der DDR wird er wegen seiner kritischen Haltung und nicht zuletzt wegen gelebter Homosexualität sofort ins kulturpolitische Abseits, in unbedeutende Funktionen nach Dresden gedrängt. Von 1969-75 war der zweimalige DDR-Nationalpreisträger Ehrenpräsident der Akademie der Künste (Mitglied seit 1952) undschrieb nun Jungengeschichten ("Trini" 1954, "Herniu und Arnim" 1958) und verbrachte die letzten Jahres seines Lebens zurückgezogen in Resignation. - Am 12. Juli 1979 stirbt Ludwig RENN in Berlin.
RENNs Lebenserinnerungen "Vor großen Wandlungen" von 1936
- sein "schwulstes Buch" - erscheinen posthum: im November 1989.
Siehe Voriges 1956: zu NEUBERT

Thinius 1990 S.153

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Günther Drommer 2002 (Manuskript Renn-Biografie)




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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1989

1957

Vorschlag Walter ULBRICHTs (1.1.1957: Annäherung der beiden deutschen Staaten, Zwischenlösung einer Konföderation (Staatenbund) mit einem Gesamtdeutschen Rat als Regierungsorgan, Wiedervereinigung, Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung. - Der Vorschlag wird vom Ministerrat der DDR am 26.7. wiederholt. - Paßgesetz der DDR am 12.12., das Ausreise ohne Genehmigung unter Strafe stellt.

1957 kam es zu neueren kulturellen Konzeptionsbildungen, für die neben Walter ULBRICHT vor allem der inzwischen aus der Sowjetunion heimgekehrte Alfred KURELLA steht. In dieser Zeit meldete sich in Sachen Humanismus nicht minder Wilhelm GIRNUS (1906 - 1985) zu Wort. Dieser forderte u.a. daß außereuropäische Kulturen nicht länger „Gegenstand der Spezialforschung" sein, sondern in einen „Humanismus als einer allgemeinmenschlichen Lehre" einfließen.

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 310

1957

Bertolt BRECHT "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar": lakonisch und scharfsichtig beschreibt BRECHT u. a. die Erfahrungen in der Liebesbeziehung zwischen Caesars Sklaven und Sekretär Rarus und dem Plebejer Caebio.

Wiener Brecht-Boykott

Aufbau-Verlag Berlin/DDR 1957
&
Gebrüder Weiss Verlag Berlin-Tiergarten (West) 1957

siehe auch: www.olafbruehl.de/brecht.htm und dort den Essay

11.12.1957

Der § 175 wird mit dem Strafrechtsergänzungsgesetz (StEG) in der DDR de facto aufgehoben, weil eine Strafbarkeit homosexueller Handlungen nur bei "schädigenden Folgen für die DDR, den sozialistischen Aufbau" usw. gegeben sei. Anwendungsmöglichkeiten des StEG der DDR liegen im "weitherzigen" Ermessen der Richtenden. Schon vorher wurde einfache Homosexualität in der DDR praktisch nicht mehr strafrechtlich verfolgt. - Aus dem StGB wird der § 175 offiziell 1968gestrichen.
- Die Öffentlichkeit bleibt uninformiert. -

Siehe: 20.2.1959
zurück zu: April 1950

(Durch das Strafrechtsänderungsgesetz von 1957 wurde die Möglichkeit geschaffen, von einer Strafverfolgung abzusehen, wenn eine gesetzwidrige Handlung mangels schädigender Folgen keine Gefahr für die sozialistische Gesellschaft darstellt. Dies setzte den § 175 faktisch außer Kraft, da das Kammergericht Berlin gleichzeitig urteilte, „daß bei allen unter § 175 alter Fassung fallenden Straftaten weitherzig von der Einstellung wegen Geringfügigkeit Gebrauch gemacht werden soll“. Homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen blieben daher ab Ende der 50er Jahre straffrei.)

Klimmer 1969 S.275,
Thinius 1990 S.16,149,161,

J. Müller 1997 S.19,
Grau 2002 S.329 f.

1958

Das Buch "Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage" von Rudolf KLIMMER erscheint in Hamburg. - Darin zitiert er aus einer Dissertation von WEBER ("Die Sexualverbrechen im Strafrecht der DDR und einige Probleme ihrer strafrechtlichen Bekämpfung", Postdam-Babelsberg 1957)
Siehe: 27.6.1966

CHRUSTSCHOW erklärt die Wiedervereinigung zu einer Angelegenheit der Deutschen selbst (22.1./20.3.); die deutsche Frage soll von den Regierungschefs der Vier Mächte erörtert werden, jedoch wünscht die Sowjetunion eine vorherige Einigung zwischen der DDR und der BRD.
Der Bundestag der BRD befürwortet am 25.3. die Aufrüstung der Bundeswehr mit modernsten (auch nuklearen) Waffen.

Verlag für kriminalistische Fachliteratur Hamburg 1958

* * *

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 314
S. 316

20.2.1959

Mit elf gegen sechs Stimmen beschließt die für einen erneuten StGB-Entwurf zuständige Kommission des Justizministeriums (entgegen der Empfehlung der zuständigen Unterkommission!), sogenannte "einfache Homosexualität" weiterhin für strafbar zu erklären. - »Den Ausschlag gab schließlich die Stellungnahme des stellvertretenden Militärstaatsanwaltes, SCHILLE.«
(GRAU, Moral S. 117)
zurück zu: 11.12.1957
Siehe: 1964.

Katalog 1997 (Steinle) S.200,
Kraushaar 1997 S.114

1960

1960 kam es mit einem Aufsatz in der sowjetischen „Philosophischen Enzyklopädie" zu einer offiziellen Humanismus-Definition: „Der Humanismus habe sich nicht nur in Westeuropa entwickelt. Humanistische Ideen, so zeige die neuere Forschung, schon früh bei den Völkern der UdSSR, des alten China und anderen Völkern des Ostens nachzuweisen. So entstand die Idee der 'Menschlichkeit' in China im 8. bis 12. Jahrhundert. Sie war gegen religiöse Normen des Buddhismus und Taoismus gerichtet. Humanistisches Denken in der Philosophie und der wissenschaftlichen Literatur lasse sich für Mittelasien, Georgien und Armenien im 10. bis 12. Jahrhundert aufzeigen, in Rußland im 15. und 16. Jahrhundert."

9.9.1960

Die Behörden der DDR verbieten Bewohnern der Bundesrepublik das Betreten des sowjetischen Sektors von Berlin ohne Genehmigung.

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 325

17.-20.4.1961

Ein in den USA vorbereitetes Unternehmen zum Sturz der Castro-Regierung durch Bombenangriffe und Landungen wird von den kubanischen Kräften geschlagen. - Castro beschuldigt die USA der Unterstützung dieser Aggression und verkündet die Umwandlung Kubas in einen sozialistischen Staat mit kommunistischen Zielen. Es folgen Maßnahmen gegen die Katholische Kirche.

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 331

13.8.1961







24.8.1961

Am 30. Juli 1961 erklärte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des US-Senates J.William FULBRIGHT öffentlich: "Ich verstehe nicht, weshalb die DDR-Behörden ihre Grenze nicht schließen, denn ich meine, sie haben alles Recht, sie zu schließen."

Der Bau der Berliner Mauer beendet nicht nur für West- und Ostschwule Pendelbeziehungen über die Sektorengrenze, sondern quasi in "letzter Minute" auch die akut verschärfte Gefahr eines europäischen Kriegsausbruchs (inklusive nuklearer Katastrophen).


Beim Versuch, den Berliner Humboldt-Hafen von Ost nach West zu durchschwimmen, wird als erstes Maueropfer der 24-jährige Günter LITFIN erschossen. - Die DDR-Medien denunzieren den Getöteten in ihren Verlautbarungen als "arbeitsscheuen" Homosexuellen.


Die Regierung der DDR und die Führung der SED waren über die in ihrer international gefundenen (Washington/Moskau) und vereinbarten (!) Lösung der Berlin-Krise mit der Errichtung der Grenzanlagen keinesfalls erfreut. Der anglikanische Priester und Menschenrechtler Paul Oesterreich (London), traf am 3. Dezember `61 Walter ULBRICHT im Berliner Staatsratsgebäude und zitierte ihn:
"Jeder Schuss an der Mauer ist zugleich ein Schuss auf mich. Damit liefere ich dem Klassenfeind die beste Propagandawaffe. Aber den Sozialismus und den Frieden aufs Spiel setzen, würde unendlich mehr Leben kosten."


Die Einschätzung dieser Ereignisse seitens von Franz Josef STRAUSS (CSU) in München lauteten: daß "daß am Sonntag, dem 13. August 1961" die (US-)amerikanischen Pläne für einen Nuklearschlag auf die DDR "zum Glück Makulatur geworden waren". - Und: "Mit dem Mauerbau war die Krise, wenn auch in einer für Deutschland unerfreulichen weise nicht nur aufgehoben, sondern eigentlich auch abgeschlossen."

Ein Vertreter der britischen Militärkommandantur in Westberlin vertraulich im September `61 zu dem BBC-Korrespondenten:
"Wir Westmächte sind über den Mauerbau eigentlich erleichtert. Für absehbare Zukunft ist Westberlin gesichert. (...) Zwar hat uns der Zeitpunkt des Mauerbaus überrascht, nicht aber die Mauer."


Fulbright in: New York Times, 3. August 1961


Herrn Hamburg 1999 S.50


* * *


Kraushaar 1997 S.115
- Berliner Zeitung v. 31.8.1961
- Neues Deutschland v. 1.9.1961


Oesterreich im Auftrag der BBC London Berliner Zeitung 23./24. Okt. 2009

S. Prokop, Aber keinen Millimeter weiter
in: Neues Deutschland 12. Aug. 2006, S. 22

* * *

Strauss, Die Erinnerungen, München 1998, S. 431, 433

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Oesterreich a.a.O.

1962

Arnold ZWEIGs in Jerusalem geschriebener Roman "Devriendt kehrt heim" erscheint, in dem u.a. die Liebesbeziehung eines jüdischen Professors zu einem palästinensischen Jungen geschildert wird. Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde.

11.01.1962: Der westberliner "Sender Freies Berlin" setzt BRECHT-Boykott fort.
Der SFB bleibt bei seinem Boykott von BRECHT-Stücken im Fernsehen. Das »Leben des Galilei« in der Inszenierung von Egon MONK, der einst selbst Assistent von Bertolt BRECHT am Berliner Ensemble war und jetzt Fernsehspielchef des NDR ist, läuft im Deutschen Fernsehen, während der SFB ein eigenes Programm anbietet. In der Produktion des NDR spielt Ernst SCHRÖDER die Hauptrolle.

Aufbau-Verlag Berlin 1962

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ARD

1963

Das Buch "Die Homosexualität beim Mann" des tschechischen Arztes Kurt FREUND erscheint in der DDR. Es wendet sich an die medizinische Fachwelt. Er wertet Homosexualität im Gegensatz zu dem Eugeniker HIRSCHFELD (der sie aber auch rassistisch als "biologische Anomalie" einordnet) als "Psychopathie" und empfiehlt dagegen eine ("Aversions"-)Therapie zur Umorientierung auf Heterosexualität.

S.Hirzel-Verlag Leipzig 1963,
Klimmer 1969 S.275,
Thinius 1990 S.153 (dort "1965"),
Katalog 1997 (Steinle) S.201

17.5.1963

Die Verfilmung von "Bitterer Honig" (nach dem auch an DDR-Theatern bereits oft gespielten Stück von Shelagh DELANEY, von 1958) startet in den Kinos der DDR


Archiv J.Stargard

1964

In veränderter Auflage der Ausgabe von 1946 erscheint Friedrich ENGELS´ Buch "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" (1884/1891), in dem u.a. die Geschichte der patriarchalen und ökonomischen Struktur von Geschlechterverhältnissen, Familie und Ehe hergeleitet, sowie als konstituierender Raum historischer Klassengegensätze definiert wird.


Karl DIETZ und Peter G. HESSE geben das "Wörterbuch der Sexuologie und ihrer Grenzgebiete" heraus. - Auf S. 138: »Homosexuelle Betätigung wird in der DDR dann bestraft, wenn eine erhebliche Gesellschaftsgefährlichkeit vorliegt.«


Eine vom Staatsrat der DDR eingesetzte Kommission erarbeitet von 1964 bis 1967 erneut einen StGB-Entwurf und schlägt die Streichung des § 175 vor (1967 von Justizministerin Hilde Benjamin übernommen).
zurück zu: 20.2.1959
siehe 1968

Dietz Verlag Berlin 1964


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Greifen Verlag Rudolstadt 1964

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Herrn Hamburg 1999 S.49

1965

Gesetz über das einheitliche Bildungssystem

Erstes Familiengesetzbuch der DDR.
Das FGB beseitigte die Unterscheidung zwischen ehelichen und unehelichen Kindern durch Wegfall dieser Kategorie.
Den Begriff der elterlichen Gewalt ersetzte das FGB durch den Begriff des Erziehungsrechtes.
Im Schwangerschaftsurlaub wurde das volle Gehalt weitergezahlt und der berufliche Wiedereinstieg der Frau abgesichert (bis ca. 90% Frauen berufstätig: = Doppel- bis Überbelastung).
Eine Art von Zerrüttungsprinzip wird als Grund für die Ehescheidung in § 24 (1) FGB genannt: „Eine Ehe darf nur geschieden werden, wenn das Gericht festgestellt hat, dass solche ernstlichen Gründe vorliegen, aus denen sich ergibt, dass diese Ehe ihren Sinn für die Ehegatten, die Kinder und damit auch für die Gesellschaft verloren hat“.
Trennungsfristen (wie im Scheidungsrecht der BRD ab 1977), waren nicht vorgesehen. Allerdings war eine Härteklausel, insbesondere unter Bezug auf die Kindesinteressen, in § 24 Abs. 2 FGG vorhanden.

Kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln an sozialversicherte Mädchen und Frauen ab 16 Jahren.

Bereits seit 1965 war die Antibabypille in der DDR verfügbar.

6.1.1965

Der US-Botschafter McGHEE erklärt die Deutschlandpolitik der USA für unverändert; die US-Regierung lehne eine Deutschland-Initiative zur Wiedervereinigung (wegen der "ungünstigen Gesamtsituation" der weltpolitik) ab.
Bundesaußenminister SCHRÖDER spricht von der Möglichkeit eines Kaufs von Atomwaffen durch die Bundesrepublik (Juni).

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 350 f.

27.6.1966

Radio Bremen sendet im Hörfunk eine Dokumentation von Wolfgang HARTHAUSER: "Der rosa Winkel" über die Verfolgung der Homosexuellen unter der Nazi-Herrschaft. - Nach der Ausstrahlung wendet sich Rudolf KLIMMER aus Dresden wieder an das Justizministerium der DDR.
Das Ministerium verwahrt sich in der Antwort vom 26. Okt.`66 gegen KLIMMERs Ansinnen.
Siehe: 1969

Kraushaar 1997 S.120 f.

1967

Am 13. Oktober lehnen Bundeskanzler KIESINGER und BRD-Außenminister Willy BRANDT eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR ab und bekräftigen den Alleinvertretungsanspruch der BRD.

Die Sowjetunion warnt in Noten auch an die Westmächte vor Militarismus und Neonazismus in der Bundesrepublik Deutschland (8. Dezember).

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 361

1.7.1968

Der §175 des StGBwird in der DDR gestrichen. An seine Stelle tritt § 151: Androhung von Strafe für homosexuelle Beziehungen von Erwachsenen mit Jugendlichen unter 18 Jahren (während die Altersgrenze bei Heterosexualität auf 16 Jahre festlegt ist).
Ein Novum in der deutschen Rechtsgeschichte und logische Konsequenz der Gleichberechtigung der Frau ist, dass auch lesbische Beziehungen mit Strafe bedroht werden.

Rudolf KLIMMER verhindert die Festlegung einer Mindeststrafe.
zurück zu: 1964
Eine öffentliche Diskussion war unerwünscht und fand nicht statt (siehe: Ekkehard SCHALL):
Siehe: Okt.`84.

Noch bis in die Achtziger Jahre bleibt die Wendung "175er" eine (v.a. abschätzige) Bezeichnung für Schwule und die Zahl (incl. das Datum 17.5.) ein schwules Symbol.

Klimmer 1969 S.275,
Thinius 1990 S.150,
Grau 1995 S.118 f.

1968

"Das Leben Michelangelos" von Romain ROLLAND erscheint mit (unfrisierten) Briefen und Gedichten.

Am Ende der 60iger Jahre richtete mit Zustimmung BRESHNEWS der sowjetische Nachrichtendienst KGB einen geheimen Kanal nach Bonn zur Erörterung von Fragen der deutschen Nachkriegsordnung ein (Ende Dezember 1969). Er führte hinter dem Rücken der DDR zum Bundeskanzleramt (Egon BAHR) und wurde später nach Washington (KISSINGER) verlängert (1971).

Rütten & Loening, Berlin, 1968

Henry A. Kissinger, Memoiren 1968-1973, Bielefeld 1979, S. 857 ff.

1969

Der Artikel über "Die Situation in der DDR" von Rudolf KLIMMER erscheint in dem Sammelband "Weder Krankheit noch Verbrechen" von Rolf ITALIAANDER, mit Texten von über 100 bekannten Persönlichkeiten unterschiedlicher Nation als "Plädoyer für eine Minderheit" - kurz vor der Reform des §175.

Das Aufklärungsbuch "Mann und Frau intim" von Siegfried SCHNABL erscheint in 1. Auflage, darin schreibt der Wissenschaftler : "... echte Liebe gibt es unter den Homosexuellen." (S. 306)

"Der Vulkan" von Klaus MANN erscheint

Gala Verlag Hamburg 1969 S.274

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Greifen-Verlag Rudolstadt 1969

* * *

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1969

Der Hinstorff-Verlag, Rostock, lädt etwa zwei Dutzend Autorinnen und Autoren ein, Texte zum Thema Geschlechtertausch zu schreiben. So entstehen u. a. Christa WOLF: "Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll" (1973); Sarah KIRSCH: "Blitz aus heiterem Himmel" (1975); Irmtraud MORGNER: "Gute Botschaften der Valeska in 73 Strophen" (1980) oder Günter DE BRUYN: "Geschlechtertausch" (1973). - Die Männer beschreiben vorzugsweise die zum Teil sukzessive Verwandlung in eine Frau. Alle Texte thematisieren auf unterschiedliche Art traditionelle Muster, Vorurteile und Geschlechterrollen sowie Utopien und ein neues Emanzipationsbewußtsein im Lebensalltag der DDR. Die sexuelle Emanzipation wird zur Metapher gesellschaftlicher ›Verwandlung‹. (Virginia WOOLFs "Orlando" von 1928 erscheint erst 1983 im Insel-Verlag, Leipzig).

März 1969 ca.

"Stern"-Bericht über die Forschungen des (engagiert katholischen) Endokrinologen Günter DÖRNER mit Ratten, bei deren Nachkommen sich Homosexualität durch Stress während der Schwangerschaft gebildet habe.
Die international diskutierten und auf vielen Seiten der Fachwelt immer höchst umstrittenen Forschungen DÖRNERs werden von der DDR-Regierung mindestens seit Anfang der Sechziger Jahre stets großzügig gefördert: siehe 1972 und 4.10.2002. - DÖRNER spricht von Homosexualität als "Mißbildung", der es vorzubeugen gelte.

"Stern" Nr. ?, 1969,
v.Kowalski S. 40,
Michael Schütte 20.7.1989 (Kopie, Archiv Brühl)

Mai 1971

Nach einem von Moskau (BRESCHNEW) abgesegneten Palast-Putsch gegen Walther ULBRICHT wird Erich HONNECKER Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED: bei "den Homosexuellen" in der DDR weckt das Hoffnungen auf Liberalisierung (während die von ULBRICHT angestrengten Entwicklungen zur Dezentralisierung zB. wirtschaftlicher und ökonomischer Verantwortung - imzuge von NÖS - in den großen Betrieben gerade dadurch ausgebremst und umgekehrt werden).
Am 4.12.1972: Transitabkommen über den Verkehr zwischen BRD und Westberlin; Vereinbarungen über Besuchsmöglichkeiten für Bewohner von Westberlin nach Berlin, Hauptstadt der DDR. -

Herrn 1997 S.42 + 1999 S.54,
Grau 1995 S.125

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 375 ff.

1972

Durch das Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft : Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.


Der Direktor des Institutes für experimentelle Endokrinologie der Humboldt-Universität Berlin, Prof. Günter DÖRNER veröffentlicht sein Buch "Sexualhormon-abhängige Gehirndifferenzierung und Sexualität", in dem er sich u.a. auf seine Tests an Ratten bezieht (siehe: März 1969) und die Entstehung menschlicher Homosexualität auf Stressfaktoren, die während der Schwangerschaft auf die Mutter einwirken, zurückführt.

Psychochirurgen aus der Bundesrepublik übertragen Anfang der Siebziger Jahre DÖRNERs Tests an Ratten auf den Menschen. Sie manipulieren bei Sexualstraftätern mittels Sonde das "Sexualzentrum". Als Sexualforscher öffentlich gegen diese Praxis protestieren, wird sie eingestellt.
In den Homosexuellenbewegungen der Siebziger und Achtziger Jahre werden DÖRNERs Forschungen und Thesen (u.a. von Martin DANNECKER in Frankfurt/M) scharf kritisiert. Siehe: 4.10.2002.

Erst ab 1987 beginnt DÖRNER, sich von jedem Ansatz, Homosexualität als Krankheit zu werten und sie verhindern zu wollen, zu distanzieren.



VEB Gustav Fischer Verlag Jena 1972,
Opitz in "Mikado" 1985 (Luchterhand Darmstadt 1988 S. 147)
Herrn Hamburg 1999 S.52

Dörner "Sexual Endrocrinology and Terminology" in: Experimental and Clinical Endocrinology, Vol. 91 May 1988 Nr.2 S.131,
Uhlemann 2003 S.22, S.27f.

DEFA: Dokumentarfilm "In Sachen H. und acht Anderer" (DDR 1972, s/w, 28 min.), Regie: Richard COHN-VOSSEN:
Neun junge Männer stehen vor Gericht: wegen Körperverletzung, Raub, Einbruch und Arbeitsbummelei. Auf dem Berliner Kollwitzplatz lauerte die Bande nachts am öffentlichen Pissoir Schwulen auf, um sie zusammenzuschlagen. Die Richterin fragt: "Was haben ihnen diese Männer getan?" – Seltenes Dokument einer Analyse von Jugendkriminalität in der DDR-Hauptstadt Berlin.

Viermächteabkommen über Berlin: Erleichterungen im Interzonenverkehr und für Reisen in die DDR (dito: Verkehrsvertrag zwischen BRD und DDR (17.10.1972). - Der Besucherstrom von DDR-Bürgern in die BRD erreicht fast 1 Million. Die DDR besuchen knapp 3 Millionen westdeutsche, davon fast 2,8 Millionen aus Berlin.


Progress-Filmverleih

DDR 1972
Produktion DEFA

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 380 f., 383

Pfingsten 1972

Teilnehmer des 1. Westberliner Pfingsttreffens besuchen Ostberlin, wo sie von Michael EGGERT angesprochen werden, der sie anschließend durch die Stadt führt und motiviert ist, gemeinsam mit anderen Schwulen in der DDR eine emanzipatorisch aktive Gruppe zu organisieren.

Herrn 1999 S.55,
Aussage Eggert 11/2002

20.10.1972

Johannes SCHAAFs Film "Trotta" (BRD 1971) nach dem Roman "Kapuzinergruft" von Josef ROTH startet in DDR-Kinos.

Archiv J.Stargard

5.11.1972

Schwule der SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlin, organisiert und finanziert von der SED der DDR) nehmen am "Subbotnik" (freiwilliger Arbeitseinsatz am freien Samstag) auf dem westberliner Reichsbahngelände (das in DDR-Verwaltung stand) zugunsten von Nordvietnam teil.

HAW-Info (Homosexuelle Aktion Westberlin)

1973

Juli: KSZE-Konferenz in Helsinki: nach langen Vorbesprechungen erreicht die Sowjetunion endlich eine europäische Sicherheitskonferenz, einschließlich USA und Kanada.
Am 18.9. nimmt die UN-Vollversammlung die BRD und die DDR gleichzeitig als Vollmitglieder auf.

Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 383

1973

Das Buch "Geschlechtserziehung in der sozialistischen Oberschule" von Studienrat Kurt BACH bezeichnet Homosexualität als Fehlentwicklung (für diese Beschreibung wird sich BACH später entschuldigen (siehe: "Für Dich" Nr.14/1984).


Waldtraud LEWINs histor. Roman "Herr Lucius und sein schwarzer Schwan" erscheint, der bis in die Neunziger Jahre Nachauflagen erfährt und zu einer Art Code für Homosexuelle (Männer) wird

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1973
Aussage Grau 2002 (über Bach)

Verlag Neues Leben Berlin 1973

Der bayrische Dramatiker und Schauspieler Franz Xaver KROETZ erinnert sich 2006:
»Einmal, es muss 1973 gewesen sein, waren wir in Karl-Marx-Stadt, da war gerade FASSBINDERS Film "Wildwechsel" angelaufen, den er aus meinem Stück gemacht hat. Der Film hatte einen leicht pornographischen Touch, was aus heutiger Sicht gar nicht mehr stimmt. Auf jeden Fall kam da ein mittlerer SED-Charge auf mich zu und sagte: Wir haben uns deinen Film angeschaut, interessant, aber unser Volk ist dafür noch nicht reif. Da dachte ich: Wo bin ich denn da? Um Gottes willen. Diese Spießigkeit durch und durch.«
NB.:
...KROETZ hätte sich aber auch an Bayern erinnert fühlen können, wo der Film ebenfalls nicht ausgestrahlt werden darf...
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"Franz, bring dich nicht um!"
Interview mit Franz Xaver Kroetz von Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert
in: "Die Zeit" v. 8.6.2006

14.1.1973

15.1.

Michael EGGERT lernt in der Berliner "Moccabar" (Friedrichstraße) Tagesbesucher aus Westberlin kennen: Frank RIPPLOH, Peter HEDENSTRÖM und zwei weitere Aktive der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) kennen, die ihn u.a. aufs Fernsehprogramm des nächsten Abends hinweisen. Peter RAUSCH wird besucht, weitere Interessierte informiert.

Die potentiellen HIB-Leute sehen sich gemeinsam den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (UA: 3. Juli 1971) von ROSA VON PRAUNHEIM und Martin DANNECKER im Westfernsehen an (im Sendegebiet des Bayerischen Rundfunks findet unter Votum der Katholischen Kirche keine Ausstrahlung statt).
Einige Tage später kam es zu der seit ca. einem Jahr gemeinsam geplanten Gründung der ersten Homosexuellengruppe in der DDR: die "Homosexuelle Initiative Berlin" (HIB).

Herrn 1999 S.56,
Mahlsdorf 1992 S. 156/ 158,
Soukup 1990 S.43/47,
Grau 1995 S.125,
Aussagen Eggert 2002,
Rausch 2001, 11/2002, 1/2003

März 1973 ca.

Auf Initiative von Michael EGGERT, Michael KELLER (nur anfänglich dabei) und dem Studenten Peter RAUSCH treffen sich dann jeden Freitag ca. 10 homosexuelle Frauen und (vorwiegend) Männer; 14-tägig gab es sonntags Veranstaltungen (ca. 20-30 Personen), die in Wohnungen stattfanden.

Bei öffentlichen Veranstaltungen (z.B. Urania-Vorträge) und gegenüber Institutionen griffen HIB-Aktive in die Diskussionen ein; eine andere Art von Aktionen bestand aus gezielten Korrespondenzen mit DDR-Medien und Behörden.

Grau 1995 S.125,

* * *

Archiv + Aussage Rausch 11/2002

27.7. - 5.8. 1973

Auf der Abschlußdemo der Weltfestspiele der Jugend (5. 8. 1973) zeigen einige Schwule das Transparent "Wir Homosexuelle der Hauptstadt begrüßen die Teilnehmer der X.Weltfestspiele und sind für den Sozialismus in der DDR". -
Tage zuvor hatten HIB-Leute Flugblätter des englischen Schwulenaktivisten Peter TATCHELL für die GAY LIBERATION FRONT (GLF) verteilt. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit beendeten diese Aktion sofort. - Das Flugblatt rief zur Emanzipation der Homosexuellen auf und löste heftige Aggressionen aus. Auch Schwule der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin kritisieren die "Provokation". -
Bei dem GLF-Auftritt im "Freien Forum" (TATCHELL-Referat) nahmen, sichtbar ihnen zugeordnet, schwule FDJ-ler - im FDJ-Hemd: EGGERT und RAUSCH - teil. Während einer tontechnischen "Panne" kam es zu Publikums-Diskussionen.
- FDJ: Freie Deutsche Jugend, Massenorganisation der DDR.

Soukup 1990 S.43+47,
Grau 1995 S.125,
Aussage Rausch 11/2002

Dezember 1973

»Plädoyer für eine Minderheit«: Der DDR-Sexualwissenschaftler Siegfried SCHNABL meint in der populären Zeitschrift "magazin", dass es der Forschung eines Tages gelingen werde, Homosexualität vorzubeugen oder sie therapeutisch zu "heilen", er ruft indessen zu Toleranz auf, auch wenn es »den normal Veranlagten unvorstellbar sei«. Den »ausgesprochen Homosexuellen« legt er Zurückhaltung im Ausdruck ihrer »Abnormität« nahe.
Zuvor hatte er allerdings betont, daß es keinen Grund gäbe, "Homosexuelle" zu kriminalisieren oder moralisch abzuwerten. Aber: dass "so etwas" (Homosexualtät) "nicht normal ist, geht aus den Konsequenzen hervor, die sich ergäben, wenn alle Menschen homosexuell wären." -

Siehe: SCHNABL 1977

Schnabl in: "magazin" Nr. 12/1973

1974

(1. 2.) Der VISCONTI-Film "Tod in Venedig" (Italien `73) nach der Novelle von Thomas MANN startet in den Studiokinos der DDR.

"Lieder Briefe Gedichte" von Peter HACKS erscheinen (darin die Gedichte: "Erziehung der Gefühle" und "Morpheus").

"Der Wendepunkt" (1949 / in der BRD 1952 erstveröffentlicht) von Klaus MANN.

Am Berliner Ensemble inszenieren Ekkehard SCHALL und Barbara BERG "Leben Eduards des Zweiten von England nach Marlowe" von BRECHT und zeigen bewußt Männerliebe, die sie als berechtigtes menschliches Bedürfnis verteidigen. Sie formulieren eine für weite Kreise der Kulturszene der DDR repräsentative Haltung zum Thema Homosexualität, publiziert als Informationsmaterial zur Inszenierung, das kostenlos an der Theaterkasse auslag:
»Eduards Männerliebe zu Gaveston betrachten wir als ein angemessenes Bedürfnis, es ist stellvertretend für viele Bedürfnisse, welche das Individuum anmeldet und das die Gesellschaft, ihre Menschen, Gesetze und Moral, verkraften sollten. Die Homosexualität als menschliches Verhältnis wird einerseits nicht unterschlagen und steht andererseits nicht als Problem zur Diskussion.«

Die Produktionen des Berliner Ensembles wurden von der politischen und ideologischen Elite der DDR durchaus gezielt wahrgenommen. (Die Aufführung gerät übrigens zum Eklat und muss bald - nicht nur deshalb - abgesetzt werden. - Das gilt auch für die antiautoritäre Inszenierung von Frank WEDEKINDS Stück "Frühlings Erwachen" in der Regie von B. K. TRAGELEHN und Einar SCHLEEF, in der es eine spektakuläre lange Kußszene zweier Jungs gab; Premiere: 1. 3. 1974. U.a. diese Produktion führte zur Entfernung der Intendantin Ruth BERGHAUS vom Berliner Ensemble. - Siehe auch: 28.5.1978)

Archiv J.Stargard


Verlag Neues Leben Berlin 1974

Aufbau Verlag Berlin&Weimar 1974

Mitte 1974

Nach einem "Urania"-Vortrag über Sexualität in der Berliner Stadtbibliothek, bei der HIB-Leute (Lesben und Schwule) wie so oft durch Fragen und Diskussionsbeiträge Homosexualität thematisieren und anschließend noch auf der Straße diskutieren, bietet CHARLOTTE von Mahlsdorf (Lothar Berfelde) der HIB an, sich bei ihr im Gründerzeitmuseum (Berlin-Mahlsdorf) zu treffen. Manchmal werden bis zu 50 Lesben und Schwule kommen (bei Festen auch um 200).

Mahlsdorf 1992 S.157,
Aussage Eggert/Rausch 11/2002

1974

"Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin DANNECKER und Reimut REICHE erscheint in der BRD, ein empirisches Standardwerk, das (für viele andere, so Gisela BLEIBREU-EHRENBERG: "Tabu Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils" (1978), hier nur stellvertretend genannt sei) in der DDR offiziell nicht rezipiert wird :
Siehe die Passage über Normalitätskonzepte und Ideologien

S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1974

1975

Als Heft 56 erscheint in der Reihe "Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie" (Hrsg. Manfred BUHR) das Buch "Der überanstrengte Sexus. - Die sogenannte sexuelle Emanzipation im heutigen Kapitalismus" des österreichischen Marxisten Walter HOLLITSCHER (darin u.a.: "'Enttabuisierung und Kommerzialisierung"), der biologistische Konzepte für Sexualverhalten und Geschlechterrollen ablehnt (u.a. unter Verweis auf M. MEAD), die patriarchalen Strukturen von Sex, Ehe und monogamischer Familie einer kompromißlosen historischen Kritik unterwirft (und ausdrücklich die Auflösung derselben als Zukunftsperspektive beschreibt!), sowie Fragen nach neuen Formen der Liebesverhältnisse prinzipiell als Indikator gesellschaftlicher Zustände thematisiert.
Von der DDR-Schwulenbewegung (zumal der nicht-kirchlich-angebundenen) wird dieses brisante Buch nicht verarbeitet (O.B.).

Der Umgang mit Homosexualität in Jugendheimen, Schifffahrt, Armee und Marine ist noch wenig untersucht. "Manifeste Homosexualität" reichte in den Siebziger Jahren als Ausmusterungsgrund wohl meistens nicht mehr.

Akademie-Verlag Berlin 1975

16.5.`75

Erstes von der HIB organisiertes "Pfingsttreffen" für DDR-Schwule - mit Diskussionsrunden, Ausflügen, Workshops und einem Premieren-Kinobesuch - denn:

Am Vorabend des 17. 5. (sic!) Start des USA-Musical-Films "Cabaret" (nach ISHERWOOD) in den Kinos der DDR.
- In der später oft gespielten Theaterversion ist das homosexuelle Motiv des Stücks ausgeblendet.

Weiterhin versucht die HIB ein breiteres Publikum zu erreichen. Das "bisexuell schwul-lesbische" Kabarett "Hibaré" führt eigene Programme auf, es gibt wöchentlich Diskussionen und Vorträge, Bälle werden veranstaltet. - Auch Schreiben an offizielle Stellen, um für das Thema zu sensibilisieren, gehören zur Strategie der HIB.

Aussage Eggert / Rausch 11/2002

* * *

Archiv J.Stargard

* * *

Archiv + Aussage Rausch 11/2002

August 1975 ?

Dr. Peter KLEMM wendet sich in Frauenzeitschrift "Für Dich" gegen die Forschungsergebnisse des Endokrinologen Prof. Günter DÖRNER, der nachzuweisen versucht, dass Homosexualität (zumindest bei Ratten) durch Streß der Mutter in der Schwangerschaft entsteht. - DÖRNERs "Forschungsergebnisse" lösen nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in der Westdeutschen Schwulenbewegung heftige Proteste aus (s. Artikel von Martin DANNECKER).

HOSI-Wien 1984 S.95

Dannecker wiederveröffentlicht in: Wolfram Setz (Hrsg.) "Homosexualität in der DDR" Hamburg 2006

Oktober 1975

Im "Verlag rosa Winkel " erscheint die Dokumentation "Tuntenstreit" über die Auseinandersetzung innerhalb der "Homosexuellen Aktion Westberlin" zwischen feministisch-orientierten Schwulen und solchen, die es eher mit einem Sozialismus halten wie er in der DDR aufgebaut wird. Die Schwulen der DDR kommen darin kaum vor. Die Auseinandersetzung zieht sich bis Anfang 1977 hin.

Verlag rosa Winkel Berlin 1975
HAW "Tuntenstreit" 1975

15.1.1976

Die HIB versucht, als "Interessengemeinschaft" beim Meldeamt registriert zu werden, wird aber weiter verwiesen, sich als "Verein" anzumelden, was jedoch vom Berliner Polizeipräsidium der DDR abgewiesen wird (siehe auch: 10.12.1978, bzw. 1.Mai 1980, und: 9.Juli 1990).)

Archiv + Aussage Rausch 11/2002

1976

Artikel "Neues aus der DDR" von Manfred HERZER

"Ikarus über der Stadt" des schwulen Berliner Dichters Ulrich BERKES (der sich auf RIMBAUD bezieht, CARAVAGGIO beschwört und "Orte der Liebe" - wie z.B. Hauptbahnhöfe - besingt) erscheint.

"Wie ist das mit der Liebe? Ein offenes Wort des Frauenarztes" von Klaus TOSETTI kommt heraus: "Je mehr sie (die Homosexuellen, O.B:) sich den üblichen Verhaltensweisen anpassen, desto weniger sind ihre Beziehungen zu ihrer Umgebung und zur Gesellschaft insgesamt gestört. Erst wenn sie ihre besondere Art geradezu demonstrieren, werden sie zu Außenseitern. - Natürlich fällt es recht schwer, hierbei von Liebe zu sprechen."
(Siehe auch Februar 1978 und: D. OPITZ, 1985.)

"emanzipation" Nr. 1/1976

edition neue texte Aufbau, Berlin&Weimar

Verlag Neues Leben Berlin 1976 S.170-173

November 1976

Mit der Ausbürgerung Wolf BIERMANNs beginnt in der DDR eine kulturpolitische "Eiszeit" gegenüber "Andersdenkenden". Ermutigt durch die polnische "Solidarnosc" und westlichen Vorbildern bildet sich in der DDR vor allem innerhalb der Evangelischen Kirche eine heterogene Art von Bürgerrechtsbewegung ("Kirche von unten").

Grau 1995 S.129/131

Dezember 1976

Der Amerikaner Jim STEAKLEY veröffentlicht einen Bericht über die Lage der Schwulen in der DDR in "Body Politics" Nr.29, nachdem er ein halbes Jahr in Berlin (DDR) als Stipendiat arbeiten konnte. Dort - bei der HIB - traf er u.a. auch Rudolf KLIMMER (KLIMMER, der oft und gern zur HIB kommt, spendet dieser 2000 Mark).

Thinius, 1990, S.152f
Grau 1998 S.64,
HOSI-Wien 1984 S.131

1977

Siegfried SCHNABL schreibt in seinem Buch "Mann und Frau intim" (9., überarbeitete Auflage / s. 1969):
"Man kann die Homosexualität gar nicht als Krankheit bezeichnen, sondern muss sie als Variante der Sexualität auffassen. Ihre Träger leiden nicht unter Homosexualität, sondern höchstens unter den Schwierigkeiten, die sie ihnen im gesellschaftlichen Leben bereitet."
zurück zu Dez. 1973

"Eine andere Welt" (1960) von James BALDWIN erscheint mit einem Nachwort von Norbert KRENZLIN, in dem dieser die Beschreibung der homosexuellen Beziehungen im Vergleich zu den heterosexuellen Beziehungen hervorhebt; Liebe sei »als ein für das gesamtgesellschaftliche Verhalten der Individuen wichtiges tabufreies Kommunikationsfeld« unverzichtbar für ein bewußt geführtes Leben.

"Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei" (1976) von Heiner MÜLLER erscheint.

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1977


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Volk und Welt Berlin 1977

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Henschelverlag Berlin 1977

Sommer 1977

Carl LINDE vom "Archiv der Schwulenbewegung", Frankfurt, erhält aufgrund seiner häufigen Besuche bei Rudolf KLIMMER einen Teil von dessen Nachlass. Die Auswertung von Dokumenten zur Abschaffung des § 175 wird aber erst durch Günter GRAU (ehem. Verlagsdirektor der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin) erfolgen (gegenwärtig in Arbeit).

Auf der TUNIX-Demo in Westberlin wird ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Transparent mit der Parole "Kampf der Schwulenunterdrückung in der BRD-DDR!" getragen.

Grau 1995 S.91

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Thinius 1990 S.146 (mit Abbildung)

Mitte Januar 1978

Die HIB feiert im Gründerzeitmuseum von CHARLOTTE von Mahlsdorf ihr 5-jähriges Bestehen.

Mahlsdorf 1992 S.156,
Aussage Rausch + Eggert 2002

Februar 1978

Die populärwissenschaftliche Zeitschrift "Deine Gesundheit" erscheint mit dem Schwerpunktthema "Homosexualität". Die betulich vertretenen Auffassungen wirken kaum progressiv. Hingegen hat die grafische Gestaltung von dem "Gesundheits"-Team (Jochen BALTZER und Siegfried RIEMER mit Fotos von Norbert VOGEL und Albrecht DÜRERs berühmtem "Adam-und-Eva"-Druck als Spiegelung von Adam und Adam) Esprit.
zurück zu: MISGELD

"Die Sprache der Männer", Erzählungen von Norman MAILER erscheinen (hrsg. v. Eva MANSKE).
(In der darin u.a. enthaltenen Knast-Story »Der Killer«: »Dreimal hatte ich mir mit meinem Kumpel eine Flasche geteilt. (...) Beim drittenmal hatten wir Sex. Demokratischen Sex. Wir besorgten es uns gegenseitig.«)

"Deine Gesundheit 2/1978,
Thinius 1990 S.148f.



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Reclam Leipzig 1978

April 1978

Die Volkspolizei verbietet ein geplantes landesweites Lesbentreffen (Org.: Uschi SILLGE) in CHARLOTTE von Mahlsdorfs Gründerzeit-Museum in Berlin-Mahlsdorf, verhört auch einige der Aktiven.
Die Lesben (Uschi SILLGE) organisieren daraufhin ein Geheimtreffen. Es ist das erste landesweite Lesbentreffen in der DDR. - Sie treffen sich weiterhin in Privatwohnungen oder mieten Gaststätten an.
Der Stadtrat für Kultur (oder Ministerium des Innern der DDR ?) verbietet Charlotte jede Art von Versammlung bzw. Veranstaltung im Museum. - Dies läutete, trotz verschiedener weiterer Anstrengungen, das Ende der HIB ein.

Mahlsdorf S. 159,
Aussage Rausch 11/2002

Silge 2005 in: "Lesben und Schwule in der DDR", Tagungsband, Halle 2008, S 114.

1.5.1978

In Stuttgart werden Schwule, die mit eigenen Parolen an der Mai-Demonstration teilnehmen wollen, von DKP-Ordnern verprügelt.

emanzipation Nr.?

28.5.1978

In der Staatsoper Berlin Premiere der MOZART-Oper "La clemenza di Tito" ("Titus"), in der die Regisseurin Ruth BERGHAUS (»'Normal' ist ein rassistischer Begriff«) unter Protesten u.a. Knabenliebe der Titelgestalt (Tenor Peter SCHREIER im transparenten Kostüm) darstellt. Einen Liebling des römischen Kaisers spielt der minderjährige Sohn der Ausstatterin. - Der Musikwissenschaftler und Philosoph Georg KNEPLER wertet die szenische "Entdeckung" der "römischen Homosexualität" in MOZARTs Römer-Oper kulturgeschichtlich positiv.
zurück zu 1974

Sigrid Neef "Das Theater der Ruth Berghaus" Henschelverlag Berlin 1989 S.119/120

"Halbtolerante Antwort eines Mediziners in der Frauenzeitschrift "Für Dich" auf einen Leserbrief zur Frage der Homosexualität .

"Für Dich" Nr. 39/78

10.12.1978

Ablehnungsbescheid des Ministeriums für Gesundheit an die HIB, betreffs Gründung eines Vereins für homosexuelle Bürger und Bürgerinnen: "... da dafür kein gesellschaftliches Bedürfnis vorliegt."
(Siehe: 15.Januar 1976 und: 20.9.`79 )

Grau 1995 S.127,
Archiv + Aussage Rausch 2001

1979

Ein Band Erzählungen von André GIDE erscheint, darunter "Uns nährt die Erde" ("Les Nourritures terrestres", 1897), worin es u.a. heißt: »Ich hasse Euch, Ihr Familien, Ihr ungastlichen Herde, verriegelte Türen, eifersüchtig gehüteter Glücksbesitz.« Anschließend wird die Verführung eines Jungen zu Flucht, Lebensgenuß und den Freuden der Liebe gepriesen. – Im Nachwort (Mai 1978) deutet Brigitte SÄNDIG, nachdem sie von »der Bewahrung seiner Persönlichkeit – vor den sterilisierenden gesellschaftlichen Normen in erster Instanz« gesprochen hat (S. 760), zu "Die enge Pforte" einen relevanten Bezug an (S. 766 f.): »Eine solche Fahndung nach biographischen Bezügen wäre belanglos, spräche Gide nicht mit dieser (. . .) Problemkonstellation Grundfragen der Geschlechterbeziehungen an (. . .). Womöglich machte die Aversion gegen ungebrochene männliche Selbstherrlichkeit infolge seiner Homosexualität den Autor so hellhörig und empfindlich für diese – allgemeiner Berücksichtigung damals noch weit entrückte - Sphäre.«

Verlag Volk und Welt Berlin 1979

März 1979

Erste informelle Treffen der späteren "Demokratischen Schwulen Initiative" (DSI), einer bundesweiten linken Schwulenorganisation, die bei aller Kritik an der Lage der Schwulen im real existierenden Sozialismus zur sozialistischen Utopie steht (wie viele Schwule in der DDR auch).

Die empirische Monographie "Geschlechtsspezifische Einstellungen und Verhaltensweisen bei Jugendlichen" von Otmar KABAT VEL JOB (Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig) erscheint.
("Große Aufmerksamkeit wird der Erziehung in der Familie gewidmet. Dabei deckt der Verfasser auch vielfältige Bedingungen für geschlechtstypische Verhaltensweisen auf, die dem Wesen unserer Gesellschaft nicht mehr entsprechen"). KABAT VEL JOB zitiert u.a. H. DANNHAUER ("Geschlecht und Persönlichkeit", VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1973), Simone de BEAUVOIR, M. MEADs und I. KONs Forschungsergebnisse (Siehe: 1985) usw., nicht angeführt ist DÖRNER, KABAT VEL JOB referiert distanziert endogenistische Erklärungsansätze (auch der Homosexualität, S.144, Anm.5), kritisiert sie sogar als dem Marxismus nicht entsprechend und definiert u.a. "Geschlechtsrolle" antibiologistisch als Begriffskonstrukt für eine Summe historisch bedingter geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Erwartungen.
Auch diese Arbeit bleibt von der späteren (insbesondere der nicht-kirchlich-angebundenen) Schwulenbewegung, z.B. bei der Argumentation kontra DÖRNER, ungenutzt.

Schwamborn 1983 S.181 + 208


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Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1979

20.9.1979

Die HIB wird nach mehreren Eingaben zu einem Gespräch beim Ministerrat der DDR geladen: Ablehnung staatlicher Förderung und Organisation von Homosexuellen. - Die Probleme würden zwar verstanden, aber gesellschaftlich könnten auch in Zukunft keine Lösungen gefunden werden, da u.a. Partnersuche im Dienste der "Erhaltung der Art" (sic!) stünde.

U.Sillge: Gedächtnisprotokoll, Archiv Rausch

2.11.1979

Luchino VISCONTIs Film "Gewalt und Leidenschaft" ("Gruppo di famiglia in un interno" Italien 1974) startet in der DDR.

Archiv J.Stargard

Achtziger Jahre

Noch in den 80-er Jahren legt der Aufbau-Verlag in seiner bb-Taschenbuchreihe eine gekürzte Version von Thomas MANNs Roman "Lotte in Weimar" (1939) immer wieder auf, in der das positive homoerotische Gedankenspiel am Anfang des 8.Kapitels fehlt.

Der DDR-treue Autor Dieter NOLL beschreibt in seinem Roman "Kippenberg" einen homosexuellen Berufskollegen (Ende der 80-er Jahre als Mehrteiler für den DDR-Fernsehfunk verfilmt).

Gerhard MISGELD (Mitarbeit Artikel "Deine Gesundheit", siehe oben: Februar 1978) gibt in: 'nl konkret' (46) sein Aufklärungsbuch "Sexualität in unserem Leben" heraus (Homosexualität wird wieder nur am Rande gestreift, z.B.: "Der Konflikt mit der eigenen Geschlechtszugehörigkeit verursacht oft eine Ausprägung homosexueller Wünsche").

Die SED beschließt 1981 eine neue Linie bezüglich der Individualität: eine wichtige Voraussetzung für weiteren gesellschaftlichen Fortschritt im Sozialismus sei die "ganzheitliche" Entwicklung der Individuen.

Die Briefwechsel-Annoncen (als Kontakt-Anzeigen) in den Zeitungen (v.a. in der populären "Die Wochenpost") verschwinden; damit gibt es keine Möglichkeiten für Kontaktsuche per Medien in der DDR für Homosexuelle (v.a. Lesben!). Die einzige Werbeagentur (DEWAG) unterstand via ZENTRAG (Presse) direkt der SED.

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1975

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1979

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Verlag Neues Leben Berlin 1980

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Thinius 1994 S.49

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Aussage U.Sillge 2001

1980

Uwe SAEGER, "Nöhr", Roman

Die von Kurt STARKE geleitete Partnerstudie des Zentralinstituts für Jugendforschung Leipzig legt 1980 den Befragten zur Auswahl die Aussage vor: "Niemand sollte wegen seiner homosexuellen Neigungen diskriminiert werden." 51% der befragten Student_Innen stimmten zu mit 1. "vollkommen" - 40% (2.) "Mit gewissen Einschränkungen" - 4% "kaum und 5% "überhaupt nicht. 1990 wurde die Befragung wiederholt (siehe unten).

Hinstorff Verlag Rostock 1980


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Kurt STARKE in:
"Lesben und Schwule in der DDR", S. 9 ff.
Tagungsdokumentation (Halle, 2008)

1. Mai 1980

Die HIB stellt, entnervt durch die ständigen Ablehnungen und repressive Maßnahmen staatlicher Stellen, ihre Veranstaltungen ein. - Zwei, drei Aktive arbeiten (mit Eingaben, Briefen etc.) weiter, im privaten Rahmen finden weiterhin Treffen und Parties statt, eine Öffentlichkeitsarbeit aber gibt es nicht mehr.
(Zurück zu: 15.Januar 1976)

Wiederholte Versuche von Uschi SILLGE, einen Club für Lesben und Schwule, auch in Kontakt mit anderen ehemaligen HIB-Leuten, ins Leben zu rufen, folgen in den nächsten Jahren.
Erst 1986 führen sie zu einem ersten Erfolg.

Grau 1995 S.128,
Aussage Eggert/Rausch 2002

1981

"Giovannis Zimmer" von James BALDWIN (1956) erscheint mit einem Essay von Bernhard SCHELLER, in dem u.a. Rassismus und Antihomosexualität (entsprechend den Auffassungen des USA-Autors, doch hier in Bezug auf die Gegenwart der DDR) in Zusammenhang gesetzt werden:
»Der ›weiße‹ Sexbegriff impliziert bürgerliche Heuchelei, die nur zwei Extreme kennt: Entweder verkümmert alle Sinnlichkeit in der Nachfolge viktorianischer Prüderie, oder sie artet geschäftsmäßig zu Pornographie oder Prostitution aus.« Baldwin sehe »die sexuelle Befreiung als ein nicht unwesentliches Moment der ›schwarzen‹ Emanzipation«. Er zitiert BALDWIN mit den Worten, das »tiefe Erschauern, das das Wort ›homosexuell‹ bis zum heutigen Tage im Geist oder in der Seele des Amerikaners provoziert (. . .), ist ganz einfach die Angst vor jeder menschlichen Berührung, da jede menschliche Berührung den Menschen verändern kann.«

"Grashalme" von Walt WHITMAN (1855/1892) erscheint.

Reclam Leipzig 1981



S. 180 ff.







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Reclam Leipzig 1981

Juni 1981 ca.

In der BRD werden die ersten Fälle der tödlich verlaufenden Immunschwächekrankheit AIDS bekannt. In der DDR wird die Bedrohung durch AIDS zunächst verleugnet.

Herrn 1999 (AIDS)

Oktober 1981 ca.

Der erste schwule Stadtführer "Berlin von hinten" erscheint im Verlag Bruno Gmünder. Die "Szene in Ostberlin" wird lediglich mit einem Satz erwähnt.

Gmünder 1981 S.226

Gmünder 1988 Axel Spieweg

1982

Der kritische Lesbenfilm "Aus anderer Sicht" von Karol MÁKK (Ungarn 1982) wird, wie andere kritische und/oder experimentelle Filme auch, in Abständen immer wieder im Haus der Ungarischen Kultur in Berlin Karl-Liebknecht-Strasse gezeigt.Der emotional und sozial genau erzählte Film entlarvt anhand einer lesbischen Liebesbeziehung die vorgebliche Normalität von Heterosexualität und machistischer Gesellschaft – und zwar die der sozialistischen Volksrepublik in den 50er Jahren. Am Ende kommt die junge Journalistin bei einem Fluchtversuch um.
Viele DDR-Schwule konnten sich mit dieser Sicht identifizieren.

"Trauer und Melancholie" - eine Auswahl Essays von Siegmund FREUD - erscheint erstmals auf Anregung des Dichters Franz FÜHMANN. Das Nachwort bildet ein Gespräch des Mitherausgebers Dietrich SIMON mit FÜHMANN, in dem es u.a. heißt:
»Gerade, weil die menschliche Sexualität im Unterschied zur tierischen, nur auf Fortpflanzung gerichteten, in hohem Maße ein unspezialisiertes Bedürfnis ist, das sich im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse verändert und sie ausdrückt, kann die Analyse des Sexualverhaltens zu einem Ansatz der Gesellschaftsanalyse werden.«
(Siehe auch 1984)
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Archiv J.Stargard




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Verlag Volk und Welt Berlin 1982 S. 209

9.2.1982



21.2.1982

Die Tagung der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg über Homosexualität löst den Neubeginn zu einer übergreifenden Schwulen- und Lesbenbewegung in der DDR aus.

Dr. Manfred PUNGE berichtet in seinem Artikel "Man sollte darüber sprechen" von dieser Tagung, die er vorbereitet hatte, und ruft zu Treffen in Berlin auf, woraus der "Gesprächskreis Homosexualität" wird (der noch heute arbeitet).

Grau 1995 S.131

"Die Kirche" Nr.8/1982
Aussage Birmele 2002 (zu 9. + 21.2.1982)

ab Frühjahr 1982

Die kirchlich angebundene, öffentlich-wirksame Schwulenbewegung der DDR beginnt in der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig mit einem "Arbeitskreis Homosexualität". Leipziger Schwule (u.a. Matthias KITTLITZ, Eduard STAPEL) hatten sich in privaten Selbsthilfegruppen seit Herbst 1981 mit ihren Diskriminierungserfahrungen auseinander gesetzt. (Siehe: 25.4.1982) -
Unter Umständen und dann nicht zuletzt u.a. den Aktivitäten dieses AK werden die späteren (staatlicherseits organisierten und öffentlichen) Tagungen "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" (siehe: 28.6.1985 ) zu danken sein.

NB.: 'Warme Brüder' als 'Kalte Krieger'?
Eduard STAPELS Buchtitel von 1999 "Warme Brüder gegen Kalte Krieger" ist auch als mißglückte Verballhornung insofern absurd (aber signifikant), da es eine solche Kampforientierung nie gab (im Gegenteil sind ausreichend dokumentierte Bekundungen vorhanden, daß es den "Warmen Brüdern" und den Lesben in der DDR um den Sozialismus, um das Leben mit der DDR ging - das allerdings wohl nicht im Magdeburger AK) und der Autor ganz offensichtlich auf dem rechten Auge blind ist (denn "Kalte Krieger" waren allbekannterweise nicht nur "im Osten" zu finden): der Kalte Krieg wurde zweifellos nicht von "den" (übrigens schon im 19.Jahrhundert so genannten) "Warmen Brüdern" gegen "Kalte Krieger" (z.B. im katholischen Bonn oder dem "Westfernsehen") geführt, geschweige gar vom DDR-Staat (MfS) gegen "die" inländischen "Warmen Brüder" (die Bezeichnung war noch gängig). STAPEL selbst bestätigt ausdrücklich (in "Lesben und Schwule in der DDR", 2008, S. 102 f.), daß die Observierungen seitens des sozialistischen Staates (MfS) zwar kaum einsehbar (in dieser verärgerten Ratlosigkeit ist ihm rundum zuzustimmen), aber nicht an sich homophob waren, sondern sicherheitspolitisch motiviert. (Einen innenpolitischen "Kalten Krieg" gegen Homosexualität führte allenfalls die - wie ihr Vorbild PINOCHET - erzkonservativ neoliberale Margareth THATCHER für ihre Interessengruppen seit 1986 in GB, siehe dort: 24. Mai 1988 - und zwar bis 2003 - sic!-) Der (damit nicht seriös zu vergleichende) globale wirkliche "Kalte Krieg" wurde (und imgrunde bereits seit 1917) vom Kapitalistischen gegen das Sozialistische Weltsystem geführt (Washington und CHURCHILL gegen die SU, nachdem die antikommunistische Kampagne der deutschen Wirtschaft, die Hauptzielrichtung des faschistischen Krieges, nicht zu Vernichtung und Unterwerfung der SU geführt hatte - was allein den extrem herausgezögerten Eintritt der West-Aliierten in die Kriegshandlungen gegen den deutschen Aggressor erklärt -, sollte sie nun langfristig auf andere Weise in die Knie gezwungen werden) und die originale Paarbildung der Begriffe als Wortspiel "Kalter Krieger" vs. "Warmer Bruder" stammt folgerichtig auch vom rechtsaußen CSU-Vorsitzenden und Bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef STRAUSS (dem Freund der faschistischen Katholiken und Generäle FRANCO und PINOCHET) und läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Ich will lieber ein kalter Krieger sein, als ein warmer Bruder." - Zu bestreiten, daß die ev. Kirche (mit ihren fließenden Zugängen in beide Richtungen, nicht nur an Westwährung) das Einfallstor für 'subversive' Arbeit seitens des Westens bildete, wäre wohl töricht. (Zweifellos hatten wir es nicht nur mit einem Geheimdienst zu tun).
siehe Quelle: "Zur weiteren Veranlassung"
siehe auch: 09.11.1993
und dort diese aufschlussreiche
Erklärung

Stapel 1999 S.5/S.10/S.19

Kittlitz in: Grau 2001 S.75f.











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DIE ZEIT,
27. Februar 1970
&
DER SPIEGEL,
15. März 1971

Dienstag, 13. April 1982

Erste Zusammenkunft des "Gesprächskreises Homosexualität",
bis Dezember 1986: in der Philippus-Apostel-Gemeinde Berlin-Mitte,
seit Januar 1987: weiterhin 14-tägig in der Adventgemeinde Berlin-Prenzlauer Berg (kontinuierlich bis heute).

Archiv P. Birmele

25.4.1982

Gründung des ersten "Arbeitskreises Homosexualität" in der ESG (Evangelische Studentengemeinde) Leipzig: v.a. Eduard STAPEL und Matthias KITTLITZ organisieren den Aufbau der Arbeit. Die ESG hatte unter dem Motto "TABU HOMOSEXUALITÄT wie gehen wir damit um?" zu einem theologischen Vortrag von Pfarrer Dr. Jürgen ZIEMER eingeladen.(Siehe auch im Folgenden: Frühjahr 1982) -
Es gründen sich weitere Arbeitskreise innerhalb evangelischer Gemeinden. - So versuchen Christian PULZ, Marina KRUG, Ulli ZIEGER, Ralf LIMBECKER u.a. beim Friedensarbeitskreis (sic !) von Pfarrer Rainer EPPELMANN (nach der Wende letzter Verteidigungsminister der DDR -!-) in der Berliner Samaritergemeinde eine Gruppe nach Leipziger Vorbild aufzubauen, werden aber abgelehnt.

Katalog 1997 S.295,
Stapel 1999 S.12,
Archiv P. Birmele,
Soukup 1990 S.71

* * *

Aussage P. Birmele,
Aussage Chr. Pulz 1999

Frühjahr 1982

II. Berliner Friedenswerkstatt (Erlöserkirche): zum ersten Mal präsentieren sich offiziell mit einem Informationsstand Schwule (mit Männern und Frauen - unter dem Motto "Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger"), Lesben hatten vis-á-vis ihren Stand bei der Bürgerrechtlerin Bärbel BOHLEY.
In allen folgenden Berliner Friedenswerkstätten sind die Stände der Schwulen und Lesben mit Aufklärung und Information vertreten und erregen, dicht umdrängt, große Beachtung (nicht zuletzt bei den staatlichen "Organen").

Aussage Chr. Pulz 1999

29.8.`82

Erste Veranstaltung des Berliner Arbeitskreises "Homosexuelle Selbsthilfe" (zunächst in der Philippus-Kappelle, Hohenschönhausen - ab 8. 1. 1984 dann in der Bekenntnisgemeinde Treptow) : 14-tägig treffen sich sonntags "Schwule in der Kirche", an den anderen Sonntagen "Lesben in der Kirche" (die, 1984, zur Gethsemanegemeinde überwechseln): später gibt es außerdem eine Schwule Studentengruppe in der ESG, eine Schwule Jugendgruppe, eine Männergruppe (von denen einige in Anarchiegruppen mitarbeiten und/oder die Umweltbibliothek bei der Zionskirche aufbauen) und: eine Theoriegruppe.

Akten-Kopie BStU (Archiv Pulz)

1983

Der Dichter und Dramatiker Ulli ZIEGER erstellt Anfang 1983 (nicht erst 1984) für den Berliner Arbeitskreis ("Schwule in der Kirche") ein Grundsatzpapier "Zur schwulen Realität in der DDR. 8 Bemerkungen und ein Versuch dagegen". 1985 von Christian PULZ aktualisiert (wie stets unter dem Schutzmotto: "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch!").

Wolfgang SCHMIDT, Leutnant im Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) bei der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX - unter anderem zuständig für die innere Opposition (sic!) - erhielt 1983 den Auftrag, gemeinsam mit der operativen Fachabteilung 9 der HA XX die Zusammenschlüsse homosexueller Bürgerinnen und Bürger zu Interessengruppen zu analysieren:
siehe Quelle: "Zur weiteren Veranlassung"

siehe auch: 09.11.1993
und dort diese interessante
Stellungnahme


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Die mit antihomosexuellen Vorurteilen gespickte Dissertation von G. FEHR "Zu einigen Aspekten der Entwicklung der Risikogruppe der männlichen Homosexuellen..." unterstellt schwulen Männern generell Streben nach "westlichem Lebensstil".

Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft "Medizinische und pädagogische Probleme der Sexualität" finden erste Erkundungsgespräche zwischen Wissenschaftlern, Praktikern aus Beratungsstellen und Homosexuellen statt.

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Der 1959 geborene Liedermacher und Sänger Norbert BISCHOFF stellt sein erstes Programm mit eigenen Liedern vor - u.a.: "Entschuldigen Sie, der Schwule bin ich" (1985 Preis bei den Chansontagen in Frankfurt/Oder) - mit dem er in der öffentlichen Kulturszene sichtbar ist (eines seiner späteren Lieder, "Er sagt, er meint es ernst", setzt sich mit einem Neo-Nazi in der DDR auseinander - und durfte nicht öffentlich vorgetragen werden; auch zu finden auf dem 16-teiligen Sampler “Die DT64-Story”; CD 13).
Walter CIKAN (Chefproduzent der Jugendmusik im Radio der DDR) äußert sich später (1996 im Gespräch) über die Motive des Verbots (hochinteressant für das Nachdenken über die Frage der Ausblendung des sozialen "Problems" Homosexualität), die weitreichend und signifikant die Zwangssituation und das kulturpolitische Dilemma der DDR beschreiben.
Siehe auch: 09.11.1993

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Der schwule Architekt, Dichter, Maler, Fotograf und Dressmen "Gino" (HAHNEMANN, geb. 1946) dreht u.a. seinen Film über Friedrich den Großen im AK-8-Schmalfilm-Format. GINO gestaltet Veranstaltungen der Schwulenbewegung mit Filmen. - GINO drückt in seiner assoziativen Ästhetik stets und selbstverständlich auch schwule Inhalte aus, bzw. formuliert Künstlerisches oft über schwule Formen und Anlässe, die er immer in ihren historisch-politischen Zusammenhängen zeigt. Seine damals für manche provozierenden Bildphantasien sind auf vielen inoffiziellen Kunstveranstaltungen zu erleben und finden so ein breites, gemischtes Publikum. Die Bücher und Filme (Hölderlin, Kaspar Hauser, Debussy, Madonna sind u.a. Themen) haben Titel wie: "Wir alle sind nur in dem Maße Menschen geworden, in welchem wir Menschen liebten oder Gelegenheit hatten, sie zu lieben", "Die Täuschung verträgt die Realität nicht" (Goethe-Film), "Unser täglich Luther gib uns heute", "die geschichte vom fluß, der sich nicht ans gesetz halten konnte", "das ghetto ist zu klein für uns beide" - sie alle sind: "Allegorien gegen die vorschnelle Mehrheit".
Siehe auch: 19.1.1986
28./29.Juni 1986
14. Januar 1990
1991

gestorben 2006 in Berlin. - Der Nachlass ging an die Akademie der Künste Berlin.


Archive (u.a.): Birmele, Brühl, Ebel, Eggert, Pulz

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Stedefeldt Interview mit Schmidt (gekürzt) in: konkret 7/1994 "Zur weiteren Veranlassung" (komplett) in: Gigi. Nr. 40 Berlin 2005 S.8-13
und in: Wolfram Setz (Hrsg.) "Homosexualität in der DDR", Hamburg 2006 S.64-70


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Thinius, 1990 S.154/155/161

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Thinius 1990 S.157


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Norbert Bischoff, "Zwischen Bett und Barrikade", 1990
(Zong 2770005)

"Rockmusik und Politik: Analysen, Interviews und Dokumente" (Hsg. Peter Wicke, Lothar Müller), Berlin 1996, S.83f.

1983

"Orlando" (1928) von Virginia WOOLF erscheint, der Roman beschreibt die soziale Rollenerfahrung eines genialbegabten, erfolgreichen Mannes auf seinem Weg durch die Jahrhunderte, der sich zu einer Frau wandelt.


"Teorema oder Die nackten Füße" (1968) von Pier Paolo PASOLINI erscheint. Ein Buch, das wie der gleichnamige Film dem Zusammenhang von Klasse, Sexualmoral und politischem Verhalten nachgeht und Homosexualität als Kritik an der Bourgeoisie ins Zentrum rückt.


Die Autobiographie "Stirb und werde" (1920/21) von André GIDE erscheint.


"Der Erlkönig" (1970) Roman von Michel TOURNIER kann (mit seiner kleinen Philosophie der Masturbation) als Taschenbuch erscheinen.


"Tod in Rom" (1954) von Wolfgang KOEPPEN erscheint, ein Roman, der die Verzweiflung an der unbewältigten Ideologie des Dritten Reichs in der Nachkriegszeit aus der kritischen Perspektive eines schwulen antifaschistischen Künstlers in der BRD beschreibt.


Gedichtband "Mit der Sanduhr am Gürtel" des Leipziger Dichters Thomas BÖHME erscheint, der darin auch Knabenliebe im modernen Alltag besingt.


"Männerprotokolle" von Christine Müller erscheinen (u.a. mit der Lebensgeschichte eines Schwulen).


In Uwe SAEGERs "Simon oder die gefällige Lüge" lebt Herr Friedemann kurz mit der Transsexuellen Lucie zusammen. (S. 39-45)

Insel-Verlag Leipzig 1983

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Verlag Volk und Welt Berlin 1983

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Reclam-Verlag Leipzg 1983

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1983

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Verlag Volk und Welt Berlin 1983

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1983

Buchverlag der Berlin 1983

Buchverlag der Morgen Berlin1983

Mai + Juni 1983

Erste gemeinsame Aktionen von Homosexuellengruppen auf den Evangelischen Kirchentagen zum Lutherjahr (z.B. Erfurt 12.-15.5. und Magdeburg 23.-26.6.) werden vom Ministerium für Staatssicherheit als "Erscheinungsformen politischer Untergrundarbeit" observiert.

Grau 1995S.135,
Stapel 1999 S.22/S.28 u.a.

6.6.1983

Der SPIEGEL-Artikel "Tödliche Seuche AIDS" greift die Promiskuität der Schwulen als Ursache der schnellen Ausbreitung an: In der DDR wird die Bedrohung weiterhin verleugnet.

Salmen/Eckert 1989 S.69

30.6.1983

Der Berliner Arbeitskreis "Homosexuelle Selbsthilfe / Schwule in der Kirche" (unter Mitwirkung von Eduard STAPEL als Theologe) veranstaltet in der Erlöserkirche einen Gedenkgottesdienst "für die homosexuellen Opfer des Faschismus" (sic! Wozu auch Röhm und andere SA-Leute z.B. zählen).
Erste (von staatlichen Kräften verbotene) Versuche von Kranzniederlegungen in den ehem. KZ's Sachsenhausen und Buchenwald. -
Die Kranzniederlegungen werden alljährlich anläßlich des CSD wiederholt. (Die Kränze, bzw. die Textschleifen wurden anschließend von Mitarbeitern der Gedenkstätten entfernt).

Aussage Chr. Pulz 2000

2.7.1983

Kranzniederlegung für homosexuelle Opfer des Faschismus durch eine Gruppe von Schwulen aus Berlin, Leipzig, Halle, Magdeburg und Erfurt.

Archiv Joachim Müller

23.9.1983

Zeitschrift "Die Kirche" versucht, Meinungen über Homosexualität, die sich aus Leserzuschriften nach diesbezüglichen Artikelveröffentlichungen herausfiltern lassen, in 4 Gruppen zu klassifizieren (1. Empörte Ablehnung, 2. Verurteilung, 3. Mitleidige Nachdenklichkeit und 4. Forderung nach Auseinandersetzung).

Grau 1989 S.18f.

1.10.1983

Tagung der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt zum Thema "Homosexualität und Gesellschaft". -
Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit dokumentiert.

Stapel 1999 S.28 u.a.

12.10.1983

Eduard STAPEL gründet den Arbeitskreis Homosexualität in Magdeburg. - Vom Ministerium für Staatssicherheit beobachtet und dokumentiert, regt STAPEL weitere Gründungen an (Erfurt, Aschersleben, Halle, Brandenburg, Jena, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Halberstadt), organisiert mit, und wird zu einer der zentral wirksamen Persönlichkeiten der DDR-Schwulenbewegung.

Das Ministerium für Staatssicherheit lässt diese Vorgänge observieren, insbesondere STAPEL, und bringen wegen der "politisch-negativen Einstellungen" und Verbindungen ins NSA (nicht-sozialistische Ausland) strafrechtliche Konsequenzen in Relevanz.


Mitarbeiter der Kirche und homosexuelle Frauen und Männer gründen in Lutherstadt Eisleben im Bezirk Halle einen AK Homosexualität, um im ländlichen Gebiet Anlaufstelle zu sein und Aufklärungsarbeit zu leisten. Wegen geringer Resonanz zieht der AK im Mai 1984 in die Evang. Stadtmission Halle um.

Stapel 1999 S.30ff/S.62 u.a.


Kraushaar 1997 S.191


Ants Kiel, in: "Lesben und Schwule in der DDR"
Halle 2008, S. 141 ff. (dort ausführlich und konkret zu vielen Behinderungen der Initiativen durch DDR-Behörden usw.)

3./4.11.1983

Christian PULZ regt überregionale Treffen der Arbeitskreise Homosexualität in der Samariter-Gemeinde Berlin zwecks Erfahrungsaustauschs an.
Fortan finden diese regelmäßig an verschiedenen Orten statt.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

21.11.1983

Kriminalakte "Gloria" (gegen PULZ und AK-Mitarbeiter) zur "Aufklärung einer homosexuellen Gruppe" angelegt.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

27.11.1983

Internes Zusammentreffen in der Wohnung von Christian PULZ mit westberliner Schwulen und österreichischen Journalisten zur Information über schwul-emanzipatorische Aktivitäten in der DDR.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

Dezember 1983

Der Artikel "Entwicklung des Sexualverhaltens" (1) in der "Gesundheit" relativiert die Geschlechterrollen als historisch und leitet u.a. auch die Entstehung von Sexualnormen, z.B. religionsgeschichtlich und militärisch her.
Im darauffolgenden Artikel "Partnerbeziehungen" (2) wird zwar für gelebte Sexualität im Alter geworben, für das Überwinden antisexueller Moralurteile, die Gleichberechtigung der Geschlechter beschrieben und das sexuelle Selbstbewußtsein der berufstätigen Frau, doch all dies im idealisierten Rahmen realsozialistischer Familienplanung: Homosexualität bleibt unerwähnt.

(1) H. Szewczyk in: Deine Gesundheit 11/1983 S.356 ff. + (2) Anita Weissbach-Rieger ebd. S. 360 ff.

1984

"Kassandra. Vier Vorlesungen und eine Erzählung" von Christa WOLF erscheint (mit zensurbedingten Auslassungen). WOLF beleuchtet darin die patriarchalen Strukturen der Macht und des Alltags auch für den realexistierenden Sozialismus kritisch und setzt sie in Beziehung zu Ähnlichem und Gleichem im Kapitalismus. Sie fragt nach un-autoritäreren, un-tödlicheren Alternativen, bzw. nach historischen Spuren und Ansätzen zu solchen.

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1983

Tennessee WILLIAMS´ letzter und bedeutendster Roman "Moise und die Welt der Vernunft" (1975) erscheint (mit einem Nachwort von Irene SKOTNICKI): eine Satire auf die Geist- und Gnadenlosigkeit der herrschenden Normalität der weißen, heterosexuellen Gesellschaft, in der das schwule Begehren des gescheiterten Außenseiters als Refugium trotziger Menschlichkeit mit viel Witz gestaltet ist.

* * *

Die Lyriksammlung "Tandem" von Ulrich BERKES erscheint und wird bis in die Neunziger Jahre neu aufgelegt.

* * *

Waldtraut LEWINs histor. Roman "Federico" über den Staufenkaiser Friedrich II. erscheint



Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1984

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1984

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Verlag Neues Leben Berlin 1984

"Ausgewählte Schriften" von Siegmund FREUD erscheinen (darin u.a. erstmals in der DDR die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von 1905 mit der Erklärung: »Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der anderen, sie sei erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt.«

In FREUDS berühmten »Zusatz von 1915« heißt es:
»Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualregungen studiert, erfährt sie, dass alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben.«)
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Reclam-Verlag Leipzig 1984

Januar 1984

»Wir trennen uns von all jenen, die ein falsches Verhältnis zum Staat, zur Arbeit oder zum anderen Geschlecht haben.« Ein SED-Genosse laut Klaus LAABS ihm gegenüber zur Erklärung der genehmigten Ausreisewelle von vorwiegend schwulen und lesbischen DDR-BürgerInnen in die BRD (LAABS »In eigener Sache, maskiert«): Da er in dem DokFilm "DDR unterm Regenbogen" - 2012 - hingegen sogar behauptet, dieser Satz wäre eine Antwort aus dem ZK der SED auf eine offizielle Anfrage hin, warten wir auf die Beibringung dieses Dokumentes, ehe wir wissen, ob der Satz überhaupt je geäußert wurde. - (Prinzipiell herrscht in der pseudo-"linken" Literatur sog. "Historiker" eine muntere Unbekümmertheit betr. derartiger Äußerungen. Der Umgang mit Dokumenten geht selten über thesenstärkende "Beleg"-Auswahl hinaus und mangelt in der Regel einer wissenschaftlich seriösen und fundierten politischen, historischen und gesellschaftlichen Einordnung: andere Seiten und Bedingungen bleiben ausgeblendet und ununtersucht. Kritiklos und undiskutiert werden Vorurteile und Begriffe übernommen, als wären sie objektive Meßgrößen, fern ideologischer Wertung, etwa neoliberaler, christlicher, anarchistischer, sozialistischer, kapitalistischer, rechts-konservativer usw. ("Demokratie", "Diktatur", "Opposition", "staatlich", "staatskritisch", "Stasi", "Ex-DDR", "Mauerbau", "Verfolgung", usw. usf.)

Laabs "Freitag:
Die Ost-West-Wochenzeitung"
Nr. 39 / 29.09.2006

"DDR unterm Regenbogen" Dokumentarfilm, D 2012

Frühjahr 1984

Dr. Kurt BACH revidiert seine frühere negative Haltung zur Homosexualität in einer Stellungnahme auf einen Leserbrief in der Frauenzeitschrift "Für Dich" (Siehe 1972).

"Für Dich" Nr. 14/1984

April 1984

Ein Positionspapier von Klaus LAABS an das SED-Organ der Humboldt-Universität mit einer Aufforderung an die SED zur Auseinandersetzung mit der Homosexualitätsfrage führt zu einem heftigen Konflikt.
Im August `84 wird LAABS schließlich "wegen Verstoßes gegen die Einheit und Reinheit (sic! ob.) der Partei" aus der SED ausgeschlossen..

Thinius 1994 S.45 S.35 f.

20.6.1984

Die Tageszeitung "Neue Zeit" meldet: "Keine Fälle von AIDS in der DDR".

Thinius 1994 S.34f

30.6.1984

Kranzniederlegungen zu Ehren der homosexuellen NS-Opfer in den KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen (Oranienburg). Auf Verlangen staatlicher Mitarbeiter müssen die Kränze wieder mitgenommen werden.

Katalog 1997 S.296,
Archiv M.Kittlitz, Leipzig,
u.a. Archiv und Aussage 2002 Joachim Müller

8.7.1984

In der Ausstellung über Homosexualität auf der Friedenswerkstatt in der Erlöserkirche Berlin wird u.a. der Kranz gezeigt, dessen Niederlegung zu Ehren der homosexuellen Opfer des Faschismus in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen zuvor von staatlicher Seite verhindert wurde.

u.a. Archiv Joachim Müller

20.7.1984

Mitteilung der Hauptabteilung VII/2 des MfS beweise, dass es eine umfangreiche Datei "aller bekannten Homosexuellen" gäbe.

Grau 1995 S. 138

August 1984

Artikel "AIDS - eine gefährliche neue Krankheit" erscheint in "Wissenschaft und Fortschritt"

"Liebe und Sexualität bis 30" erscheint mit einem Abschnitt über Homosexualität von Siegfried SCHNABL und Kurt STARKE. Darin heißt es u.a.: "Die Homosexualität ist wenig erforscht." - "Niemand sollte wegen seiner homosexuellen Neigungen diskriminiert werden." Das Buch enthält Fotografien eines lesbischen und eines schwulen Paares. Die Autoren fordern von der Umgebung junger Menschen, die homosexuelle Neigungen bei sich entdecken, Unterstützung und die Minimierung evtl. auftretender Belastungen ein.

"Wissenschaft und Fortschritt" 8/1984 S.213

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VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1984 S.290-305

6.8.1984

Die Leitung des Berliner Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" (Chr. PULZ, K. FRIEDEL, W. RÜDDENKLAU, R. LIMBECKER) erarbeitet einen Forderungs- und Vorschlagskatalog für staatliche Stellen.

Archiv Pulz

Herbst 1984

Die staatliche - auf Anregung der Regierung der DDR gebildete - interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Homosexualität" - IAH - (u.a. Dr. Bert THINIUS, Dr. Günter GRAU, Prof. FINCK, Leitung: Prof. WERNER, weitere Teilnehmer: Prof. DÖRNER, Prof. SÖNNICHSEN u.a.) nimmt an der Humboldt-Universität Berlin / DDR ihre Arbeit auf (Zu Anfang äußert Prof. FINCK seinen Protest gegen die "ziemlich inhumanen Forschungen" Prof. DÖRNERs - woraufhin später Untersektions-Arbeitsgruppen gebildet werden; DÖRNER bemängelt die Mitwirkung "Betroffener", wie etwa THINIUS & GRAU, worauf SÖNNICHSEN darauf hinweist, daß "Heterosexuelle" genauso parteiisch 'Betroffene' seien). Direkt in Kooperation mit dieser AG und als Ergebnis und Erfolg ihrer Arbeit werden in der Folgezeit Mietregelungen für "Homosexuelle" staatlicherseits gefunden, die Arbeit des SONNTAG-Klubs akzeptiert usw. bishin zur völligen Abschaffung des § 151 , Dez. 1988 (der u.a. Beratungen eines Spezialistengremiums mit Beteiligung von Dr. THINIUS vorangehen).(Siehe: 14.12.1988).
Ein anderes Ergebnis ist eine perfekt marxistisch-dialektische Formulierung, mit der die gesamte Frage der Homosexualität in Anwendung des Historischen Materialismus auf den Punkt gebracht wird. Im Konzept der Forschungsarbeit dieser staatlichen Gruppe für die Zeit von 1988-1995 (sie konnte wegen der Annexion der DDR durch die BRD NICHT zuende geführt werden) heißt es:
"Die Verabsolutierung der Heterosexualität bei der Mehrheit hat die Verabsolutierung der Homosexualität bei einer Minderheit zur Folge. Konzeptionen, die allein auf Integration einer besonderen Minderheit in die Gesellschaft zielen, sind deshalb perspektivisch nicht tragfähig. Gesellschaftlich geht es primär um die Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität überhaupt. Dabei ist die soziale Integration der Homosexuellen ein Teilaspekt. Die vollständige Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität, die Aufhebung der Polarisierung der Sexualitätsformen, ist die Aufhebung der Homosexuellen als besonderer 'anders gearteter' Menschengruppe. Die gesellschaftliche Anerkennung der Homosexuellen als Subjekte und als Gleiche ist der Beginn dieses Prozesses."



Thinius 1990 S.157



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THINIUS, 1994, S. 24

Oktober 1984

Der Hamburger Verlag "Frühlings Erwachen" publiziert die Dokumentation "Rosa Liebe unterm roten Stern - Zur Lage der Lesben und Schwulen in Osteuropa"; u.a. auch Bericht über DDR als dem "relativ liberalsten der sozialistischen Länder".

Anhörung von Sexualwissenschaftlern vor dem 3. Strafsenat des Obersten DDR-Gerichts zum Thema Homosexualität.
(Siehe: 24.3.`87).

HOSI Wien 1984 S.27

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Thinius 1990 S.157

6.10.1984

Schwule des Berliner Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" treffen sich mit dem Sprecher des Westberliner Arbeitskreises "Homosexualität und Kirche".

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr. Pulz)

21.4. - 17.5. (sic!) 1985

Die 5-teilige Artikelserie "Die Scham, das einem das Hinsehen so leicht fällt" von Olaf BRÜHL wird in der Mecklenburgischen Kirchenzeitung veröffentlicht (Es ist die erste positiv-affirmative Darstellung von Homosexualität im Zusammenhang mit Frauenemanzipation und Kritik an Antihomosexualität, heterosexuellen Rollenmustern und Patriarchat - ohne "Toleranz"-Werbung - und: von einem "Schwulen"). Die Kirchenleitung in Rostock (GAUCK) war not very amused. Entsprechende Proteste wurden in einer der darauffolgenden Nummern publiziert.

Grau 1987 S.126/S.135 + 1989 S.21/22,
Soukup 1990 S.115,
Thinius 1994 S.33 ff

1985

Der international renommierte Sowjet-Sexuologe Igor KON wird in der DDR veröffentlicht (herausgegeben von Walter FRIEDRICH und Kurt STARKE). Sein Standardwerk "Einführung in die Sexuologie" (1981) wertet innerhalb einer Gesamtdarstellung und sexual-sozialen Rollenanalyse die Beschreibung von Homosexualität und Heterosexualität als unzureichende Kategorisierungsversuche von menschlichem Sexualverhalten.
zurück zu: März 1979

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Der junge Autor Detlef OPITZ veröffentlicht seinen witzigen Aufsatz "Wie anders denn?" über Homosexualität in der DDR in der inoffiziellen selbstverlegten Zeitschrift "Mikado". Dort wird der Text wohl nur von literarisch interessierten LeserInnen der alternativen Szene wahrgenommen. - OPITZ kritisiert u.a. die als inhuman entlarvte Grundhaltung von Prof. DÖRNER, das Nichtvorhandensein einer gesellschaftlichen Diskussion über Homosexualität und die schädlichen Folgen des Christentums. Er referiert das Verebben der Schwulenbewegung (und erinnert eine "Initiative homosexueller Bürger" / "IhB", womit die HIB gemeint ist), diskutiert den Lustfaktor und plädiert mit "heterosexuellen" Argumenten für Homosexualität und die Vielfalt der Sexualitäten.

* * *

"Junge Liebe", ein Aufklärungsbuch von Klaus PLEISSNER erscheint mit freundlich-toleranten Ausführungen zum Thema Homosexualität im Kapitel "Was ist unter abnormer Sexualität zu verstehen?"

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1985 (S.279-312)



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Mikado Berlin 1985
("Mikado oder Der Kaiser ist nackt": Sammlung Luchterhand Darmstadt Nov. 1988 S.147-164)



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Verlag Neues Leben Berlin 1985

"Tagebuch" (1882) von Walt WHITMAN (Hrsg. Eva MANSKE) erscheint.

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Der Roman "Erinnerungen des Hadrian" (1951) von Marguerite YOURCENAR erscheint. Im Nachwort (S. 289): die Autorin rühre »an die heikle Frage der Homosexualität. Die sexuell-erotische Beziehung zwischen Gleichgeschlechtlichen ist in ihren Augen eine Form der ‚sinnlichen Freiheit’, die der Mensch für sich erwirken kann, indem er seine ›abnorme‹ Natur annimmt.«

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"Der zärtliche Jossif" von Michail KUSMIN (1909) erscheint.- Die Homosexualität des Autors oder in seinen Geschichten ist kein Thema in der DDR.

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"In der Hand des Engels", ein PASOLINI-Roman von Dominique FERNANDEZ (1982) erscheint. - In der DDR-Kultur-Wochenschrift "Sonntag" (jetzt "Freitag") wird (von Vincent VON WROBLEWSKI) mit dem Autor ein Interview auch über dessen Begriff von Homosexualität geführt.

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Lyrikband "Die schamlose Vergeudung des Dunkels" von Thomas BÖHME erscheint.

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"Ein Jahr in Arkadien. Kyllenion" von Herzog AUGUST VON SACHSEN-GOTHA (1805), der erste deutsche Roman, in dem eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern (konkret auch als sexuelle) positiv und als glücklich darstellt wird, erscheint in Westberlin als Reprint, herausgegeben und mit einem Nachwort von Paul DERKS. - In der DDR (inkl. Gotha) bleiben der "feministische" Herzog und sein Roman ignoriert.

Reclam-Verlag Leipzig 1985


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Reclam-Verlag Leipzig 1985


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Kiepenheuer-Verlag Leipzig&Weimar 1985


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Verlag Volk & Welt Berlin 1985


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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1985


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Verlag rosa Winkel Berlin (West) 1985

28.6.1985

I. Öffentliche Gemeinschaftstagung "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Leipzig auf Initiative staatlich etablierter Institutionen (Sektion Ehe und Familie der Gesellschaft für Sozialhygiene der DDR und der Sektion Andrologie der Gesellschaft für Dermatologie der DDR; Lykke ARESIN, Kurt BACH, Erwin GÜNTHER): Bestandsaufnahme der Lage von Lesben und Schwulen in der DDR sowie "Gesellschaftliche Notwendigkeit ihrer Emanzipation und Integration".
Beginn einer "Aufklärung von oben" (THINIUS). - Es ist die erste wissenschaftliche Konferenz dieser Art in einem sozialistischen Land, die sich öffentlich mit Homosexualität befasst.

Tagungsband (Manuskriptdruck) Fr.-Schiller-Univ. Jena 1986,
v.Kowalski in: "DornRosa" 6/1988 S.12-14,
Soukup 1990 S.131ff.,
Thinius 1990 S.157 + 1994 S.49
Grau 1995 S.138

15.9.1985

Ulli ZIEGER liest im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" aus seinem Till-Eulenspiegel-Drama.

Herbstprogramm AK
Archiv R. Limbecker

28.9.1985

Tagung "Homosexuelle 85 - Ein Versuch zur Versachlichung der Diskussion", veranstaltet von der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalts, der Männerarbeit der Kirchenprovinz bei der Evangelischen Stadtmission und der Arbeitskreis Homosexualität Halle. Teilnehmer u.a.: Verlagsdirektor Dr. Günter GRAU (Evangelische Verlagsanstalt Berlin), Pfarrer Dr. Karl-Heinz Blaschke, "der nicht ordinierte" Eduard STAPEL, Christian PULZ vom Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche", aus Dresden die Theologin Karin DAUENHEIMER und weitere ca. 300 Gäste. - Am 14. Dezember sollte das Treffen am selben Ort wiederholt werden.

Typoskript Stefan Berg 29.9.1985 (Archiv Brühl)

Herbst 1985

Artikel "AIDS - eine Infektionskrankheit" in der "Wochenpost". - In "medizin aktuell" und "humanitas", sowie andren Fachzeitschriften erscheinen "aufschlussreiche" (GÜNTHER, siehe Dezember 1985) Artikel zum Thema AIDS.

"Die Wochenpost" 40/1985

November 1985

Artikel "Homosexuell" von OMR Prof. Dr. Erwin GÜNTHER (Klinik für Hautkrankheiten der Fr.-Schiller-Univ. Jena), der sich behutsam gegen jegliche moralische Abwertung Homosexueller ausspricht und für Toleranz und Akzeptanz wirbt (siehe: Dezember 1985!).

"Deine Gesundheit" 11/1985 S.340 f.

Dezember 1985

Artikel "AIDS" von Erwin GÜNTHER, der den Wissensstand referiert und weitere Fragen an die Beratungsstellen der großen Hautkliniken verweist. Seine Abwiegelung ist keine medizinische und soll ganz offenbar einem Sündenbockstatus der Homosexuellen (wie ihn die katholischen Kräfte zB. in der BRD betreiben)vorbeugen.

Kurt R. BACH publiziert in der staatsweit erscheinenden und für sämtliche Schulen obligatorischen Monatszeitschrift "Biologie in der Schule" zwischen Berichten über "Mikrobiologische Demonstrationen auf einem Nährsubstrat" und "Verhaltensbiologie" seinen Artikel "Homosexualität - Gesellschaft - Sexualerziehung". BACH weist darauf hin, dass Homosexualität auch bei Heterosexuellen vorkommt, bei Jugendlichen üblich und weder Krankheit, Störung, noch Laster oder sonst irgend etwas Besorgniserregendes ist. Er kritisiert überkommene bürgerliche Auffassungen und fordert Pädagogen auf, sich zu informieren und Vorurteile zu überdenken, sowie Informationsveranstaltungen mit Fachleuten in der Schule (ab 6. Klassen) abzuhalten - und gibt mit seiner Postanschrift Möglichkeiten für Nachfragen.
Dieser Text (auch DANNECKER/REICHE 1974 wird erwähnt) hat nichts von seiner allgemeinen Gültigkeit verloren und wäre zu noch jahrzehntelang in kirchlich bestimmten Regionen Europas völlig undenkbar, geschweige in Bayern zB. oder in kirchlichen Unterrichtsstätten der BRD. Selbstverständlich wird diese wichtige Publikation in keinem Text (außer BACH/THINIUS 1994), der nach 1990 das Thema "Homosexualität in der DDR" zum Thema hat, auch nur erwähnt, geschweige analysiert...

"Deine Gesundheit" 12/1985 S.377 f.

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Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1985 S.486-493

Herbst 1985 bis Mai 1986




12.1.1986

Erste ausschließlich schwule Literatur (z.B. GENET, T. WILLIAMS, FASSBINDER u.a. - mit life Rock- und Experimentalmusik) präsentierende Veranstaltungsreihe im staatlichen Jugend-Klub Veteranenstraße Berlin: "Lesetheater in Music" (Olaf BRÜHL). - BRÜHL vermittelt den Kontakt zwischen Klubleiter Michael FOITZIK, Klubleiterin Carola WEIGELT und dem privaten Freundeskreis von Uschi SILLGE, Peter RAUSCH (einst HIB-Initiator), Colin SHERMAN, Bernd TISCHER sowie Uwe ZOBEL, die einen Ort für ihre Vorhaben suchen. Daraus entsteht als erster nicht-kirchlich-angebundener überregional sichtbarer Club an einem Sonntagnachmittag in der Wohnung von Uschi SILLGE (auch CHARLOTTE von Mahlsdorf ist anwesend; der einstige HIB-Initiator Michael EGGERT lehnt eine Zusammenarbeit im "staatlichen" Rahmen ab, solange die gesellschaftlichen Bedingungen keine kritische, emanzipatorische Diskussion ermöglichen) der "Sonntags-Club", dessen schwullesbische Veranstaltungen die Lesetheater-Sonntage in der Veteranenstraße ablösen. (Siehe: 15.2.1986). Der "Sonntags-Club" wurde allmählich zu einem Anlaufpunkt für die Schwulen und Lesben der DDR (es gab eine Postbeantwortungsgruppe), die sich nicht nötigen lassen wollten, den staatsfeindlichen Bannkreis evangelischer Kirchenbauten aufzusuchen.
Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit richtet auch gegen diesen Club (der die Literaturreihe verhindern soll) seine Zersetzungsarbeit. -
Erst nach der Wende, 1990, gelingt der Einzug ins Vereinsregister.
(Der "Sonntags-Club" ist seither kontinuierlich arbeitend noch heute das Schwulenzentrum des Prenzlauer Bergs Berlin.)

(Zurück zu: 1. Mai 1980)

Archiv Brühl,

Soukup 1990 S. 131 ff.,
Thinius 1994 S.24

Aussage Eggert 2003

Aussage Sillge 2001
Akten-Kopie BStU (Archiv Pulz)

Kraushaar 1997 S.212 ff. (z.T. fehlerhaft),
Grau 2002 (Manuskript),
Zeitzeugen-Talkshow am 22.Februar 2003 im Schwulen Museum Berlin

6. Jan. 1986

Bericht des MfS (Hauptabteilung XX): "Arbeitsweise über die Entwicklung und Aktivitäten von Zusammenschlüssen Homosexueller in der DDR und Anzeichen ihres politischen Missbrauchs durch feindlich-negative Kräfte" (10 Seiten)

Ausstellung "Homosexualitäten" im Deutschen Historischen Museum (2016)

1986

Wieland SPECKS Spielfilmdebüt "Westler" schildert anhand einer schwulen Liebesbeziehung die Berliner Mauer und den offenbar eher blumig-grauen DDR-Alltag aus westlicher (Horror-)Perspektive.

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"Wüstenfahrt" von Christoph GEISER (1984) erscheint.

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Nach jahrelangen, z.T. auf aberwitzige Ablehnungstaktiken stoßende Bemühungen gelingt es konzertierten Aktionen v.a. um Uschi SILLGE: beim Presseamt der DDR die Wiederzulassung von gleichgeschlechtlich orientierten Briefwechsel- und Kontaktanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften zu erreichen.

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Das neugewählte Zentralkomitee der KPdSU bestätigt Michail GORBATSCHOW als Generalsekretär.

Brent SCOWCROFT (Sicherheitsberater des amt. US-Präsidenten BUSH) 1989 über GORBATSCHOW :
"Wir hatten einen Plan - er nicht."

GORBATSCHOW selbst bekannte später (1999) in seiner Rede vor der Universität in Ankara (deren mehrere Publikationen und Übersetzungen er nie dementierte):
"Mein Lebensziel war die Zerschlagung des Kommunismus, der eine unerträgliche Diktatur über das Volk ist. In dieser Haltung hat mich meine Ehefrau unterstützt und bestärkt. Am meisten konnte ich dafür in den höchsten Funktionen tun. Deshalb empfahl mir meine Frau Raissa, mich um höhere Funktionen zu bemühen. Als ich den Westen kennengelernt habe, war meine Meinung umumkehrbar. Ich musste die gesamte Führung der UdSSR entfernen. Ich musste auch die Führungen in all den sozialistischen Staaten beseitigen. Mein Ideal war der Weg der sozialdemokratischen Parteien."
Am 25. April 2005 hat der russische Präsident Wladimir PUTIN in einer landesweit vom Fernsehen übertragenen Rede zur Lage der Nation vor der Duma diese angebliche „Revolution“ – nämlich die Auflösung der Sowjetunion – als „die größte geopolitische Katastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet. Später konkretisierte er, seine Bemerkung diene zur Verdeutlichung der aus diesem Ereignis entstandenen politischen und sozialen Folgen. – Zu diesen Folgen gehören nicht nur die Kriege in Tschetschenien und Afghanistan, sondern auch in Jugoslawien, im Irak, in Libyen und der Bürgerkrieg in Syrien… All diese Unruheherde ruinierten bereits Millionen Menschenleben und bergen gegenwärtig ausreichend Gefahren, in einen Dritten Weltkrieg zu eskalieren..

Edition Salzgeber Filmproduktion & ZDF

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Verlag Volk und Welt Berlin 1986


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Archiv Sillge


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Ullstein-Weltgeschichte Bd. 2, 1987, S. 515
SCOWCROFT in: Mein 9.November 1989 (hrsg. v. Schwan/Steiniger), Düsseldorf 2009, S. 350

Gorbatschow (übersetzt von Falkenhagen) in: Dialog Prag Nr. 146, Okt. 1999, auch: Siegfried Wenzel, Von wegen Beitritt, Berlin 2007, S. 76

19.1.1986

GINO (Hahnemann) zeigt seine Filme im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche".

Programm des Arbeitskreises (u.a. Archiv Brühl)

28.2.1986

Der Ministerrat der DDR verabschiedet "AIDS-Richtlinien zur Beratung und Betreuung"

Herrn 1999 S.37

April 1986

Manfred FRANZ, Schwerin, wendet sich u.a. an das Komitee für Menschenrechte, den Kulturbund und die Winckelmann-Gesellschaft, um die Idee einer Karl-Heinrich-ULRICHS-Gesellschaft einzubringen, deren Sinn u.a. darin bestünde, durch kulturelle Arbeit Unwissenheit, Diskriminierung und Stigmatisierung gegenüber Homosexualität in der Gesellschaft abzubauen und für einen Dialog zwischen Minderheiten und Mehrheiten zu wirken. Über dieses Anliegen informiert FRANZ in einem Rundbrief alle Arbeitskreise Homosexualität in der DDR. Unterstützung gewinnt er bei ihnen kaum. Seine Bemühungen werden aber vom MfS wahrgenommen (und unterdrückt).

Kopien BStU usw. (Archiv Franz)

6.4.1986

Thomas BÖHME liest aus seinem (später in "Sinn und Form" 1989, Drittes Heft, veröffentlichten) Essay "Monatsstimmen" über den in der DDR (wie Hubert FICHTE) kaum verlegten und nie aufgeführten Autor Hanns Henny JAHNN im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche".

Programm des Arbeitskreises (u.a. Archiv Brühl)

28./29.Juni 1986

Dank Einsatz von Manfred STOLPE und Bischof Gottfried FORCK findet die 5. Berliner Friedenswerkstatt "Frieden und Gerechtigkeit?" in der Erlöserkirche (Pfarrer Peter BICKARDT) statt:
Der Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" ist, wie in den Jahren zuvor, auch mit Informationsständen präsent (ebenfalls der Magdeburger Arbeitskreis) und mit einer z.T. szenischen Text-Collage "Was treibt Fäuste? - Elend der Männlichkeit" über Frauenbilder, Anti-Homosexualität & Gewalt (von O.BRÜHL), zu der ca. 3000 Besucher kommen. Generalsuperintendent KRUSCHE empfindet die Performance als Entweihung des Altarraums.
GINO Hahnemann zeigt seinen zu diesem Anlass gedrehten Film: "Wir alle sind nur in dem Maße Menschen geworden, in welchem wir Menschen liebten oder Gelegenheit hatten, sie zu lieben." - Diese verschiedenen Angebote werden von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit als Beleg der "politischen Konzeptionslosigkeit" des AK gewertet.

Axel Spieweg in "Berlin von hinten" Gmünder 1988/89 S.242/253ff,
Archiv GINO,
Akten-Kopie BStU (Archiv Brühl),
lt. Aussage Chr. Pulz 2000:
GSI Krusche (publiziert: wann + wo ?)

3.9.1986

Der US-amerikanische Student John BORNEMANN regt Jürgen LEMKE an, ein Buch mit autobiographischen Interviews über Schwule in der DDR zu machen.

Bornemann in: Lemke 1990 S.3,
Lemke Aussage 2000 + Archiv

29. September 1986

Der Generalsekretär der KPdSU Michail GORBATSCHOW äußert in einer Beratung mit seinen Mitarbeitern:
"Alle sozialistischen Länder sind angreifbar. Sie alle können verloren gehen. Die DDR ist am stärksten betroffen, einer Wiedervereinigung mit der BRD wird sie nicht widerstehen können."

Galkin/Tschernjajew (Hg.): Michail Gorbatschow und die deutsche Frage. Sowjetische Dokumente 1986 – 1991, München 2011, S. 114

12.10.1986

Trotz Verbots durch das Ministerium für Staatssicherheit : Kranzniederlegung im KZ Sachsenhausen; anschließend werden die Schleifen mit der Aufschrift : "'Homosexuelle Selbsthilfe' - den Opfern des Faschismus - in ehrendem Gedenken" von Mitarbeitern der Gedenkstättenleitung abgeschnitten.

Erinnerung Pulz und Akten-Kopie BStU (Archiv Pulz)

30.10.-2.11.1986

Gründungsversammlung des Bundesverbandes Homosexualität (BVH) in Köln: Soziologe Rüdiger LAUTMANN (Bremen) fordert Zusammenarbeit von "Integrationisten" und "Radikalen". (Siehe April 1985). - Seine Rede "Bewegung und Strategie" wird in Auszügen vom Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" als Kopie verteilt: - "trotz grundlegend anderer gesellschaftlicher Verhältnisse wichtig und nachdenkenswert".

Salmen/Eckert 1989 S.71,
Archiv Brühl

1987

Die "Wochenpost" beruhigt: wegen der Infektions-"Ziel"gruppen, besonders den "Homosexuellen", könne AIDS keine "Volks"-oder "Massen"-Seuche werden .

* * *

Artikel über Homosexualität von Mitarbeitern des Berliner Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" erscheinen in der "Bibelhilfe für die kirchliche Jugendarbeit 1987 - Ausgabe A - für Ältere". Darin stellt u.a. Christian PULZ, der die Vorurteile und traditionellen Rollenklischees über Geschlechter kritisiert, nicht die übliche biologistische und v.a. rassistische Frage nach den "Ursachen" der Homosexualität, sondern nach denen der Anti-Homosexualität und beschreibt deren Strukturen als Ergebnis gesellschaftlicher (auch kirchlicher) Prozesse historisch.
Im Abschnitt über die Arbeit mit Jugendlichen wird die Bewußtmachung der Vielfalt von Gefühlen und Begierden gefordert. - "Einführungsworte zum Elternabend im 'Arbeitskreis Schwule in der Kirche'" von Waltraud AHRNDT beschließen die Texte.

* * *

Ein zweiter Band mit Lebensberichten von Männern, "Männerbekanntschaften", von Christine LAMBRECHT erscheint, darin kommt auch ein Schwuler zu Wort.

"Die Wochenpost" 6/1987

* * *


Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1987 S.126-161 Autoren: Chr.Pulz, K.Friedel, A.Ebel, A.Adam, W.Löbe, M.Merten

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Mitteldeutscher Verlag Halle/Leipzig 1987

1987

Der Erste Sekretär des Zentralrats der FDJ und Mitglied des ZK der SED, Mitglied der Volkskammer der DDR, Mitglied des Staatsrats der DDR, Eberhard AURICH erinnert:

"1987 während des Kongresses der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) in Frankfurt am Main Anfang Mai bat mich Dr. Günter AMENDT um ein Gespräch unter vier Augen. Er schilderte die rechtliche Situation der Homosexuellen in der BRD und würdigte ausdrücklich, dass der Paragraph 175 in der DDR bereits abgeschafft und so mit ein wesentlicher Schritt zur rechtlichen Gleichstellung der Homosexuellen erreicht worden sei. Er berichtete mir, dass es allerdings noch eine rechtliche Diskriminierung hinsichtlich des Schutzalters (sexueller Umgang mit Jugendlichen unter 18 Jahren) gebe. Dort gebe es aber im DDR-Strafrecht noch einen Passus, der dies neben der generellen Schutzwürdigkeit ausdrücklich nochmals für Homosexuelle festlege. Das sei im Hinblick auf die doch eigentlich erfolgte rechtliche Gleichstellung der Homosexuellen eigentlich inkonsequent und nicht logisch. Er bat mich darum, dies doch mal zu überprüfen und evtl. zu verändern. Er betonte dabei, dass eine solche Änderung auch auf die BRD ausstrahlen könnte. (...)
Nach meiner Rückkehr aus Frankfurt verfasste ich zu diesem Gespräch eine Aktennotiz und schrieb einen Brief an den Minister für Justiz der DDR, Hans-Joachim Heusinger, und bat zunächst ihn um Aufklärung zum Stand der Dinge in dieser Frage. Zu meiner Überraschung teilte mir dieser mit, dass alles von Günter Amendt Geschilderte den Tatsachen entspricht und bereits eine Gesetzesveränderung vorbereitet sei. Er dankte mir ausdrücklich für meine Initiative, die die bereits vorbereitete Gesetzesänderung ausdrücklich unterstütze. Wie bei einem solchen Novellierungsprozess üblich sammle das Ministerium zurzeit noch weitere Strafgesetzänderungen, um die Novellierung in die Volkskammer einzubringen. Im Jahr 1988 erfolgte dann die Gesetzesänderung: Der Passus, der Homosexuelle gesondert unter Strafe stellte, die mit Minderjährigen sexuellen Verkehr hatten, wurde ersatzlos gestrichen. Für diesen Fall galt dies eben generell, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Vielleicht verstehen Sie, dass mich das in dieser Zeit besonders befriedigte. Es bedurfte auch meiner seits keiner Intervention bei der Parteiführung (Politbüro der SED)."
Siehe
Briefwechsel mit Greg TAYLOR, 2013 - Dort auch Bericht zur Arbeit des MfS, betreffs "Homosexualität in der DDR"


Homepage
Eberhard Aurich

10.3.1987 :
21.20h

Im DDR-TV "Urania Extra" : Sendung über AIDS und AIDS-Phobien.

E. Neubert 1987 S.9

22.3.1987

Ulrich BERKES liest im Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" aus seinem illusionslosen Tagebuch "Eine schlimme Liebe". Darin stellt er seinem DDR-Alltagsleben in der schwulen Beziehung mit dem Lebensgefährten Dichtung und Leben LAUTRÈAMONTs gegenüber.

Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1986

24.3.1987

Erneute Anhörung von Sexualwissenschaftlern vor dem 3. Strafsenat des Obersten DDR-Gerichts zum Thema Homosexualität. Anlass war der Prozess gegen einen Lehrer, der mit einem homosexuellen Jugendlichen auf dessen Initiative hin eine sexuelle Liebesbeziehung unterhalten hatte. Das Gericht empfiehlt eine Angleichung der "Schutzaltersgrenze" für homo- und heterosexuelle Jugendliche (bis 16 Jahren).
(Siehe: 11.Aug.1987).

Thinius 1990 S.157/158

April 1987

In der "Gesundheit" erscheint ein Interview (Sigrid MIELKE) mit Prof. Reiner WERNER zur bevorstehenden Veröffentlichung seines Buches über Homosexualität. - Die abgebildeten Fotos von Schwulen und Lesben stammen von dem schwulen Fotografen Ronald PARIS.

"Deine Gesundheit" 4/1987 S.122 ff.

Mai 1987

"Fallbeispiel AIDS": eine komplexe sozialkritische Untersuchung von Erhart NEUBERT erscheint als "innerkirchliche" Broschüre. - Die Studie bietet eine gute Zusammenschau über AIDS in der DDR, den Stand der medizinischen Erkenntnisse und den AIDS-Komplex als sozialen Prozess: Rassismus, Vorurteile, hassprojektionen, Kirche, Mythen, Antihomosexualität, ökonomische Interessen, "Schwulenkrankheits"-Konzept usw.

Dr. Günter GRAU (ehem. Verlagsdirektor der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin) veröffentlicht einen umfassenden Essay "Homosexualität im Gespräch von Kirchen und Gemeinden. Zwischenbilanz - Probleme - Konsequenzen."

Der Sexualwissenschaftler Günter AMENDT (BRD) spricht auf dem SDAJ-Kongress in Frankfurt am Main den 1.FDJ-Sekretär AURICH an und versucht ihm klar zu machen, dass Antihomosexualität auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus rückschrittlich ist.

Theologische Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen i.d. DDR, Berlin Mai 1987


"Die Zeichen der Zeit" 5/1987 S. 126-136


Thinius 1990 S.159

Sommer 1987

Das Buch "Homosexualität. Herausforderung an Wissen und Toleranz" von Rainer WERNER erscheint. In den Schwulenbewegungen Ost und West erntet es viel Kritik. U.a. würdigt Prof. WERNER Prof. DÖRNERs Forschungen als Grundlagen seines Auftretens "gegen die Diskriminierung der Homosexuellen" (S. 23).
Günter AMENDT, BRD, stellt zu der Publikation fest:
"Ein Ärgernis, das den Blick auf die Homosexualität nicht öffnet, sondern verstellt."

Dr. Bert THINIUS veröffentlicht in der Frauenzeitschrift "Für Dich" den Artikel "Mein Bruder ist anders" und in der Kulturwochenzeitung "Sonntag": "Natürlich anders".


VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin 1988,
Amendt 1987 S.1 ff,
Soukup 1990 S.8,
Herrn 1999 S.29


"Für Dich" Nr. 31,
"Sonntag" Nr.49/1987

11.August 1987

Die Oberste Strafkammer der DDR kassiert auf Antrag des Präsidenten des Obersten Gerichtes der DDR per Urteil (3 OSK 13/87) das Urteil eines Kreisgerichtes, das den Vorwurf homosexueller Handlungen eines 31jährigen an einem noch nicht 18-jährigen mit vier Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt für ein Jahr Bewährung, geahndet hatte.
"1. Ausgangpunkt für die Bewertung sexueller Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts dass sein, dass Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens darstellt. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet. Ihre Diskriminierung und moralische Abwertung ist demzufolge abzulehnen und sie sind vor Angriffen auf ihre Integrität (z.B. durch Beleidigungen, Körperverletzung, Rowdytum) bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen auch mit strafrechtlichen Mitteln zu schützen.".

So der Anfang der Argumentation des Obersten Gerichtes, die schon ein Anti-Diskriminierungsgebot enthält.
Dieter F. ULLMANN kommentiert in "Rosa Flieder" (BRD): "Die Vorstellung, der Bundesgerichtshof als Revisionsinstanz in diesem unserem Lande würde sich eine derartige Argumentation zu eigen machen, ist fast utopisch. Ganz im Gegenteil werden nach wie vor Verfahren wegen Verstoßes gegen § 175 durchgezogen bis hin zur letzten Konsequenz."
(Siehe: 14.12.1988).

"Rosa Flieder" 4/1988 S.7

16.9.1987

Beschlüsse des Ministerrates der DDR zu Maßnahmen gegen AIDS werden unter Verschluß gehalten.

Soukup 1990 S.149,
Herrn 1999 S. 37

26.September 1987

Auf der Tagung der Evang. Akademie im Magdeburger Dom "Integration! - Aber wie? Homosexuelle 1987 - Fortgesetzte Versuche zur Verständigung" versucht Eduard STAPEL vergeblich, einen in der Gruppe erarbeiteten Forderungskatalog zu verabschieden, der an die DDR-Regierung gerichtet werden sollte.

Das Tagungspapier enthält u.a. Texte von den Teilnehmern Rüdiger LAUTMANN (BRD), Günter GRAU, Moritz JÄHNIG und Karin DAUENHEIMER.

Tagungspapier: Als Manuskript vervielfältigt "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch!" Magdeburg 1988 53 Seiten,
Stapel 1999 S.56

Oktober 1987 ?

Von zentraler staatlicher Stelle aus wird den in allen Wohngebieten existierenden Jugendklubs der DDR die Weisung erteilt, einmal im Monat Veranstaltungen zum Thema Homosexualität durchzuführen .

Thinius 1994 S.31
Michael Foitzik Aussagen 1988 und 1996

Ende Oktober bis Anfgang November 1987

Das Französische Kulturzentrum Berlin Unter den Linden zeigt eine Patrice-CHÉREAU-Werkschau, darin seinen radikalen Schwulenfilm "L' Homme blessé" von 1983 (Drehbuch nach Motiven von Jean GENETs "Tagebuch eines Diebes": Hervé GUIBERT und Patrice CHÈREAU). - Die Schwulenbewegung fehlt, die Presse schweigt.

30.10.-1.11.1987

Tagung der Koordinierungsgruppe aller kirchlichen Arbeitskreise Homosexualität der DDR in Brandenburg.

Es wird ein "Zentraler Arbeitskreis AIDS" gegründet (Initiator: Dr. Rainer HERRN), der u.a. ein Weiterbildungsprogramm in Sachen AIDS organisiert. Öffentliche materielle Unterstützung bleibt aus und damit eine breitere Wirkungsmöglichkeit.

Stapel 1999 S.62 u.a.

Herrn 1999 S.32

Dezember 1987

GORBATSCHOW besucht die USA und führt mit Vizepräsident George W. BUSH Geheimgespräche. (BUSH wird ein Jahr später Präsident, ein weiteres Jahr später wird die Auflösung der Warschauer-Pakt-Staaten eingeleitet. Condoleezza RICE erklärte zwanzig Jahre danach:
"Das Zeitfenster war so eng. - Die Russen mußten stark genug sein, um ihre Rechte abtreten zu können. Aber sie durften auch nicht so stark sein, daß sie den Prozess aufhalten können" Und zur Wiedervereinigung Deutschlands als Verbündeter der USA und Mitgliedsstaat der NATO: "Es gab keinen Plan B." -!-).

Condoleezza Rice, Es ging um den Jackpot. In: Der Spiegel 39/2010, S. 53f.

1988

Lyrikband "Stoff der Piloten" von Thomas BÖHME erscheint.


"Kontrollverlust", Roman von Norbert BLEISCH, erscheint.

"Musik und Welt" (1985): Fünf Essays von Martin GREGOR-DELLIN erscheinen, er thematisiert Homosexualität in Bezug auf Georg Friedrich HÄNDEL. Auf den wissenschaftlichen Tagungen der Händel-Festspiele in Halle/S. (ebenso wie bei denen in Karlsruhe und Göttingen) bleibt dieser Aspekt unbeachtet.

Für die Winckelmann-Gesellschaft der DDR ist allerdings WINCKELMANNs Päderastie auch kein Thema.
In ähnlicher Weise ist für die Publizisten, Theaterwissenschaftler und Antifaschisten der DDR offenbar die Homosexualität des spanischen Dichters Federico GARCÌA LORCA, der von Franco-Soldaten ausdrücklich »weil er ein Schwuler war«, erschossen wurde und dessen dramatisches und poetisches Werk von Chiffren und Bildern der Homosexualität ganz und gar durchdrungen ist, tabu.

Aufbau-Verlag Berlin & Weimar 1988

Hinstorff-Verlag Rostock 1988


Henschelverlag Berlin 1988

Februar 1988

Schwule Texte von GOYKE und SOLLORZ erscheinen in der DDR-Literaturzeitschrift "Temperamente"

temperamente heft 2/88

27.3.1988

Ronald M. SCHERNIKAU, der als BRD-Bürger am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher" studiert, liest im "Sonntagsclub" aus seiner "Kleinstadtnovelle" (1980) - die in der DDR nicht verlegt wurde (sondern im Rotbuch Verlag, Berlin 1980)

Thinius, 1990, S.156

23. April 1988

II. Workshop zu "psychosozialen Aspekten der Homosexualität" der Sektion Andrologie der Gesellschaft für Dermatologie der DDR und der Sektion Ehe und Familie der Gesellschaft für Sozialhygiene der DDR in Karl-Marx-Stadt: Referate über Homosexualität und Homosexuelle, jedoch kaum von ihnen selbst .
Mancher Vortrag wird nur verstümmelt im Tagungsband wiedergegeben.

Stapel, Vortragsmanuskript 1988
Tagungsbd: Wis. Beiträge der Fr-Schiller-Univ. Jena 1989
Amendt `89 S.4
Thinius `90 S.157
Soukup `92 S.49, 57

8. Mai 1988

Nach jahrelangen Verweigerungen und Repressalien staatlicherseits Erlaubnis, mit Gedenkversammlungen und beschrifteten Kränzen im ehemaligen KZ Sachsenhausen die homosexuellen Opfer der NS-Zeit zu ehren - der Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe bzw. der Berliner "Gesprächskreis Homosexualität" (bei der Advent-Gemeinde) übernehmen diese alljährliche Aufgabe (der "Gesprächskreis Homosexualität" bis heute).

Chr. Pulz, P.Birmele, J.Müller, M. Eggert (Archive, Aussagen)

15. 5. 1988


5. 6. 1988

Referat von Uschi SILLGE zum 120. Geburtstag von Magnus HIRSCHFELD.

Lesung Dr. Irene RUNGE "Himmelhölle Manhattan" im "Sonntagsclub"

Thinius 1990 S.156

24.5. 1988

In Großbritannien wird am 24. Mai 1988 die Clause 28 (auch Section 28) parlamentarisch verabschiedet: eine Gesetzeserweiterung des Local Government Act von 1986 des Vereinigten Königreich während der Zeit der konservativen Parlamentsmehrheit unter Margaret THATCHER.

(1) Kommunalbehörden sollen nicht -
(a) Homosexualität absichtlich begünstigen oder Material mit der Absicht, Homosexualität zu begünstigen, veröffentlichen;
(b) das Lehren in einer betriebenen Schule über die Akzeptierbarkeit von Homosexualität als eine vorgebliche Familienbeziehung begünstigen.
(2) Nichts aus Absatz (1) oben soll Grund sein, um eine Handlung mit dem Zweck der Behandlung oder der Vorbeugung der Ausbreitung von Krankheiten zu verbieten.

Das Gesetz verbot Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden die „Förderung von Homosexualität“, was zur Konsequenz hatte, dass in allen Bereichen des öffentlichen Lebens nur noch negativ über Homosexualität berichtet werden durfte. Dies führte zu einer Mobilisierung der Lesben- und Schwulenbewegung in Großbritannien, die in dem Gesetz eine Zensurmaßnahme sah. Selbstzensur in Schulen, fehlende Maßnahmen gegen Diskriminierung und die Unterbindung der Möglichkeit, dass für Homosexualität als Lebensform um Verständnis geworben werden könne, wurden befürchtet. Die Labour-Regierung unter Tony BLAIR unternahm ab dem Jahr 2000 Versuche das Gesetz abzuschaffen, was letztlich erst mit dem Local Government Act 2003 geschah, welcher am 18. September 2003 Gesetzeskraft erlangte und am 18. November 2003 (!!!) in Kraft trat.

Der bayerische Innenstaatssekretär Peter GAUWEILER forderte 1988 im Zusammenhang mit AIDS ein „Programm gegen die nationale Dekadenz, wie es Margaret Thatcher formuliert hat.“ (15. Dezember 1988)




Wikipedia



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Oesterle-Scherin, Kelly, Olms, Volmer, Daniels, Häfner, Kreuzeder, Rust, Saibold, Weiss; Deutscher Bundestag: Drucksache 11/3741 - Antrag - Beeinträchtigung der Menschen- und Bürgerrechte der britischen Urninge und Urninden durch die Section 28 des Local Government Bill sowie vergleichbare Angriffe auf die Emanzipation der Urninge und Urninden in Bayern.

Juni 1988

Die Hamburger Zeitung der Demokratischen Lesben- und schwulen-Initiative hat als Monatsthema Homosexualität in der DDR.
Darin Dr. Kurt BACHs 11 "Thesen" (vom 10.10.87) "Homosexualität und Sexualerziehung in der DDR", die er auch auf der "International Scientific Conference on Gay and Lesbian Studies: Homosexuality, which Homosexuality?" der Free University Amsterdam (15.-18.12.1987) gehalten hatte (dort im Konferenzmaterial publiziert). Er bedauert die aus überkommenen Haltungen resultierende Tabuisierung von Homosexualität in der DDR, sieht aber im Sozialismus die Zukunft für ihre menschenwürdige Integration, womit man erst am Anfang stünde.
Gudrun von KOWALSKI schreibt über die Leipziger Tagung "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" vom Juni 1985 (siehe dort) und Detlef GRUMBACH über AIDS und Michael HUNGER über die Gruppen in kirchlichen Räumen. - Für das August `88-Heft wird eine Selbstdarstellung des "Sonntags-Clubs" angekündigt.

DornRosa Nr.13, 6/88

Juli 1988

Sowjetisch-amerikanischer Dialog in Washington, bei der die sowjetische Seite verkündet:
"Ausschlaggebend für die Einheit Europas ist die allmähliche Beseitigung der Teilung Deutschlands und die Bildung eines geeinten deutschen Staates."

Wjatscheslaw I. Daschitew, Paradoxe Leidenschaften, in: Preußische Allgemeine Zeitung Hamburg 7. Januar 2006

ca. Mitte 1988 ?

Initiiert von Hanno HARNISCH: Beginn einer Reihe von Jugendsendungen zum Thema Homosexualität im staatlichen Jugendradio "DT64". Sie signalisieren das Ende der starken Tabuisierung von Homosexualität in der DDR. Der Sender leistet damit eine Art medialer Vorreiter-Funktion.

Den Dokumentarfilm "Die andere Liebe" schauen sich vornehmlich heterosexuelle Zuschauer an, damit sie sich "überhaupt erstmal eine Meinung über Homosexualität" bilden können.

Thinius 1994 S.60
Grau 1990

* * *

Thinius 1994 S.58

3. 8. 1988

Im Café "Binokel" (der Schwulengruppe der Berliner Evangelischen StudentenGemeinde, Leitung: Karsten FRIEDEL) findet ein Treffen (Leitung Christian PULZ) mit Teilnehmern des in Westberlin stattfindenden Jugendkongresses des "intern. Verb. der Lesben und Schwulen" (Zitat: Akten; IGA - International Gay Association?) mit Mitgliedern der Arbeitskreise "Homosexualität" Berlin, Dresden und Jena statt.

Akten-Kopie BStU (Archiv Chr.Pulz)

10.10.1988

Peter HACKS schreibt an Ronald M. SCHERNIKAU: "Wieviel einfacher für Sie und für uns wäre alles, wenn Sie für ddr einfach: honeckers ddr sagten." - Der Briefwechsel SCHERNIKAUS mit dem Dichter und Dramatiker HACKS "Dann hätten wir noch eine Chance" erscheint nach SCHERNIKAUS frühem AIDS-Tod (Okt. 1991).

Konkret Literatur Verlag Hamburg, 1992, S.31

14. 12. 1988

Beschluss:
Die Volkskammer der DDR verabschiedet die 5. Änderung des Strafrechtsgesetzes.

Die letzten Reste einer gesonderten Rechtsbehandlung und Kriminalisierung von Homosexualität sind mit § 151 aus dem Strafgesetzbuch der DDR gestrichen.

Die Beratungen zur Änderung des Paragraphen werden unter Leitung eines Richters mit Mitgliedern der IAH (interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Homosexualität") an der Humboldt-Universität Berlin durchgeführt (u.a. mit Dr. Bert THINIUS).

Ein weiteres Ergebnis der Arbeit dieser staatlich gebildeten Gruppe ist 1988 ein Konzept für die weitere Arbeit "bis 1995", worin sich folgende perfekt marxistisch-dialektische Formulierung findet, mit der die gesamte Frage der Homosexualität in Anwendung des Historischen Materialismus auf den Punkt gebracht wird:

"Die Verabsolutierung der Heterosexualität bei der Mehrheit
hat die Verabsolutierung der Homosexualität bei einer Minderheit zur Folge.
Konzeptionen, die allein auf Integration
einer besonderen Minderheit in die Gesellschaft zielen,
sind deshalb perspektivisch nicht tragfähig.
Gesellschaftlich geht es primär um die Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität überhaupt.
Dabei ist die soziale Integration der Homosexuellen ein Teilaspekt.
Die vollständige Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität,
die Aufhebung der Polarisierung der Sexualitätsformen,
ist die Aufhebung der Homosexuellen als besonderer
'anders gearteter' Menschengruppe.
Die gesellschaftliche Anerkennung der Homosexuellen als Subjekte und als Gleiche
ist der Beginn dieses Prozesses."

Inkraft tritt das Gesetz am 1. Juli 1989.

Zugleich lehnen die staatlichen Instanzen weiterhin jegliche Art der Selbstorganisation von Lesben und Schwulen ab.

Gesetz zur Änderung und Ergänzung des StGB, § 1. In: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik Teil I Nr.29
vom 28. Dezember 1988 S.335

J.Müller Berlin/Bonn 2000 S. 20+30,
Bach/Thinius 1989,



Thinius 1994 S.63
und S. 24

1989

Der 'schwule' Film "Eh´ die Fledermaus ihren Flug beendet" von Peter TIMAR (Ungarn 1988) wird im Haus der Ungarischen Kultur in Berlin gezeigt.

* * *

Ronald M. SCHERNIKAUS Buch "Die Tage in L." erscheint nicht in der DDR, sondern in Hamburg (Konkret Literatur Verlag): eine radikale literarische Beschreibung der Verhältnisse im kapitalistischen und realsozialistischen Deutschland, die der schwule westdeutsche Autor während seiner Aufenthalte in Leipzig und Westberlin verfasste.

* * *

"Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau" von Simone DE BEAUVOIR (1949) erscheint in zwei Bänden.

* * *

"Geist als Leidenschaft", Essays von Susan SONTAG (ua. "Anmerkungen zu »Camp«" und "Die pornographische Phantasie") erscheinen (Hrsg. Eva MANSKE).

* * *

"Das Tagebuch eines Diebes" von Jean GENET (1949) erscheint.

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"Plötzlich mein Leben" von Norbert MAROHN erscheint.


* * *

Heike SKRABS beschreibt in ihrem Erzählungsband "Pausenspiel" u.a. das Coming-out eines jungen Schwulen.

* * *

In Uwe SAEGERs "Das Überschreiten einer Grenze bei Nacht" kommt das 'Gerede' (unausgesprochene Pädophilie) über Sohn Dirk zur Sprache: zunächst aus seiner Perspektive (S. 135-141), dann aus Sicht der Schwester (S. 179f.)


Archiv Stargard

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Konkret-Verlag Hamburg 1989

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Aufbau-Verlag, Berlin&Weimar 1989

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Kiepenheuer, Leipzig&Weimar 1989


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Volk & Welt Berlin 1989


* * *

Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, 1989


* * *

Verlag Neues Leben, Berlin 1989


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Mitteldeutscher Verlag Halle/Leipzig 1989

JanuarFebruar/März 1989

In der zweiten Januarwoche konferierte Henry KISSINGER im Auftrag von George W. BUSH in Moskau mit dem SU-Außenminister Aleksander JAKOWLEW und danach mit Michail GORBATSCHOW:
In seiner Antrittsrede als US-Präsident am 20. Januar kann BUSH nun verkünden:
"Die Ära des Totalitarismus ist vorüber, seine überholten Ideen weggeblasen."
Der 72jährige Vernon A. WALTERS wird als Botschafter vom Außenminister der USA, James BAKER, mit der Maßgabe "Dort wird es ums Ganze gehen" nach Bonn geschickt. Noch im Januar sagt er: "Eine meiner Hauptaufgaben ist es, die letzte Ölung zu geben, kurz bevor der Patient stirbt" - die Vereinigung Deutschlands werde in seine Amtszeit fallen. - (WALTERS war u.a. am Militärputsch 1964 in Brasilien beteiligt, leitete die CIA-Operationen zur Unterstützung des Militärputsches in Chile 1973 und wirkte danach bei der Niederschlagung der "Nelkenrevolution" in Portugal 1974/75).
Im Februar wird die Direktive für die Präzisierung der Politik der USA gegenüber der UdSSR und den Ostblock-Staaten herausgegeben; darin stehen für diese Zielpunkte wie:
"institutionell verankerte Garantien für bürgerliche, politische und wirtschaftliche Freiheiten; liberale Gesetze und eine liberale Wahlpraxis (...); eine unabhängige Rechtsprechung; eine kritische Presse; florierende, nichtstaatliche Organisationen; größere Bewegungsfreiheit; Fortschritt in Richtung auf größere wirtschaftliche Freiheiten durch dezentrale Entscheidung; das Recht auf privaten Land- und Kapitalbesitz; ein Ende der Kommandowirtschaft; ein ende des Monopols der kommunistischen Partei und die Abschaffung des Polizeistaats."
Am 24.März erklärt der Sicherheitsberater von George W. BUSH, Bengt SCOWCROFT, auf einer Tagung des Nationalen Sicherheitsrates der USA:
"dass zum ersten Mal die Gelegenheit gekommen ist, das zu vollbringen, wovon frühere Präsidenten nur hätten träumen können Osteuropa in den Schoß des Westens zurück zu führen."

Beschloss&Talbot,
Auf höchster Ebene: Das Ende des Kalten Krieges,
Düsseldorf, Wien, New York, Moskau 1993,
S. 59 f., S.22

V. A. Walters in: Ein Globetrotter, FAZ, 10. Januar 1989, S.10

Zu Walters: Klaus Eichner, Frontkader Strippenzieher, Junge Welt, 29. Juni 2010, S.10

Januar bis August 1989

Im "magazin" erscheint in den Heften Januar, Februar und Mai eine Artikelserie von Ursula HAFRANKE (wiss. Berater: Dr. H.THINIUS und D.BSONEK) mit dem Titel: "Ungestraft anders". Bis Jahresende werden immer wieder Leserbriefe veröffentlicht. - Ein weiterer Artikel erscheint im Februar 1990

Streitlexikon DT 64: "Mensch, Du!"; Heft 3; 1989 Populäre Broschüre zu Sexualität / Homosexualität (hrsg. vom Jugendradio DT 64 Deutsche Demokratische Republik, Berlin

Zum ersten Mal Publikation selbsterzählter (gefilteter) schwuler Lebenserfahrungen:
Jürgen LEMKES Buch "Ganz normal anders" mit autobiographischen Berichten von 19 Schwulen (u.a. Peter BIRMELE & Volker GASSER, den Leitern des Berliner Gesprächskreises Homosexualität, CHARLOTTE von Mahlsdorf usw.) Das Vorwort ist von Irene RUNGE.

Das Aufklärungsbuch "Und diese Liebe auch". Theologische und sexualwissenschaftliche Einsichten zur Homosexualität von Günter GRAU erscheint u.a. mit Aufsätzen von Manfred PUNGE, Manfred JOSUTTIS und HUK-ler Hans-Georg WIEDEMANN (Düsseldorf). Eine umfassende Übersicht zum Thema, die den kirchlichen Rahmen sprengt und den Stand des Diskurses referiert. - Auch dieses Buch (GRAU hatte es 1986 begonnen) erscheint beträchtlich verzögert: nicht zuletzt durch ein negatives Gutachten Prof. Dr. Günther WERNERs, das dieser für das Ministerium für Staatssicherheit erstellt hatte.

In der BRD erscheint der Sammelband "Natürlich anders. Zur Homosexualitäts-Diskussion in der DDR" mit einer Auswahl von Vortragstexten, die auf den beiden Tagungen "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Leipzig 1985 und Jena 1988 (s.o.) gehalten worden waren. Herausgeber und Autor des Vorworts ist Günther AMENDT.

Das Magazin, 1, 2, 5/1989 + 2/1990

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Streitlexikon DT 64, 3/1989
Hrsg. vom Jugendradio DT 64, Berlin DDR

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Aufbau-Verlag Berlin&Weimar 1989,
Lemke 1990 S.3

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Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1989

Soukup 1990 S.166
Thinius 1994
Aussage Grau 11/2002

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Pahl-Rugenstein Verlag Köln

5.2.1989

Gründung der Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Courage", die sich vom Berliner "Sonntags-Club" abgespaltet hatte. Ihr geht es um Integration der Schwulen in die DDR-Gesellschaft. So wird sie sich auf dem FDJ-Pfingsttreffen `89 präsentieren und später in Wien auf der ILGA-Konferenz um Mitgliedschaft bemühen.
(Siehe: 7.Juni`89)

Siegessäule, Berlin-West 9/1989
Soukup 1990 S.135f.,
Grau 1990 S. 59 ff.,
Thinius 1994 S.85

6. Febr. 1989

Ronald M. SCHERNIKAU liest im Klub "Rosa Linde" in Leipzig, Lindenau (Moderation: Michael BERNINGER).

Archiv Michael Berninger (Leipzig)

21.-23. April 1989

Auf Initiative der ILGA (International Lesbian and Gay Assoziation) findet der 3. Osteuropäische Schwulen- und Lesbenkongreß in Budapest (!) statt, an der u.a. aus der DDR auch Olaf BRÜHL sowie Vetreter des "Sonntags-Club" (Uschi SILLGE, Peter RAUSCH) teilnehmen, die für diesen die ILGA-Mitgliedschaft anstreben. Internationale Kooperation, Vernetzung und AIDS sind die Hauptthemen.

Brühl in: DornRosa Nr.20/21, S.50 Hamburg Okt.1989.

Herrn Hamburg 1999 S. 65

Mai 1989

2. MaiUngarn öffnet seine Grenzen zu Österreich.
US-Präsident BUSH besucht Bonn und spricht sich gegenüber Kanzler KOHL für ein "Europa ohne Grenzen" aus und bietet Deutschland (!) einen Status als "Partner in Leadership" an.

A.v.Plato, Die Vereinigung Deutschlands - ein weltpolitisches Machtspiel, Berlin 2002, S.435

27. Mai 1989

Auf einem zentralen Infotreffen der nicht-kirchlich-angebundenen Homosexuellen-Gruppen in Leipzig stellt Dr. Rainer WARCZOK (Berlin) das Projekt einer Befragung vor, das vom Zentralinstitut für Jugendforschung getragen wird und die Spezifik der Probleme von Lesben und Schwulen verdeutlichen soll. - Umstritten ist das Auftreten der Gruppe "Courage" auf dem FDJ-Pfingsttreffen `89 (siehe Folgendes).

Protokoll M.Schütte (Kopie), Archiv Brühl

7. Juni 1989

In der Tageszeitung der FDJ, "Junge Welt", bedankt sich die Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Courage" (siehe Voriges): "sehr herzlich beim Zentralrat der Freien Deutschen Jugend für die Ermöglichung unserer Beteiligung am Pfingsttreffen der FDJ 1989. (...) Wir sind durch das Pfingsttreffen bestärkt in unserer Überzeugung, dass der Sozialismus über die objektiven Grundlagen für wahrhaftige Integration verfügt und diese Integration im Miteinander erreichbar ist."
Die Urheberschaft dieser »kompromittierenden« Danksagung ist nach Eike STEDEFELDT »ungeklärt«. (Siehe: 5.Februar 1989)

Grau: Lesben und Schwule S. 50 f./60 f./ 168 f.

Kraushaar 1997 S.207 f.

11. Juni 1989

Auf dem IX. MitarbeiterInnentreffen der Arbeitskreise Homosexualität wird die sog. "Karl-Marx-Städter Plattform" mit dem Titel "Für Anerkennung und Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen" verabschiedet. Sie fordert u.a. volle rechtliche Gleichstellung, Zugang zu öffentlichen Räumen, Gedenktafeln für homosexuelle NS-Opfer, homofreundliche Kulturpolitik, tolerantere Kirchenpolitik in Sachen Homosexualität, multidisziplinäre Forschungen zu Homosexualität, offene Sexualerziehung, effektivere AIDS-Politik.

Soukup 1990 S.137 ff.

24. Juni 1989

Der Freundeskreis Rosa Archiv zeigt im Leipziger „Casino“ den Film „Anders als die Andern“ (Deutschland 1919). Dieter BERNER (Berlin) hält einen Einführungsvortrag.

Infoblatt des FKRA (Rosa Archiv, Jürgen Zehnle)

12.-14.Juni 1989

Der sowjetische Partei- und Staatschef GORBATSCHOW bekennt sich bei seinem Besuch in Bonn zum "Selbstbestimmungsrecht" der Deutschen; - KOHL seinerseits zur Presse: "Die Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion betrachten es als vorrangige Aufgabe ihrer Politik, an die geschichtlich gewachsenen europäischen Traditionen anzuknüpfen und so zur Überwindung der Trennung Europas beizutragen."
KOHL lädt den Generalsekretär der KPdSU zum Essen in seinen Bonner Privatbungalow - was nur wenigen vergönnt wurde (HONNECKER zB. nicht) und sichert GOEBATSCHOW intern zu, daß er die Situation in der DDR nicht destabilisieren werde. - In seinen Memoiren schreibt er: "Ich zeigte auf den Rhein und meinte: 'Schauen Sie sich den Fluss an, der an uns vorbeiströmt. Er symbolisiert die Geschichte; sie ist nichts Statisches. Sie können diesen Fluss stauen, technisch ist das möglich. Doch dann wird er über die Ufer treten und sich auf andere Weise den Weg zum Meer bahnen. So ist es auch mit der deutschen Einheit. Sie können ihr Zustandekommen zu verhindern suchen. Dann erleben wir beide sie vielleicht nicht mehr. Aber so sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen - und auch die europäische Einheit.'"
Anschließend wurde der engere Fahrplan der Wiedervereinigung in geheimer Runde dort im Bungalow durchgecheckt. Von der Anwesenheit oder Einflussnahme irgendwelcher DDR-Bürgerinnen & -Bürger ist allerdings nie etwas bekannt geworden.

A.v.Plato, Die Vereinigung Deutschlands - ein weltpolitisches Machtspiel, Berlin 2002, S.435

*

"Geheimnis Kanzlerbungalow" (Reihe `Geheimnisvolle Orte') WDR-Dokumentation von Ulrike Brincker, D 2014 (Erstsendung: ARD, 07. Februar 2014, 20.15 Uhr)

1. Juli 1989

Der § 149 des Strafgesetzbuches der DDR tritt in Kraft. Damit sind alle ausschließlich Homosexualität betreffenden strafrechtlichen Bestimmungen aufgehoben
(Siehe: Mai 1990).

Gesetz z. Ändg. u. Erg. d. StGB, § 1. In: Gesetzbl. d. DDR Teil I Nr.29 v. 28.12.1988, S.335

Juli 1989

Der US-Präsident George W. BUSH besucht Polen und - Ungarn.

In Moskau weist Valentin FALIN den Chef des DDR-Auslandsnachrichtendienstes a.D., Markus WOLF, darauf hin, daß "die Westdeutschen die Veränderungen mit langem Atem betreiben. Ein BRD-Politiker habe ihm gesagt, sie können die DDR innerhalb von zwei Wochen destabilisieren, wenn sie es wollten. Sie wollten es aber nicht, da die Entwicklung, so wie sie verlaufe, für sie ausreichend sei."
Am 3. August führte WOLF nach seiner Rückkehr, ein Gespräch mit Egon KRENZ in Berlin und verschwieg diesem gegenüber die besorgniserregende Information FALINS.

6. Juli GORBATSCHOW spricht sich vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg für ein Ende der Ost-West-Konfrontation und die "Einheit Europas" aus.




Markus Wolf, In eigenem Auftrag, München 1991, S.148
Egon Krenz, Herbst `89, Berlin 2009, S. 47-51

A.v.Plato, Die Vereinigung Deutschlands - ein weltpolitisches Machtspiel, Berlin 2002, S.435

20. Juli 1989

In einem ausführlichen Brief verteidigt Michael SCHÜTTE (Leipzig) Dr. Günter GRAUs leidenschaftlichen Protest gegen die Auszeichnung Prof. DÖRNERs mit dem DDR-Nationalpreis (s. u.). Dafür war GRAU von Dr. SCHARF in einem apodiktischen Rundschreiben angegriffen worden. SCHÜTTE kritisiert die Fragwürdigkeit und Uneindeutigkeit von dessen Theorien und verteilt seinen Brief per Kopie.

Vervielfältigte Kopie (Archiv Brühl)

Sommer 1989

Aufruf von Klaus LAABS zur Wahl offen schwuler und lesbischer Volksvertretungen.

Der westdeutsche Schriftsteller Ronald M. SCHERNIKAU nimmt nach seinem dreijährigen Studium am Leipziger Literaturinstitut die Staatsbürgerschaft der DDR an und siedelt im September `89 aus der BRD in die DDR über (im Gepäck das Manuskript zu seinem Buch "Legende").

Thinius 1994 S.47,

Th. Keck, in: Schernikau, "Die Tage in L." Konkret Literatur-Verlag Hamburg 2001 S.212

August 1989

Während über die Grüne Grenze DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich gehen, werden am <25. Aug. bei einem deutsch-ungarischen Gipfeltreffen Ungarn großzügige Kredite eingeräumt.

A.v.Plato, Die Vereinigung Deutschlands - ein weltpolitisches Machtspiel, Berlin 2002, S.435

9./10. 9. 1989

Gründung des "Neuen Forums" als zukünftiges Sprachrohr einer Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Das nächste Treffen ist für Anfang Dezember geplant. Die beginnende Massenbewegung in der DDR überrollt die beteiligten schwulen Aktivisten.

11.September 1989

Mit der Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze wird die Abwanderung von DDR-BürgerInnen in den Westen zu einem Massenphänomen.

18. September 1989

Am b>18. September 1989 trafen sich über 50 bekannte Unterhaltungsmusiker der DDR im Ost-Berliner Maxim-Gorki-Theater, um eine Resolution zur Lage der DDR zu verfassen und zu unterzeichnen. - Zu den Initiatoren gehörte auch der Liedermacher Norbert BISCHOFF. Toni KRAHL, Sänger von City und damaliger Vorsitzende der „Sektion Rockmusik im Komitee für Unterhaltungskunst der DDR“, hatte das Treffen mit der Mitbegründerin des Neuen Forums Bärbel BOHLEY abgesprochen.
Adressaten waren zahlreiche Institutionen der DDR, etwa die Nachrichtenagentur ADN, das Neue Deutschland, die Junge Welt, Rundfunk und Fernsehen der DDR, das Zentralkomitee der SED, das Ministerium für Staatssicherheit und zahlreiche weitere führende Organisationen. In der Resolution wird Besorgnis über die damaligen Zustände in der DDR geäußert. Die Forderungen des gerade neu gegründeten Neuen Forums werden ausdrücklich begrüßt. Regierung und Partei werden aufgefordert, die Belange der Bevölkerung, wie sie vom Neuen Forum ausgedrückt werden, zur Kenntnis zu nehmen. Zugleich wird davor gewarnt, dass „rechtsextreme und konservativ-nationale Elemente“ die Lage nutzen und die staatliche Existenz der DDR bedrohen könnten, wenn die DDR-Regierung nicht auf die geäußerten Forderungen eingehe.

wikipedia

22. September 1989

Anerkennung des Leipziger Freundeskreises Rosa Archiv durch den Verband der Freidenker (VdF), Leipzig. Arthur JACOB vom VdF überreicht Jürgen ZEHNLE ein "Beglaubigungsschreiben". Zu Gast war der damalige 1. Generalsekretär der ILGA Jean Claude LETIST, der eine kurze Rede hielt.

Jürgen Zehnle
(Rosa Archiv)

22.-24.9. 1989

Achte Tagung der Koordinierungsgruppe der kirchlichen Arbeitskreise Homosexualität in der DDR in Magdeburg (beim dortigen AK):

Protokoll, Archiv Dahlmann

Oktober 1989

In der DDR sind 18 AIDS-Fälle registriert (in der BRD 4.093).

* * *

An den wöchentlichen Montagsdemonstrationen, die im Anschluß an Gottesdienste (!) vor der Leipziger Nikolaikirche stattfinden, nehmen inzwischen mehr als 15.000 Menschen teil. Aus der ursprünglichen Parole "Wir wollen raus" wird der Ruf "Wir bleiben hier!"; am 7.Okt., dem DDR-Staatsfeiertag, skandieren die Demonstrierenden in Berlin "Wir sind das Volk!"...

Herrn 1990 S.20 (unten)

4. November 1989

Historische Massendemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz: für einen demokratischen Sozialismus in der DDR. - Die organisierten Schwulen und Lesben schließen sich den Kritikpunkten und allgemeinen politischen Forderungen nach freien Wahlen an, ohne außerdem eigene zu formulieren.

Thinius 1994 S.65

9. November 1989

Der Film "Coming out" von Heiner CAROW (u.a. mit CHARLOTTE von Mahlsdorf) startet in allen größeren Städten der DDR. - Während im Berliner Kino "International" die "2." Premiere läuft, läuft durch die Berliner Mauer bereits ein historisches "Coming out" ganz anderer Art...

Soukup 1990 S.8,
Thinius 1994 S.59

14. 11. 1989

Die "Aktuelle Kamera" des DFF (Deutscher Fernsehfunk) der DDR berichtet über die Befürchtung der DDR-Regierung, dass mit der Öffnung der Mauer AIDS in der DDR epidemische Ausmaße annehmen könnte.

Soukup 1990 S.14/147/151
Herrn 1999

17. 11. 1989

In der Tageszeitung "Neues Deutschland" (Zentralorgan der SED) rät Dr. SÖNNICHSEN "dringend von jeder Art von Analverkehr ab. Kondome geben bei diesen Techniken keine Sicherheit."

ND, 17.11.1989, Sönnichsen-Interview

Michael Hess in: "Lesben und Schwule in der DDR", S. 149, Halle, 2008 (auch: "GiGi - Zeitschrift für sexuelle Emanzipation" Nr. 40, Nov./Dez. 2005)

17. - 19. November 1989

Die Tagung "Schwule in der DDR" im Waldschlößchen bei Göttingen wird unfreiwillig zum ersten gesamtdeutschen Kongress einiger schwuler Aktivisten und v.a. zum ersten Selbstverständigungsforum der DDR-Schwulenbewegung. Gemeinsamkeiten und Unterschiede kommen zur Sprache.

Soukup (Tagungsband) 1990 S.9,
Lemke ebd. S.10 ff,
Thinius, 1994, S.65,
Brühl in: Grau 2001 S.174 ff.

2. 12. 1989

Erklärung der Koordinierungsgruppe der Arbeitskreise Homosexualität (bei Kirchen) und Klubs Homosexualität (in staatlichen Klubhäusern) in der DDR (erarbeitet von BERNINGER, DAHLMANN, STAPEL, WILKE): "Für eine solidarische Gemeinschaft freier Individuen". Darin begrüßt man den denkwürdigen "Aufruf für unser Land" vom 28. Nov. 1989. - Stefan HEYM, der ihn verlas, charakterisierte bei diesem Anlass das am selben Tag veröffentlichte „Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ von Bundeskanzler Helmut KOHL als eine „Ouvertüre zur Vereinnahmung der DDR“. Der Aufruf forderte gezielt die Bürgerschaft auf (angesprochen waren nicht Politik und Wirtschaft !), sich in der Krise klar zu machen, welche Wegrichtung die Gesellschaft wählen wird: sich bewusst zu werden über das Entweder/Oder von Selbständigkeit oder Ausverkauf, einer nicht westlich bestimmten „neuen DDR“ oder dem Anschluss zu einer kapitalistisch alternativlosen „Groß-BRD“). Allerdings haben weder die Bundesregierung, noch die spätere DDR-CDU-Regierung auch nur die geringste Notiz von diesen Dingen genommen, die Würfel waren gefallen, die existentiellen Interessen der DDR-Bevölkerung sollten keine Rolle mehr spielen können. - Die Erklärung der Koordinierungsgruppe zeigt sich mit den InitiatorInnen (u.a. Wolfgang Berghofer, Frank Beyer, Volker Braun, Tamara Danz, Stefan Heym, Günter Krusche, Sebastian Pflugbeil, Ulrike Poppe, Friedrich Schorlemmer, Jutta Wachowiak, Konrad Weiß, Christa Wolf) solidarisch (freilich wird das von jenen nicht wahrgenommen, diesbezügliche Anliegen kommen im Aufruf nicht vor). -
Zu den Forderungen der "Erklärung" der Koordinierungsgruppe im Interesse der homosexuellen "Minderheit" und von "Minderheitenrechten" gehört auch die nach "Rehabilitation der homosexuellen Opfer des Faschismus und (sic! OB.) der homosexuellenfeindlichen (sic! OB.) Gesetzgebung der DDR", sowie das Grundsatzpapier "Emanzipation, Partizipation und Integration" (NB. Daß sich diese drei Ansprüche im Prinzip gegenseitig ausschließen, wird in dem Text gedanklich nicht weiter problematisiert.- In den nächsten Jahren wird die deutsche Schwulenbewegung vorrangig damit beschäftigt sein, die "homosexuellenfeindliche Gesetzgebung der DDR" nicht auch vom BRD-Recht überrollen zu lassen, sondern vielmehr für das gesamte Land als Standard durchzusetzen).

Archiv Pulz, Archiv Dahlmann, Archiv Gasser, usw.
Archiv Brühl

17. Dezember 1989

Apropos "Demokratie": In Meinungsumfragen sprechen sich 73% der DDR-Bürger für eine selbständige DDR aus - nur 27% befürworten die Vereinigung mit der BRD.
Helmut KOHL intensiviert und beschleunigt daraufhin seine Kampagnen in der DDR und den Prozess der Wiedervereinigung.

A.v.Plato, Die Vereinigung Deutschlands - ein weltpolitisches Machtspiel, Berlin 2002, S.438

21. Dezember 1989

Memorandum "Aktuelle Erfordernisse im Umgang mit AIDS" von Günter GRAU und Rainer HERRN: Kritik an Verleugnungshaltung der DDR-Gesundheitspolitik gegenüber der AIDS-Problematik, Forderung nach gezielter Präventionsarbeit im Bereich der Hauptbetroffenengruppe der Homosexuellen.

Soukup 1990 S.147ff.

1990

Anfang des Jahres erscheint: Heinz-Joachim Petzold "Homosexuellenreport". In der ›Wende‹-Zeit geht das Buch unter, das authentische Erlebnisberichte bringt. Es referiert nicht nur eine entspannte Haltung in der DDR zu Homosexualitäten, sondern auch die Arbeit verschiedener Arbeitskreise unter kirchlichem Dach und fragt, warum u. a. Atheisten in der DDR diese brauchen.

Unter Leitung von Kurt STARKE legt, wie bereits 1980 (siehe oben), die (nun) Forschungsstelle Partner- und Sexualforschung in ihrer Partnerstudie den Befragten die Aussage vor "Niemand soll wegen seiner homosexuellen Neigungen diskriminiert werden" Von den Studenten befürworteten 84% Position 1 mit "vollkommen" - Pos 2 "mit Eischränkungen" sahen es 12% und je 2% (4) "kaum oder (5) "nicht".

Auf ein Drehbuch von Michael SOLLORZ (ehemals bei "Schwule in der Kirche") entsteht um eine schwule Liebesgeschichte der DEFA-Spielfilm "Banale Tage", der das Leben in der "Szene" des Berliner Prenzlauer Bergs -ebenso absurd wie realistisch- schildert (u.a. mit Holger SIEMANN, siehe Folgendes).

Berliner Verlagsanstalt Union
(Redaktionsschluß: 1.Dez.`89)

* * *

* * * Kurt Starke (S. 9 ff) in:
"Lesben und Schwule in der DDR"
Halle, 2008

(Archiv Sollorz)

Januar 1990

Gründung des Jugendnetzwerkes LAMBDA im Berliner Klub der Volkssolidarität, Wilhelm-Pieck-Strasse 203 (heute: Torstrasse). Anlass war das Fehlen einer lesbisch-schwulen Interessenvertretung am "Grünen Tisch der Jugend" - besonders wichtig hinsichtlich der drohenden Wiedereinführung des bundesdeutschen Straf-§ 175 im Gebiet der DDR

GIGI Nr. 40 Zeitschrift für sexuelle Emanzipation Berlin November/Dezember 2005 S. 14

14. Januar 1990

Uraufführung der "Männerbiografien in der DDR - Ich bin schwul" (nach dem Buch "Ganz normal anders") von Jürgen LEMKE im "Theater im Palast", Berlin. Regie: Vera OELSCHLEGEL, Ausstattung: GINO Hahnemann (u.a. mit Holger SIEMANN).
Das Stück wird häufig nachgespielt.

Brühl in: "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität III" Jena 1990 S.89ff.,
Sweet 1998 S.104f.

3. 2. 1990

Der III. Workshop "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Jena wird von den anwesenden Vertretern der Lesben- und Schwulengruppen zwecks Erarbeitung eines eigenen Forderungs- und Positionspapiers umfunktioniert (u.a.: "Nichtwiederzulassung die Homosexualität und die Homosexuellen diskriminierender Strafgesetze bei beabsichtigter Rechtsangleichung an BRD-Normen."). - Ende der "Fürstenaufklärung" (THINIUS).

Tagungsband (Manuskriptdruck) Jena 1990,
Grumbach in: Grau 1990 S.115f.,
Schmutzer 1990,
Thinius 1994 S.41

13. 2. 1990

im neuen Parteiprogramm der SED-Nachfolgepartei Partei des demokratischen Sozialismus (PDS) wird die Anerkennung "gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften" "festgeschrieben".
Siehe auch: 11.7.1990 ff.

Kraushaar 1997 S.209

15.2.`90

Briefaktion des Schwulen Museums Berlin an Kanzler, die Parlamente, Fraktionen, Ministerien, Ministerpräsidenten beider deutscher Staaten zur Abschaffung die Homosexualität diskriminierender Gesetze bei bevorstehender Rechtsangleichung.

Archiv J. Müller: Datenliste §175, 1995

18. 2. 1990

Gründung des "Schwulenverbandes in der DDR" (SVD) mit dem Programm "Emanzipation, Partizipation, Integration" in Leipzig. Der SVD setzt auf demokratischen Zentralismus und Vertretung der Einzelmitglieder durch professionelle Funktionäre. (Mit diesem Ansatz scheint eine Zusammenarbeit mit dem basisgruppen-orientierten westdeutschen Bundesverband Homosexualität -BVH- kaum möglich).

"Der Morgen"
vom 20.2.1990
Grau 1990
Thinius 1994 S.67,
LSVD 1999 S.1

März 1990

Gründung der DDR-Lesben-und-Schwulenzeitung "Die Andere Welt".

1. bis 3. März 1990

Auf dem (letzten) Kongreß des Schriftstellerverbandes der DDR hält der schwule Autor Ronald M. SCHERNIKAU eine Rede mit den (u.a.) bemerkenswerten Sätzen:
"Der Westen hat, und das ist ein so alter Trick, die Moral eingeführt, um über Politik nicht reden zu müssen." und:
"Die Dummheit der Kommunisten halte ich für kein Argument gegen den Kommunismus." und v.a.:
"Meine Damen und Herren, Sie wissen noch nichts von dem Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt. Was Sie vorerst begriffen haben: Der Westen ist stark." und (last not least):
"Wir werden uns wieder mit den ganz unintressanten Fragen auseinanderzusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe? Die Künstler werden alleine sein, langsam begreifen sie es."

Ronald M. SCHERNIKAU
"Königin im Dreck", Berlin 2009, S.223 ff.

13. 3. 1990

Der "Runde Tisch Berlin" bittet den Magistrat von Berlin, der Initiativgruppe "Lesben- und Schwulen-Haus" ein geeignetes Objekt zuzuweisen. Das Projekt kommt mangels interessierter Lesben und Schwuler nicht zustande.

Thinius 1994 S. 68

12.-19. 3. 1990

Die bei der FDJ organisierte Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Gerede" (Kai WERNER) veranstaltet eine PASOLINI-Woche, in der erstmalig komplett dessen Filme mit Einführungen zu Leben und Arbeit des `75 ermordeten schwulen Gesellschaftskritikers, Regisseurs und Dichters gezeigt werden. Die Dresdner "Scheune" ist überfüllt, Schwule in der Minderheit. - Am letzten Abend finden gleichzeitig zu Pasolinis politischer Allegorie "Salò oder die 120 Tage von Sodom" auf dem Dresdner Altmarkt CDU-Wahlkampf-Auftritte von HEINO und dem damaligem Bundeskanzler Helmut KOHL statt. Der Film wird in der anschließenden Publikums-Diskussion als politischer Kommentar dazu verstanden, wie man Leute soweit bringt, im Bilde: Scheiße zu fressen, ohne zu rebellieren...

Archiv Kai Werner, Dresden
Archiv Brühl

30. 3. 1990

Die Koordinierungsgruppe der (kirchlichen und nichtkirchlichen) "Arbeitskreise und Klubs Homosexualität in der DDR" trifft sich erstmalig im "Haus der Demokratie" in Berlin, Friedrichstraße.

Archiv J.Müller: Datenliste §175, 1995

April 1990 ?

Gründung der "Deutschen AIDS-Hilfe in der DDR"

Am 20. April werden in Berlin bei Ausschreitungen rechtsradikaler Skinheads ca. 50 Menschen z.T. erheblich verletzt: ein Ziel der rund 300 Angreifer ist das Schwulenlokal "Moccabar" am Alexanderplatz. Pflastersteine und -Platten werden in die Fenster geworfen, die jugendlichen Männer grölen: "Schwule raus!" und "Wißt ihr, dass heute Hitlers Geburtstag ist?".

Jahresbericht 1997 der AH-Weimar Ostthüringen S.5
Herrn 1999 S.32

12. 4. 1990

Der Berliner Senat richtet ein Referat für gleichgeschlechtliche Beziehungen ein, die erste behördliche Stelle dieser Art in der BRD. - (Eine Zuständigkeit für die Belange von Lesben und Schwulen war bereits am 15.März 1989 in den Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und Grünen vereinbart worden.)
"Ziel der neuen Einrichtung sei, die Diskriminierung von Homosexuellen auszuschalten und bei Heterosexuellen für sie Verständnis zu entwickeln. Der Skandal um den homosexuellen Abgeordneten Albert Eckert, der als Vizepräsident des Abgeordnetenhauses zurücktreten musste, sei ein geeigneter Anlass, das Referat, das bereits im November 1989 seine Arbeit aufgenommen habe, vorzustellen."

"Die Morgenpost" 12.4.1990
"10 Jahre FB ..." S.4, Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport Berlin 1999

Mai 1990

Der Ministerrat der DDR spricht sich gegen eine Übernahme der gesetzlichen Regelungen zur Homosexualität im Geltungsbereich des BRD-Grundgesetzes auf dem Gebiet der DDR aus.
(Siehe: 11.7.1990).

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

1. Mai `90

Gemeinsamer Infostand der lesbischen und schwulen Gewerkschaftsgruppen aus Berlin(West) und dem Berliner "Sonntagsclub" auf dem 1.-Mai-Fest vor dem ehem. Reichstag.

Thinius, 1990, S.151

3. 5. 1990

Zweite Briefaktion des Schwulen Museums Berlin, diesmal auch an die neugegründeten Parteien in der DDR-Volkskammer (siehe: 15.2.`90).

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

17. 5. 1990

Ausstellung: "Die Geschichte des § 175" vom Schwulen Museum Berlin wird im Rathaus Schöneberg eröffnet.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

Juni`90

Zum CSD (Christopher Street Day) starten BVH und SVD eine gemeinsame Protestaktion: "Keinen § 175 im gesamtdeutschen Strafrecht" (an Parlamente, Ministerien usw.; siehe Juli`90).

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

23. 6. 1990

Der SVD (Schwulenverband Deutschland) beschließt, künftig bundesweit tätig zu sein, Umbenennung in "Schwulenverband in Deutschland". Versuch einer schwulenpolitischen Vereinigung "andersrum". Bald darauf werden die führenden Funktionen des Vorstandes an bundesdeutsche Grünen-Politiker übergeben: Volker BECK, Staatsanwalt a.D. Volker BRUHNS, Günther DWOREK werden von Eduard STAPEL in Magdeburg bei der SVD-Tagung bis dato quasi ahnungslosen und entsprechend überrollten Mitgliedern wie in bei einer "freundlichen Übernahme" vorgestellt.
(Siehe: `92).

LSVD 1999 S.1

30. 6. 1990

In mehreren Städten der Bundesrepublik und der DDR: Demonstrationen für Streichung des § 175 StGB.

In Weimar: Kranzniederlegung im ehem. Konzentrationslager Buchenwald zum Gedenken an die NS-Verfolgung nach dem § 175 StGB.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

Sommer 1990

Aufrufe des BVH (Bundesverband Homosexualität), SVD, beider deutsche AIDS-Hilfen, BSV (Berliner Schwulenverband), des Sonntagsclub Berlin, Jugendnetzwerks "Lambda", Schwusos, ötv u.v.a. politisch engagierter Gruppen zur ersatzlosen Streichung der §§ 175 & 182 und für ein Antidiskriminierungsgesetz.

BVH, SVD, BSV und Vv 74 ("Vereinigung von 1974", Westberlin) haben "Wahlprüfsteine" erarbeitet. In mehreren deutschen Städten in Ost und West sind schwule Wahl-Hearings für Oktober geplant.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

Juli 1990

Die Postkartenaktion von BVH und SVD (siehe: Juni`90) beschäftigt den Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages in Bonn.

* * *

Am 9.7. wird unter der laufenden Nummer 761 der 1986 gegründete "Sonntags-Club" in das Vereinsregister des Stadtbezirksgerichts Berlin-Mitte eingetragen.
(Siehe oben: 15.Januar 1976 und: 1. Mai 1980). - Einige der Mitglieder haben dafür fast zwei Jahrzehnte gekämpft.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

* * *

Kraushaar 1997 S.212 ff. (Angaben diesbezügl. z.T. fehlerhaft)
Zeitzeugen-Talkshow am 22.Februar 2003 im Schwulen Museum

11. 7. 1990

Der Petitionsausschuß der Volkskammer der DDR beschließt, den "§ 175 StGB nicht in ein zukünftiges Strafrecht zu übernehmen", und die mit der gemeinsamen Postkartenaktion von BVH und SVD initiierten Eingaben "der Regierung der DDR zur Berücksichtigung zu überweisen".

Die Stadtverordnetenversammlung von Berlin (DDR) beschließt eine neue Verfassung, die als Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem "Runden Tisch" entstanden ist. Darin: Gleichstellung , unabhängig von "sexueller Orientierung", "andere Lebensgemeinschaften haben Anspruch auf Schutz" und Schutz der Menschenwürde vor öffentl. Diskriminierung (Art 6/2; Art.17; Art 12/3).

Siehe Folgendes: 20.9.1990

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995

20. 9. 1990

In der Volkskammer der DDR (siehe Voriges: 11.7.`90) wird ein Antrag der PDS (siehe auch: 13.2.1990) zu Fragen der Rechtsstellung "gleichgeschlechtlich orientierter Bürger" verabschiedet. Darin wird jede unterschiedliche Behandlung aufgrund der sexuellen Orientierung für unzuverlässig erklärt und eine weitgehende Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit Ehen "festgeschrieben": dieser VolkskammerBeschluss kann keine Gesetzeskraft mehr erlangen. er wird als Empfehlung an den Bundestag verwiesen.
Siehe 3. Okt0ber 1990 :

Kraushaar, 1997, S.209

3. Oktober `90

Mit dem Beitritt der DDR zur BRD enden 41 Jahre Aufbau einer (primär) nicht-kapitalistischen, (primär) sozialistischen Gesellschaft in Deutschland. Ein großer Teil der Bevölkerung der ehem. DDR erlebt die Art der Vereinigung als Entwertung ihrer bisherigen Kompromisse, Lebensentwürfe und Leistungen. - Die für den Fall einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Grundgesetz der BRD verankerte Neuschaffung einer gemeinsamen Verfassung des vereinten Deutschland blieb bis heute aus.
Noch Mitte Dezember 1989 hatten sich 87% der DDR-Bevölkerung für den Erhalt einer DDR ausgesprochen.

"Die realen Abläufe bei der Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik und auch die fundamentalen Veränderungen in den osteuropäischen Staaten haben erneut bewiesen: Auf der Seite des Kapitals gibt es gegenüber ihm nicht konformen Errungenschaften und Werten kein Pardon. Selbst im international anerkannten sozialistischen Bildungs- und Gesundheitswesen, vom Arbeitsrecht, dem Familien- und dem Eigentumsrecht ganz zu schweigen, blieb kein Stein auf dem anderen. Alles wurde rigoros beseitigt, kompromisslos durch (teils antiquierte Regelungen) der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Rechts ersetzt."

"Es war das (vorläufige) Ende einer Systemauseinandersetzung, die mit dem Kampf der Kommunarden in Paris gegen das Bürgertum begonnen hatte. Historisch war es zweifellos kein Zufall, dass das Ende der DDR und das Ende der Sowjetunion zeitlich zusammen fielen."

Erfolg der "DDR-Lesben/Schwulenbewegung" (d.h. konkret der Aufarbeitung v.a. der entsprechenden Fach-Guppe der Humboldt-Universität -s.o.- und daraus der Fachberatung der Staatsanwaltschaft der DDR - inkl. Dr. Bert THINIUS - durch die Mitarbeiter der HA XX des Ministeriums für Staatssicherheit, insbesondere Oberstleutnant Wolfgang SCHMIDT, MfS -siehe 1983-, sowie der gesetzesvorlegenden Staatsanwaltschaft der DDR): der §175 wird nicht auf die neuen Bundesländer ausgeweitet. Damit galt in Ost- und Westdeutschland ein unterschiedliches Strafrecht, da in der bisherigen BRD der § 175 StGB als "Jugendschutzvorschrift" weiterhin bestand: dort bleibt die homosexuelle Verführung Jugendlicher bis 18 Jahre strafbar, im ehemaligen DDR-Gebiet bleibt sie weiterhin schon ab 16 straffrei.
(Siehe: 10.3.1994).





Thinius 1994 S.63


* * *



Herbert Graf, 2011, S. 59
und S.295



* * *




LSVD 1999 S.1


"Wenn Demokratie überhaupt irgendetwas bedeutet,
dann bedeutet sie Gleichheit;
nicht die Gleichheit, die im Besitz einer Wählerstimme gipfelt,
sondern ökonomische, soziale Gleichheit.
Kapitalismus ist genau das Gegenteil.
Es gibt unter diesem System keine Gleichheit,
und die zugestandenen Freiheiten bewegen sich innerhalb der Grenzen
kapitalistischer Gesetze, die der Aufrechterhaltung des Kapitalismus dienen.
Der Konflikt zwischen Kapitalismus und Demokratie ist unüberwindlich;
er wird oft durch irreführende Propaganda
und die äußeren Formen der Demokratie verdeckt,
die Parlamente und die Brosamen, welche die besitzenden Klassen
den anderen zuwerfen, damit sich diese
mehr oder weniger zufrieden geben."

Jawaharlal NEHRU


(bzw.):


"Die demokratische Republik
ist die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus,
und daher begründet das Kapital, nachdem es von dieser besten Hülle
Besitz ergriffen hat, seine Macht derart zuverlässig, derart sicher,
daß kein Wechsel weder der Personen noch der Instutitionen noch der Parteien der bürgerlich-demokratischen Republik,
diese Macht erschüttern kann.
"






NEHRU
Briefe an Indira. Weltgeschichtliche Betrachtungen.
Düsseldorf 1957,
S. 1091



* * *



Springer, Bertelsmann, Deutsche Bank, BASF (IG Farben), AEG, Quandt: BMW (Varta), Otto Wolf, Opel, Mannesmann, Krupp, KraussMaffei, Mauser (Heckler & Koch), Thyssen, Volkswagen, RWE, Flick, Hugo Boss, Messer-Schmidt, Allianz, Dr. Oetker, Daimler-Benz, Degussa, Hoechst, Dresdner Bank, Evangelisch-Lutherische Kirchen usw.

18. Oktober 1990

Am Theater Kohlenpott in Herne wird "Pornoszene" von dem Geraer Dramatiker Andre SOKOLOWSKI uraufgeführt; Regie, Bühne, Musik: Willi THOMCZYK

stückgut
Bühnen- und Musikverlag München 1990

27. 10. 1990

"Haut weg den Scheiß!" - Demonstration und Kundgebung von ca. 7000 Menschen aus allen Teilen der Republik in Berlin gegen § 175.
Bei dem Protestzug von Ost- nach West-Berlin passieren die Demonstranten am Brandenburger Tor ein Transparent mit der Aufschrift (auf die früheren Warnschilder an der deutsch-deutschen Grenze anspielend):
"Achtung! Hier gilt Paragraph 175! Ihr verlaßt die sexuell selbstbestimmte Zone Berlins!"
Durch die seit 3.Okt.`90 ungleiche Rechtslage zwischen alten und "neuen" Bundesländern, gilt für § 175 - wie bei dem Abtreibungsparagraphen 218 - das sog. "Tatortprinzip".

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995
Kraushaar 1997 S.214f

14. 11. 1990

Die Westberliner Polizei beendet autonome Versuche alternativen Lebens und Wohnens von Lesben und Schwulen im "Tuntenhaus" in der Mainzer Straße (Berlin Mitte).

Thinius 1994 S.69

1991

Die eigenständige DAH-DDR fusioniert mit der "Deutschen AIDS-Hilfe" (Referat "Ost"), nachdem die finanzielle Unterstützung eingestellt war.

* * *

In den USA erscheint die englische Ausgabe von Jürgen LEMKEs Schwulen-Interviews: "Gay Voices from East Germany", hrsg. von John BORNEMAN.

* * *

"Allegorie gegen die vorschnelle Mehrheit": Gedichte von GINO Hahnemann erscheinen.

Jahresbericht 1997 der AH-Weimar S.5,
Herrn 1999 S. 70

* * *

Indiana University Press 1991

* * *

Edition Galrev Berlin 1991

1991

Peter HACKS schreibt das Lustspiel "Fafner, die Bisam-Maus" (UA 1992, Vereinigte Städt. Bühnen Krefeld-Mönchengladbach), das am Beispiel eines homosexuellen Paares, welches gewissermaßen für die DDR steht, die bürgerliche Rechts- und Vereinnahmungsideologie des Westens ad absurdum führt.
"Und ist es nicht recht, ist es doch rechtens."

LINZER:
Ist das Stück Ihre Antwort auf den Einigungsvertrag?
HACKS:
Nein, wissen Sie, auf den 2. Staatsvertrag hätte ich doch vielleicht noch gediegenere Antworten. "Fafner" ist ein Gegenwartsstück und spielt im Kapitalismus. Er betrifft die alten Länder so gut wie die neuen; wenn "Fafner" eine Posse ist, ist er doch keine Provinzposse.

Drei Masken Verlag München

Edition Nautilus, Hamburg 1999

Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003

Martin Linzer, DREI FRAGEN AN PETER HACKS in: Theater der Zeit, Heft 2/1992, S.83

Januar 1991

Die Aufforderung des späteren Bundespräsidenten Horst KÖHLER:
"Es muss in der DDR-Industrie auch mal gestorben werden, (...) Blut muss fließen, natürlich nur im übertragenen Sinne, nicht wahr",
dürfte sich für eine Reihe von Leuten doch auch buchstäblich bewahrheitet haben, nicht zuletzt in existentiellen und psychischen Zusammenbrüchen, sowie Selbstmordstatistiken.

Michael Jürgs, Die Treuhändler - Wie Helden und Halunken die DDR verkauften, München 1998, S. 261

25. Februar 1991

Der Gesprächskreis Homosexualität in der Adventgemeinde Berlin veranstaltet einen Abend „Begegnung mit dem STASI – ein nicht-konspiratives Gespräch“ mit Christina WILKENING und einem Gast.
Der nicht genannte Gast wäre Oberstleutnant Wolfgang SCHMIDT von der HA XX des MfS gewesen. Peter BIRMELE, Leiter des Gesprächskreises, notiert dazu: "Christina Wilkening hatte sich durch intensive Gespräche mit dem Stasi-Offizier (sic! OB.) der Abt.(sic! OB.) XX auf den Abend vorbereitet. Der Stasi-Offizier (sic! OB.) hatte jedoch abgesagt, aus persönlichen Gründen, sodass der Abend ohne diesen Gast stattfand (Teilnehmer 84)."

Später: "Zur weiteren Veranlassung": für "konkret" führt Eike STEDEFELDT ein Interview mit Wolfgang SCHMIDT.
siehe auch: 09.11.1993 und dort diese interessante
Stellungnahme und: 10. 3. 1994

Archiv Peter Birmele & Volker Gasser
Gesprächskreis HS Advent-Gemeinde Berlin

25. 5.1991

Neo-Nazis überfallen ein Fest mit ost- und westdeutschen Lesben und Schwulen im Garten des Gründerzeitmuseums von CHARLOTTE von Mahlsdorf und schlagen alles kurz und klein, es gibt Verletzte.

handschriftl. Presseinformation des Gründerzeitmuseums Mahlsdorf v. 31.5.`91 (Kopie, Archiv Brühl)
Mahlsdorf 1992 S.7

6. 6. 1991

Der SVD gründet in Köln seinen ersten westdeutschen Stützpunkt.

LSVD 1999 S.1

2. August 1991

Die Evang. Kirche Berlin-Brandenburg erlässt eine "Erklärung zur Gewalt gegen Homosexuelle."

"Die Kirche" Nr. 36 vom 11.8.1991

28.+ 29. 8. 1991

Zum ersten Mal wird genitale Homosexualität im noch real existierenden Deutschen Fernsehfunk (DFF) gezeigt, und zwar sowohl im Abend- als tagsdarauf jeweils auch im Nachmittagsprogramm - in dem (mit ost- und westdeutschen Mitarbeitern entstandenen) TV-Stück "Yphigeeni in T." nach Rainer Werner FASSBINDERs "antiteater" und GOETHE-Übermalung von Olaf BRÜHL.

Tele Potsdam, Berlin 1991

September 1991

Der Dokumentarfilm "Unterm Strich" von Olaf STANNEK berichtet vom westberliner schwulen Straßenstrich im DFF (auch im Nachmittagsprogramm).

Tele Potsdam, Berlin 1991

23. September 1991

Der Jurist und ehem. Präsident des BND (vormals "Organisation Gehlen"), damaliger Bundesjustiz-, sowie späterer BRD-Außenminister Dr. Klaus KINKEL am 23. September 1991 in seiner Begrüßungsansprache auf dem Deutschen Richtertag:
„Ich baue auf die deutsche Justiz.
Es muss gelingen, das SED-System zu deligitimieren,
das bis zum bitteren Ende seine Rechtfertigung aus antifaschistischer Gesinnung, angeblich höheren Werten und behaupteter absoluter Humanität hergeleitet hat, während es unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus einen Staat aufbaute, der in weiten Bereichen
genauso
(sic!!! OB.) unmenschlich und schrecklich (sic!! OB.) war
wie das faschistische
(sic! OB.) Deutschland, das man bekämpfte und – zu Recht – nie mehr wieder erstehen lassen wollte.“

Deutsche Richterzeitung (DRiZ) 1992, S.4 f.


Friedrich Wolff, Einigkeit und Recht - Die DDR und die deutsche Justiz,
Berlin 2005

Ders.: "Ein Leben. Viermal Deutschland. Erinnerungen: Weimar, NS-Zeit, DDR, BRD", Köln 2013

8. 10. 1991

Auszug aus Mario WIRZ´ "Es ist spät ich kann nicht atmen" erscheint als Vorabdruck in dem Berliner Wochenblatt "Die Weltbühne".
Das Buch erscheint März 1992 im Aufbau-Verlag
.

"Die Weltbühne" Nr 42 Berlin 1991 S.1297 ff.

20. Oktober 1991

Ronald M. SCHERNIKAU stirbt in Berlin 31-jährig an AIDS. Er ist auf dem Georgen-Parochial-Friedhof II in Berlin-Friedrichshain beigesetzt. - Sein Briefwechsel mit dem Dichter und Dramatiker Peter HACKS (HACKS am 10.10.1988: "Wieviel einfacher für Sie und für uns wäre alles, wenn Sie für ddr einfach: honeckers ddr sagten.") erscheint 1992 im Konkret Literatur Verlag Hamburg (Zitat: S.31). - SCHERNIKAU hinterlässt seinen monumentalen Roman "Legende", der den Epochenumbruch in Deutschland beschreibt, und erst 1999 veröffentlicht wird.

edition goldenbogen
Dresden 1999

13. + 14. 11. 1991

Im (noch existierenden) DFF wird O.BRÜHLs Film "Wie ein Stern" ausgestrahlt, der den exzentrischen Modefriseur und Szene-Star Frank SCHÄFER porträtiert (*.

Tele Potsdam, Berlin 1991

24. 11. 1991

Die Synode dankt der evang. Kirchenleitung von Berlin-Brandenburg für ihr "Wort gegen die Gewalt gegen Homosexuelle" und "macht es sich zu eigen".

Archiv P. Birmele

1992

"Hochzeit auf Dänisch. - Man(n) und Männer im neuen Deutschland" von Jürgen LEMKE erscheint: u.a. Interviews mit dem DDR-Schwulenbewegungs-Aktivisten Christian PULZ und dem westberliner Filmemacher Rosa von PRAUNHEIM: quasi eine kleine mentale Bestandsaufnahme der ost/west-deutschen Befindlichkeiten aus schwuler Sicht.

Von Michael SOLLORZ erscheint der Band Erzählungen "Paul und andere", der Beobachtungen im neuen Deutschland aus schwuler Sicht gestaltet.

In Leipzig wird einigen ehemaligen "Realpolitikern" des BVH die Führung im mitgliederstarken SVD übergeben. - Der ursprünglich autonome Ost-Verband wird zum Konkurrenzverband des BVH aufgebaut. (Siehe: 23.6.`90).

CHARLOTTE von Mahlsdorf (Lothar BERFELDE) erhält auf Vorschlag u.a. von Schwulen aus Westdeutschland für den Kampf gegen die DDR-Behörden zur Erhaltung ihres Gründerzeitmuseums in Berlin-Mahlsdorf das Bundesverdienstkreuz. - Einige Zeit später wird sie als "IM" ("Inoffizieller Mitarbeiter") der Staatssicherheit der DDR enttarnt und v.a. viele ihrer "authentischen" Geschichten als unauthentische Geschichten. - Sie bleibt trotzdem retrospektiv eine charismatische Galionsfigur der DDR-Schwulenbewegung, die als einzige auch dem wiedervereinten (nicht nur) schwulen Berlin und Deutschland zu gefallen vermag - und nicht zuletzt Dank ihres detailverliebten Erzähltalents, dessen mythologisierende "Wahrheit" über alles Dokumentierbare siegt (siehe auch: September 1992).

AtV, Berlin 1992

* * *

Verlag rosa Winkel Berlin 1992

* * *

Thinius 1994 S.69

* * *

Bild Nr.31, 1992
Mahlsdorf, 1992,
Siegessäule (Nr ?)
"Die Geschichten der Charlotte von Mahlsdorf"- Alexander Osang "Das einfache Lottchen" in: Berliner Zeitung v. 07.06.1997 (Magazin) S.1

Juni 1992

Organisiert von Andreas STROHFELD, Mahide MAHEIN, "Siegessäule" und begleitet von "Sistafilm" (aus dem Kreuzberger "Hexenhaus"): Sharon SAWYER / Susu GRUNENBERG / Petra RICKERT, fliegt eine Gruppe von west- und ostdeutschen Lesben und Schwulen nach Petersburg zum 1. dortigen CSD während der "Weißen Nächte". Dieser CSD kann aufgrund der Situation in Russland (noch) nicht auf den Straßen gefeiert werden, sondern findet in einem Palast statt. Es gibt ein großes Fest und intensiven Erfahrungsaustausch.

Dokumentarfilm von Sista-Film
(Archiv Mahein, Berlin)

16.-18. September 1992

Der "Pädagogische Kongress: Lebensformen und Sexualität - Was heißt hier normal?", an dem ca. 500 Gäste teilnehmen, wird vom Berliner Senator Thomas KRÜGER mit dem Hinweis eröffnet, dass auch die monogame heterosexuelle Ehe nur eine von vielen, verschiedenen möglichen Lebensformen darstellt. - Dr. Jörg HUTTER hält einen Vortrag zur Abschaffung des § 175 StGB: "Diskussion um die Schutzaltersgrenze - welche Probleme und welche Chancen ergeben sich aus der voraussichtlichen Gesetzesänderung für die Sexualpädagogik?".
Gegen Ende des Kongresses referieren Dr. Kurt BACH und Dr. Harald STUMPE über "Sexualerziehung in den Schulen der ehemaligen DDR und das Thema Homosexualität". In diesem Text kommen Initiativen und Gruppen der Lesben und Schwulen außerhalb der von DDR-Institutionen Ende der Achtziger Jahre geführten Homosexualitäts-Diskussionen nicht weiter vor.
Aber BACH & STUMPE stellen die entscheidende Frage:
»Lenin hatte im jungen Sowjetstaat die fortschrittlichste Sexualgesetzgebung der Welt eingeführt, wie aus den Materialien der ›Weltliga für Sexualreform‹ nachzulesen ist. Wie kam es zu der repressiven und sexualfeindlichen Einstellung der Sowjetunion der Nachkriegszeit, die in ihren Grundzügen an die ›Enzyklika Humanae Vitae‹ stärker anknüpft als an humanitäre Auffassungen des klassischen Sozialismus?«
Sie benennen Auswirkungen auf die Situation in der DDR, den wissenschaftlichen Informationsstand, den Einzelkampf von Akademikern und die privaten Einstellungen von Pädagogen und Eltern unter Verdrängung bis Anpassungsdruck. Sie beschreiben die Blockaden, Homosexualität überhaupt zu erwähnen:
»Es kam keine breite Erörterung dieses Problemkreises zustande, auch nicht in Wissenschaftlerkreisen. Klimmers Publikationen waren kaum bekannt, der Spejer-Report überhaupt nicht.«

Senatsverwaltung für Jugend und Familie Berlin, Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweisen Nr.8 S.197 ff + 247 ff

30. 9. 1992

Michael BOCHOW berichtet auf dem Deutschen Soziologen-Tag über "Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland"

Thinius 1994

September 1992

Rosa von PRAUNHEIM zeigt in dem Film "Ich bin meine eigene Frau" (Drehbuch: Valentin PASSONI) das selbsterzählte Leben des Transvestiten CHARLOTTE von Mahlsdorf (Lothar BERFELDE).
Zeitgleich erscheint das gleichnamige Buch mit CHARLOTTES Erinnerungen - (siehe oben)., die später als hochgradig fiktiv und realitätsfern entlarvt werden (Jürgen LEMKE).

Mahlsdorf 1992 S.187

1993

Bert THINIUS publiziert "Individualitätsentwicklung und individuelle Vergesellschaftung in der DDR aufgewachsener schwuler Männer vor und nach der 'Wende'"

Mirko ADAM, der bereits in den Achtziger Jahren schwulenemanzipatorisch beim Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" aktiv war, eröffnet am 1.2. den Verkauf in seinem schwulen Buchladen im Osten Berlins.

http://www2.hu-berlin.de/forschung/fober/fober93/folb08_30.html


Adam

25. 3. 1993

Der SVD organisiert zusammen mit Prominenten eine Initiative für eine Grundgesetzänderung: niemand soll wegen seiner sexuellen Identität diskriminiert werden.

LSVD 1999 S.2/54

März 1993

"Rebekkas schwule Väter" von O. BRÜHL auf dem deutschen Kinder- und Jugendfilmfestival "Goldener Spatz" in Gera. - Das Thema `homosexuelle Eltern´ kommt in die Talk-Shows der Fernsehsender (**.

Tele Potsdam 1992 für ZDF/3sat
Goldener Spatz Gera

9. November 1993

Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) bringt in dem Fernsehmagazin "Focus" einen Sendebeitrag "Rosa Listen Schwule in der Stasi Kartei" - die verzerrende, denunzierende und einseitige Darstellung von DDR-Leben wird System und eine Art Industriezweig der öffentlichen und privaten Medien in den nächsten Jahrzehnten...
Siehe: 1983

* * *

Der schwule DDR-Liedermacher Norbert BISCHOFF (geb. 22.12.1959 / "Entschuldigen Sie, der Schwule bin ich", Song 1983) scheidet am 4. Jahrestag des Mauerfalls, diesem für Deutschland vielschichtig schicksalhaften Tag, aus dem Leben: "Das rechte Datum zu verschwinden, für einen Deutschen."
Siehe: 1983

Wolfgang SCHMIDT: Nicht beantwortete Zuschrift an den ORB, Berlin 09.11.1993

* * *

Bert Thinius in: Ralf J Raber, Wir sind wie wir sind: Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD, Hamburg 2010, S.277ff.

1994

Als einzigem ostdeutschen Standort wird in Weimar im Rahmen des europaweiten AIDS-Memorial-Projektes des westberliner Künstlers Tom FECHT ein "Dreizeiler" mit Namen von AIDS-Toten ins Straßenpflaster eingelassen.

»Verloren am anderen Ufer? Schwule und lesbische Jugendliche und ihre Eltern« von Jürgen LEMKE erscheint.

»Abel und Joe«, ein Roman von Michael SOLLORZ erscheint.

AH-Weimar Jahresbericht 1997 S.18

AtV Berlin 1994

Verlag rosa Winkel Berlin 1994

10. 3. 1994

Erfolg der "DDR-Lesben/Schwulenbewegung" (d.h. konkret der Aufarbeitung v.a. der entsprechenden Fach-Guppe der Humboldt-Universität -s.o.- und daraus der Fachberatung der Staatsanwaltschaft der DDR - inkl. Dr. Bert THINIUS - durch die Mitarbeiter der HA XX des Ministeriums für Staatssicherheit, insbesondere Oberstleutnant Wolfgang SCHMIDT, MfS -siehe 1983-, sowie der gesetzesvorlegenden Staatsanwaltschaft der DDR) mit der Abschaffung der juristischen Diskriminierung von Homosexualität in der DDR von 1988:
Die Entscheidung (CDU/FDP-Koalition mit Unterstützung von SPD, PDS und Grünen) fällt etwa um 19.50 Uhr und wird ab 20 Uhr im Videotext von ARD/ZDF mitgeteilt:
Durch Streichung des Paragraphen 175 - in Übernahme des von 1988 stammenden DDR-Rechts - endet die unterschiedliche Rechtslage für Homosexuelle in Ost und West-Deutschland. Die DDR-Regelung wird hinsichtlich des "Jugendschutzes" im § 182 modifiziert.
Für eine ersatzlose Streichung fand sich im Deutschen Bundestag an der Schwelle zum 21. Jahrhundert keine Mehrheit.
Eine weitere Möglichkeit, fortschrittlichere Ansätze zu übernehmen bzw. neu einzubringen, war damit gescheitert.
Keine Entschuldigung bei den bislang Diskriminierten, keine Rehabilitation der Kriminalisierten der Nazi- und Nachkriegszeit 1935 - 1969, keine "Entschädigungs"-Zahlung für KZ-Opfer des § 175 in Aussicht, keine Distanzierung vom NS-Unrecht in Gestalt des § 175...

Thinius 1994 S.51
Archiv J.Müller: Datenliste 1995,
Katalog 1997 S.292f/297,
LSVD 1999 S.2

April 1994

Christian PULZ (inzwischen "offen schwuler" Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus) wünscht sich nach Einsicht in seine MfS-Akten in einem Gespräch mit "magnus" von den 'Inoffiziellen Mitarbeitern' des MfS eine Art öffentliches Schuldbekenntnis.

magnus 4/1994

11. Juni 1994

Im gesamten Bundesgebiet tritt § 182 in Kraft.

Archiv J.Müller: MS Datenliste §175, 1995
Katalog 1997 S.297

12. 6. 1994

Dr. Günter GRAU (ehem. Verlagsdirektor der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin) veröffentlicht den Artikel "Macht alle mit!": Wie die "Stasi" (das MfS) Homosexuelle observierte.
(Siehe auch: Juli`94)

"Der Tagesspiegel" vom 12.6.1994 S.IV

18. 6.1994

SVD-Landesverband Berlin-Brandenburg ist erstmals Mitveranstalter des CSD in Berlin. Der SVD hat inzwischen ca. 300 Mitglieder im Osten.

Thinius 1994 S.67,
LSVD 1999 S.3

Juli 1994

"Mit deutscher Gründlichkeit erfaßt, ausgewertet und registriert": "magnus" veröffentlicht ein Interview von H.Gunnar DÖBBERTHIN und Walther WEIHRAUCH mit Oberstleutnant Wolfgang SCHMIDT (ehem. Leiter der Auswertungs-. und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR) über seine Arbeit bei der Observierung der "Homosexuellen-Szene" (*.



*) "Zur weiteren Veranlassung": für "konkret" führt Eike STEDEFELDT ein Interview mit Wolfgang SCHMIDT.
siehe auch: 09.11.1993 und dort diese interessante Stellungnahme

magnus 7/94 S.53-59

* * *

Stedefeldt (gekürzt) in: konkret 7/1994
(erstmals vollständig in: Gigi.Zeitschrift für sexuelle Emanzipation Nr. 40 Berlin 2005 S.8-13
und in: Wolfram Setz (Hrsg.) "Homosexualität in der DDR", Hamburg 2006 S.64-70)

15.5.1995

Zum 60. Todestag (an seinem Geburtstag) von Magnus HIRSCHFELD, des Gründers des "Wissenschaftlich-humanitären Komitees", wird am Gründungsort, HIRSCHFELDs Wohnhaus in Berlin-Charlottenburg, eine Gedenksäule eingeweiht (Eine historische Kritik der fragwürdigen und umstrittenen wissenschaftlichen Rolle HIRSCHFELDs findet nicht statt).

Herrn Hamburg 1999 S.72

Oktober 1995

Der Sammelband "Die Linke und das Laster" (Hrsg. D. GRUMBACH) erscheint in Hamburg : darin u.a."Die Bewegung der Homosexuellen. Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten im antifaschistischen Exil" von Alexander ZINN und "Sozialistische Moral und Homosexualität" von Günter GRAU.

Verlag MännerSchwarmScript Hamburg 1995

14. 9. 1995

18. 1. 1996

Nach Anhörung über Lebenssituation von Lesben und Schwulen mit SVD-Sprecher G. DWOREK beschließt der Landtag Sachsen-Anhalt eine Entschließung zum "Abbau von Diskriminierung und Benachteiligung Gleichgeschlechtlicher".

LSVD 1999 S.3

7. Juni 1996

Einen Tag vor der ersten CSD-Demonstration in Sachsen-Anhalt stürmen spätabends 160 bewaffnete Polizisten das Schwulenlokal "Zoom" in der Rudolf-Breitscheid-Straße in Halle: "Verdacht auf Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz". Die 75 Gäste müssen sich ausziehen und hinlegen, sie werden gefesselt. Ihre Personalien werden aufgenommen, ihre Gesichter per Video dokumentiert. Die Frage nach dem Einsatzleiter beantwortet einer der Beamten mit: "Der Führer kommt später." - Aufgrund einer späteren Petition an den Landtag in Magdeburg durch das Lesben- und Schwulenzentrum "Lebensart" wird zwar eine offizielle Entschuldigung abgelehnt, jedoch eine Untersuchungskommission eingesetzt.

Der Roman "Orakel" von Michael SOLLORZ erscheint, während der Autor an seinem nächsten Buch arbeitet: "Deutscher Meister im Seitensprung" - es erscheint 1997.

Kraushaar 1997 S.226 f

* * *





queer Verlag Berlin 1996

15. 5. 1997

Magnus HIRSCHFELDs Geburtstag: 100 Jahre zuvor gründete dieser (an seinem 29.) gemeinsam mit Max SPOHR, Eduard OBERG und Max von BÜLOW das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" (WhK) Berlin.

Eröffnung der Ausstellung "100 Yeras of the Gay Rights Movement in Germany" im Goethe-Institut New York. (Kurator: Dr. Rainer HERRN). Der Katalog enthält die erste gesamtdeutsche Chronologie der deutschen Schwulenbewegungen nach 1945.
NB. Bezeichnenderweise findet auch hier nicht die fällige historische Kritik an HIRSCHFELDs allerdings fragwürdiger Rolle des rassistischen Eugenikers statt.

Am 17.5. folgt die Eröffnung der großen Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung" in der Akademie der Künste, Berlin, gemeinsam mit dem Schwulen Museum (bis 17.8.1997). Gesamtleitung: Dr. Andreas STERNWEILER (Schwules Museum) und Dr. Hans Gerhard HANNESEN (AdK).
Die Ausstellung wird von einem reichhaltigen Programm künstlerischer, wissenschaftlicher und eventartiger Veranstaltungen begleitet.

*

Am 15. Mai 1997 wurde - nach 25 Jahren (sic!) Diskussionen im Bundestag - in eben diesem die Gleichstellung des Strafbestands der Vergewaltigung innerhalb und außerhalb der Ehe beschlossen. Bis dato konnte sexualisierte Gewalt innerhalb der Ehe allenfalls als “schwere Nötigung” angezeigt werden.
Die Bundestagsdebatte am Entscheidungstag und die Abstimmungsergebnisse im Protokoll ab Seite 94.




Rainer Herrn, 1997


* * *


Katalog 1997





Georg KLAUDA am 4. Dezember 2013:

»Zur Sache mit der Abschiebung kann man nur sagen,
dass es derselbe Mann war, der "raus und zwar schnell" gerufen hat,
welcher uns so nebenbei auch Hartz IV beschert hat.
Das war Teil derselben auf nationale Nutzenrechnung gerichteten neoliberalen Politik.
Und ein Land wie Schweden, das noch immer einen ausgeprägten Sozialstaat pflegt, ist auch das Land,
das im Vergleich zu Deutschland eine um ein Vielfaches liberalere Flüchtlingspolitik unterhält.
In der Realität stehen die Unterdrückungsformen nicht gegeneinander,
auch wenn sie im Rahmen einer Divide-et-impera-Politik
zu Gunsten der wirklich Privilegierten regelmäßig gegeneinander ausgespielt werden.
Die Intersektion zwischen Rassismus und Homophobie ist für mich dafür das beste Beispiel.
Die These von der angeblich besonderen Homophobie von Migranten ist ja nichts anderes
als ein Unsichtbarmachen der Heteronormativität in der Mehrheitsgesellschaft.
Sie verhindert, dass diese überhaupt noch thematisch werden kann.
Warum Schwule das trotzdem unterstützen, ist für sich eigentlich ein Rätsel.
Es hat aber mit einer Strategie der Anerkennung als "Anderer"
auf dem Rücken der anderen Anderen zu tun,
mit der sie sich am Ende vor allem selbst verraten.
«


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* * *






Großes Bundesverdienstkreuz fürs „Wegspritzen“ von Homosexualität
Interview: Emanuel NAHRSTEDT

zurück zu:
"Stern"-Bericht 1969



















*


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Literatur :

BACH, K. + THINIUS, H.
Die Abschaffung des Homosexuellenparagraphen in der DDR
In: Zeitschrift für Sexualforschung Nr.3, 1989


VAN DIJK, Lutz & GRAU, Günter
Einsam war ich nie
Schwule unter dem Hakenkreuz 1933-1945
Darin (S.142-158):
GRAU, Günter
Schmerzhafte Erinnerungen
Ein Kommentar
Speziell auch zur deutschen Nachkriegsjustiz
Mit einem Nachwort von Wolfgang POPP
Berlin 2003


Strafrecht gegen Homosexuelle
Ausstellungskatalog
Verlag rosa Winkel Berlin 1990
Darin:
DOSE, Ralf
Der § 175 in der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis heute)
FEUSTEL, Gotthard
Die Geschichte des § 175


FREUNDE EINES SCHWULEN MUSEUMS IN BERLIN e.V.
Die andere Liebe
Eine illustrierte Geschichte der Homosexualität
Leipzig 1995


GRAU, Günter (Hrsg.)
Lesben und Schwule. Was nun?
Chronik-Dokumente-Analysen-Interviews
Berlin 1990


GRAU, Günter
Sozialistische Moral und Homosexualität
Die Politik der SED und das Homosexuellenstrafrecht 1945 bis 1989
In: GRUMBACH, D. (Hrsg.), Die Linke und das Laster
Schwule Emanzipation und linke Vorurteile S. 85 141
Hamburg 1995


GRAU, Günter
Im Auftrag der Partei
Versuch einer Reform der strafrechtlichen Bestimmungen zur Homosexualität in der DDR 1952
In: Zeitschrift für Sexualforschung 9/1996 S. 109-130


GRAU, Günter
Ein Leben im Kampf gegen den Paragraphen 175
Zum Wirken des Dresdene Arztes Rudolf Klimmer 1905-1977
In: HERZER, M. 100 Jahre Schwulenbewegung S. 47-64
Berlin 1998


GRAU, Günter (Hrsg.)
Schwulsein 2000
Perspektiven im vereinigten Deutschland
Hamburg 2001
(s.: www.olafbruehl.de/schw2000.htm
und : www.olafbruehl.de/essay.htm)


GRAU, Günter
Liberalisierung und Repression
Zur Strafrechtsdiskussion zum § 175 in der DDR
In: Zeitschrift für Sexualforschung 15/2002 Sonderdruck S.232-340


HERRN, Rainer
100 Years of the Gay Rights Movement in Germany
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Goethe-Institut New York
New York 1997


HERRN, Rainer
Anders bewegt
100 Jahre Schwulenbewegung in Deutschland
Hamburg 1999


HERRN, Rainer
Schwule Lebenswelten im Osten: andere Orte, andere Biographien
Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit
Berlin 1999


HERZER, Manfred
100 Jahre Schwulenbewegung
Berlin 1998


HOSI-Wien
Rosa Liebe unterm roten Stern
Zur Lage der Lesben und Schwulen in Osteuropa
Hamburg 1984


ITALIAANDER, Rudolf
Die Situation in der DDR
In: Rudolf ITALIAANDER, Weder Krankheit noch Verbrechen
Plädoyer für eine Minderheit S. 274-276
Hamburg 1969


KOWALSKI, Gudrun von
Homosexualität in der DDR
Ein historischer Abriß
Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft
Marburg 1987


KRAUSHAAR, Elmar
100 Jahre Schwulenbewegung
Berlin 1997


LSVD
Kleine Geschichte des LSVD
Internet 25.11.1999 http://www.lsvd.de
ausgewertet von Michael Holy, Frankfurt am Main


MÜLLER, Joachim
Betrifft: Haftgruppen "Homosexuelle"
- Rehabilitierung (k)ein Problem ? -
Schlaglichter zu einigen markanten Stationen in offiziellen und öffentlichen Bereichen
In: Homosexuelle in Konzentrationslagern S. 10-30
Wissenschaftliche Tagung 12. + 13. September 1997: KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora Nordhausen
Berlin/Bonn 2000


Schwules Museum & Akademie der Künste Berlin
100 Jahre Schwulenbewegung
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung 17.5.-17.8.1997
darin: Karl-Heinz STEINLE, VI.1 Homophiles Deutschland - West und Ost
Wolfgang THEIS, VII.3 Mach dein Schwulsein öffentlich - Bundesrepublik
Karl-Heinz STEINLE, VII.4 DDR und UdSSR
Berlin, 1997
(in Chronologie zitiert als "Katalog 1997 Steinle")


Senatsverwaltung für Jugend und Familie / Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (Hrsg.)
Geschichte und Perspektiven von Lesben und Schwulen in den neuen Bundesländern
Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation Nr.4
Berlin 1990


SETZ, Wolfram (Hrsg.)
Homosexualität in der DDR.
Meinungen und Materialien
darin: Bert THINIUS, Olaf BRÜHL, Klaus LAABS, Michael SOLLORZ,
Eike STEDEFELDT, Peter RAUSCH, Florian MILDENBERGER
Hamburg 2006


SILLGE, Ursula
Un-Sichtbare Frauen.
Lesben und ihre Emanzipation in der DDR
Berlin 1991


SOUKUP, Jean Jaques
Die DDR. Die Schwulen. Der Aufbruch.
Versuch einer Bestandsaufnahme
Waldschlösschen Tagungsband 17.-19.11.1989
Göttingen Februar 1990


STAPEL, Eduard
Schwulenbewegung in der DDR.
Interview von Kurt STARKE mit Eduard STAPEL vom SVD
In: STARKE, Kurt Schwuler Osten S.91-110
Berlin 1994


STAPEL, Eduard
Warme Brüder gegen kalte Krieger
Betroffene erinnern sich (10)
Magdeburg Dezember 1999


STARKE, Kurt
Schwuler Osten
Homosexuelle Männer in der DDR
Berlin 1994


STEAKLEY, J.
Gays under Socialism
In: Body Politic Nr.29 S.15-18
Dec/Jan 1976/77


SWEET, Dennis M.
Jasager/Neinsager/Jeinsager
Die rolle der schwulen Literatur in der DDR und danach
In: Verqueere Wissenschaft?
Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart
Ursula FERDINAND, Andreas PRETZEL, Andreas SEECK (Hg.)
Münster, Hamburg, London: LIT 1998 S. 103-110


THINIUS, Bert
Verwandlung und Fall des Paragraphen 175
in der Deutschen Demokratischen Republik

In: Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V., Die Geschichte des §175.
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung S.145-162
Berlin 1990


THINIUS, Bert
Ausbruch aus dem grauen Versteck. Ankunft im bunten Getto?
Ansichten zur Geschichte ostdeutscher Schwuler
(zuerst in: STARKE, Kurt Schwuler Osten, S.11 ff, Berlin 1994)
Überarbeitet: BVH Materialien 4
Berlin September 1994
(Seither unvermindert aktuell - der beste und tiefste Text überhaupt,
der das Thema rundum differenziert, sachlich und komplex angeht.)


UHLEMANN, Jan
Schwule Männer in Ostberlin 1968 bis 1990
Emanzipation einer Subkultur -
Entwicklung von Formen sozialer Arbeit
Diplomarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen
Berlin 25. Juni 2003


Eberhard CZICHON & Heinz MAROHN
DAS GESCHENK
Die DDR im Perestroika-Ausverkauf

Ein Report
Köln 1999




Herbert GRAF
WER SPALTETE DEUTSCHLAND?
Ein Exkurs über internationale Beziehungen
Berlin 2011



Ebenso unverzichtbar zum Thema:
Ronald M. SCHERNIKAU
DIE TAGE IN L : darüber,
daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können,
geschweige mittels ihrer literatur

Hamburg 1989



Tagungsdokumentation
LESBEN UND SCHWULE IN DER DDR
Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt
LSVD Landesverband Sachsen-Anhalt e.V.
Halle (Saale) 2008



(Leider in keiner der oben erwähnten Publikationen
wird folgendes Buch - ebenso wie
Otmar Kabat VEL JOB:
GESCHLECHTSTYPISCHE EINSTELLUNGEN UND
VERHALTENSWEISEN BEI JUGENDLICHEN


- der hier bereits eine marxist. Ablehnung
des Ansatzes von Dörner leistet -, ein wichtiger
und weiterführender Essay, erwähnt) :


Walter Hollitscher
DER ÜBERANSTRENGTE SEXUS
Die sogenannte sexuelle Emanzipation
im heutigen Kapitalismus
Berlin 1975



Jörg ROESLER
Geschichte der DDR
Köln 2012



Erich BUCHHOLZ
RECHTSGEWINNE?
Welche Rechte gewannen die DDR-Bürger durch den Beitritt?
Haben sie Rechte verloren?
Berlin 2010



Erich BUCHHOLZ
DAS DDR-JUSTIZSYSTEM
- das beste je in Deutschland?
Berlin 2012



Erich HAHN
STREIT UM DIE DDR
Vorabdruck (gekürzt)
Theoretisch-methodische Überlegungen
zu einer 20jährigen Auseinandersetzung
(in: JUNGE WELT, Berlin, 15.05.2009)


- Foto: © by Rüdiger Hecht -


Georg KLAUDA
Die Vertreibung aus dem Serail
Europa und die Heteronormalisierung
der islamischen Welt
Hamburg 2008



Barbara EDER / Felix WEMHEUER (Hrsg.)
Die Linke und der Sex
Klassische Texte zum wichtigsten Thema von (u.a.):
KOLLONTAI, FRIEDLAENDER, ZETKIN, MARCUSE, RREICHE
Wien 2011



J. J. ROGINSKI & M. G. LEWIN
DER RASSISMUS UND SEINE SOZIALEN WURZELN
In: Rassen, Rassentheorie und imperialistische Politik
Fünf Beiträge zur Kritik der Rassen-„theorie”
Hrsg. von Henry Görschier
Berlin 1961



Domenico LOSURDO
Das 20.Jahrhundert begreifen
Köln 2013



Hans GROSCHOPP
DER GANZE MENSCH.
Die DDR und der Humanismus
Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte
Marburg 2013



Luciano CANFORA
Eine kurze Geschichte der Demokratie
Von Athen bis zur Europäischen Union
Mit einem Nachwort von Oskar LAFONTAINE
Köln 2006




zurück : zum Anfang

zurück : zur Vorbemerkung














































































Anmerkungen :

KLIMMER bezog sich auf Magnus HIRSCHFELDs Position, "dass Homosexualität (...) 'natürlich' sei (und die) daraus folgende Ungefährlichkeit für die Gesellschaft sowie die 'Schuldlosigkeit' der Betroffenen." (Allerdings war HIRSCHFELDS wissenschaftliche Darstellung der Homosexualität von der Auffassung geprägt, sie sei eine "biologische Anomalie" und "Devianz" - womit er theoretisch einer weiteren, anderen rassischen Zuordnung Vorschub leistete.)
Magnus HIRSCHFELD: "Jedenfalls verdammt ein Homosexueller, der heiratet, eine gesunde Frau zur Sterilität oder zur Geburt geistesschwacher Kinder. Die gleichen Einwände können gegen die Heiraten homosexueller Frauen gemacht werden, und es liegt im Interesse der Rassenpflege, solche Ehen zu verhindern."
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"(...) dass vom physiologischen und erzieherischen Standpunkt (...) schwerwiegende Bedenken gegen die Publikation erhoben wurden, ganz besonders in Verbindung mit dem reißerischen Titel."
(a.a.O.)
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Der VVNantwortet "mit kameradschaftlichem Gruß":
"Hat ein Antifaschist Widerstand geleistet, kann er aufgenommen werden, auch dann, wenn er u.U. nicht verhaftet war; ist ein solcher Antifaschist ein Homosexueller, steht seiner Aufnahme nichts im Wege. Lediglich der Grund der Verfolgung seitens des Naziregimes gegenüber einem Homosexuellen ist für uns noch kein Aufnahmegrund."

(a.a.O.)
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Das Ost-Berliner Kammergericht begründet so:
"Die Vorschrift verwirklicht insbesondere einen fortschrittlichen Gedanken, als sie die geschlechtliche Integrität und damit die gesunde Entwicklung der Jugend schützt." (...) "Der Jugend sind beim Aufbau eines neuen demokratischen Deutschlands, dem Wiederaufbau einer Friedenswirtschaft und der Entwicklung und Festigung der demokratischen Ordnung (...) wichtige Aufgaben gestellt." (...) "Junge Menschen vor einer durch Verführung möglichen gesundheitlichen und charakterlichen Fehlentwicklung zu schützen, ist eine gesellschaftlich bedeutsame und fortschrittliche Aufgabe der Rechtsordnung und einer demokratischen Justiz."
(GRAU, a.a.O., S. 98)
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Der 1952 vorgelegte (nicht verwirklichte) Entwurf sieht vor:
»§ 134 Homosexualität
Mit Freiheitsentzug bis zu sieben Jahren wird bestraft
1. Wer einen anderen zum gleichgeschlechtlichen Verkehr nötigt,
2. wer aus dem gleichgeschlechtlichen Verkehr ein Gewerbe macht,
3. wer volljährig ist und mit einer minderjährigen Person gleichgeschlechtlichen Verkehr ausübt.«

(Grau, MORAL, S. 105)

In der Begründung dazu heißt es mit ebenso verblüffendem Kausalkonstrukt wie aus grundlosem Optimismus:
... "dass gerade die Homosexualität als gesellschaftliche Erscheinung schon vor 1919 aufgetreten ist in diesem parasitären Leben um die Hohenzollern, und dass in der Periode des Imperialismus gerade die Homosexualität als Abhängigkeitserscheinung doch an erster Stelle unter den Degenerierten der herrschenden Klasse aufgetreten ist. Die Hauptwurzel liegt nicht in der Erwerbslosigkeit, sondern die Erwerbslosigkeit ist die Möglichkeit, in der die herrschenden Kreise ansetzen können, um arbeitslose Menschen zu bewegen, als Prostituierte tätig zu werden. Darum ist es nicht zufällig, dass in der Arbeiterklasse die Homosexualität keine Gesamterscheinung ist. Eine Frage ist jetzt, ob nun nicht die Wurzeln weggefallen sind."
(Kraushaar, 1997, S.90 f)
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...Dehnbar wäre allerdings der vorgesehene Straftatbestand "Verletzung der sittlichen Anschauungen der Werktätigen" gewesen...
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Die LDPD schrieb:
"Wir werden entsprechend Ihrer Anregung verfahren".
Ottomar GESCHKE, der Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) antwortete:
"Mit voller Überzeugung trete ich für eine Abschaffung des § 175 ein. Ich werde diesen Standpunkt auch in der VVN-Fraktion der Volkskammer vertreten, und ich bin gewiß, dass alle Kameraden meine Auffassung teilen werden."
Victor KLEMPERER, der große Romanist, Autor von "LTI", Universitätsprofessor und Nationalpreisträger, unterstützt KLIMMER:
"Seit Jahrzehnten teile ich die von Ihnen entwickelte und vertretene Meinung durchaus." (In KLEMPERERS Tagebüchern zwischen 1945 und 1959 wird KLIMMER nirgends erwähnt.)
Heinz HELLWEG, ein Zivilrichter aus Sangerhausen, schrieb:
"Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass hier eine Änderung eintreten dass." (...) "Ein volljähriger Mann, um diesen handelt es sich ja in erster Linie, dass meiner Ansicht nach über sich selbst bestimmen, mit wem er Verkehr ausüben will. Da hat sich der Staat nicht einzumischen."
(Kraushaar, 1997, S.89) zurück




























Persönliche Erinnerung:
Der Film wurde in der DDR nie gezeigt – im Gegensatz zu anderen Werken FASSBINDERS. Wer »Westfernsehen« empfangen konnte, hatte vielleicht (wie ich – und jener SED-Funktionär) am 9. 1. 1973 die ARD-Ausstrahlung gesehen und war von FASSBINDERS sozialer, detailversessener Sensibilität beeindruckt – in der Schule am nächsten Tag und nicht nur dort wurde jedenfalls von nichts anderem geredet – natürlich auch wegen der Großaufnahme von Harry BAERS Schwanz.
(O.B., 2006)

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So, wie BRECHT z.B. auch in der "Ballade von der Freundschaft", "Baal" oder "Im Dickicht der Städte" mannmännliches Begehren gestaltet. - BRECHT: "Ideologiezertrümmerung! Ideologiezertrümmerung! Ideologiezertrümmerung!"
(Aufführungen dieser Stücke sind in der DDR, wenn sie denn überhaupt stattfinden, entsprechend ignorant oder, wenn nicht, stoßen sie auf Widerstand, wie v.a. die Inszenierung "Dickicht der Städte" von Ruth BERGHAUS am "Berliner Ensemble", Premiere: 28.1.1971.)
zurück zu: 1957

»Eduards Männerliebe zu Gaveston betrachten wir als ein angemessenes Bedürfnis, es ist stellvertretend für viele Bedürfnisse, welche das Individuum anmeldet und das die Gesellschaft, ihre Menschen, Gesetze und Moral, verkraften sollten. Die Homosexualität als menschliches Verhältnis wird einerseits nicht unterschlagen und steht andererseits nicht als Problem zur Diskussion.«
Der Schwiegersohn BRECHTs und BE-Starschauspieler Ekkehard SCHALL formuliert hier für Gruppierungen der Kulturszene der DDR in den Siebzigern eine wahrscheinlich repräsentative Haltung zum Thema Homosexualität. Publiziert per Informationsmaterial zur Inszenierung, das kostenlos an der Theaterkasse auslag. Die Aufführungen des BE wurden traditionell von den ideologischen und politischen Spitzen des Staates wahrgenommen. Abgesehen davon, dass SCHALLs Forderung in krassem Gegensatz zu den öffentlich vertretenen Standpunkten der Fachkompetenz in Recht und Medizin (wenige Ausnahmen zu jener Zeit: KLIMMER und SCHNABL) stehen, greift seine Auffassung prinzipiell weiter, als später die manches Schwulenaktivisten. - SCHALL zitiert begründend in seinem Handzettel (evtl. wie einst Theologen gegenüber Kirchenoberen die "Bibel" zitierten) Karl MARX´ "Ökonomisch-philosophische Manuskripte" von 1844, das Zitat folgt hier, um die unterstellte gesamtgesellschaftliche Sicht der Homosexualität -jenseits von Familienorientierung, Konformitäts- und Moralvorstellungen- zu belegen:
"Wenn die EMPFINDUNGEN, Leidenschaften etc. des Menschen nicht nur anthropologische Bestimmungen im /engeren/ Sinn, sondern wahrhaft ONTOLOGISCHE Wesens-(Natur-)bejahungen sind - und wenn sie nur dadurch wirklich sich bejahen, dass ihr GEGENSTAND SINNLICH für sie ist, so versteht sich, 1. dass die Weise ihrer Bejahung durchaus nicht eine und dieselbe ist, sondern vielmehr die unterschiedne Weise der Bejahung die Eigentümlichkeit ihres Daseins, ihres Lebens bildet; - die Weise, wie der Gegenstand für sie, ist die eigentümliche Weise ihres GENUSSES; 2. da, wo die sinnliche Bejahung unmittelbares Aufheben des Gegenstandes in seiner selbständigen Form ist (Essen. Trinken, Bearbeiten des Gegenstandes etc.), ist dies die Bejahung des Gegenstandes; 3. insofern der Mensch MENSCHLICH, also Bejahung des Gegenstandes durch einen andren ebenfalls sein eigner Genuß; 4. erst durch die entwickelte Industrie, i. e. durch die Vermittlung des Privateigentums, wird das ontologische Wesen der menschlichen Leidenschaft sowohl in seiner Totalität als in seiner Menschlichkeit; die Wissenschaft vom Menschen ist also selbst ein Produkt der praktischen Selbstbetätigung des Menschen; 5. der Sinn des Privateigentums - losgelöst von seiner Entfremdung - ist das DASEIN der WESENTLICHEN GEGENSTÄNDE für den Menschen, sowohl als Gegenstand des Genusses wie der Tätigkeit.-"
(Es ist m.E. nicht zu ersehen, weshalb SCHALLs an so prominenter Stelle placierte Äußerung - pars pro toto - gegenüber gleichartigen oder ähnlich ambitionierten Manifestationen von Literaten, Schwulenaktivisten und/oder Fachleuten übersehen oder v.a. in seiner Bedeutung unterschätzt werden sollte. - Die Fokussierung der Aufmerksamkeit und der Beschreibung der Geschichte des Homosexualitäts-Diskurses auf die schwule "Szene" und ihre Bewegungen allein versagt vor der gesellschaftlichen Komplexität von Bewußtseins- und Bewegungsprozessen wie diesem. O.B., 2003).

zurück zu: 1953
zurück zu: 1968

zurück zu: 1974




























»Infolge der Beschränkung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit auf beischlafähnliche Handlungen (in der DDR) ist bereits jetzt der größere Teil homosexueller Handlungen straflos; in bezug auf den Grad der Gesellschaftsgefährlichkeit besteht jedoch zwischen den beischlafähnlichen und den übrigen gleichgeschlechtlichen Handlungen kein Unterschied, so daß auch eine der Bestrafung der beischlafähnlichen gleichgeschlechtlichen Handlungen nicht gerechtfertigt ist.«
(a.a.O., S.175; in dritter, erweiterter und verbesserter Auflage 1969, S.331)

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"Dieses arbeitsscheue Element, das unter dem Spitznamen 'Puppe' in homosexuellen Kreisen in Westberlin sehr bekannt war und seit dem 13.August im demokratischen Berlin nach Opfern Ausschau hielt, hatte sich seiner Festnahme durch die Volkspolizei zu widersetzen versucht, war in den Humboldt-Hafen gesprungen und dabei ums Leben gekommen..."
(a.a.O.)
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KLIMMER aus Dresden an das Justizministerium der DDR:
"Die exzessive Verfolgung der Homosexuellen mit KZ und Todesurteilen war ein Verbrechen (...) es ist bisher weder aufgeklärt noch ungesühnt. Nach 21 Jahren wäre es jetzt die höchste Zeit, dass diese Frage aufgerollt wird." (...) "Was gedenkt das Ministerium für Justiz hierfür zu tun?"
Das Ministerium verwahrt sich in der Antwort vom 26.Okt.`66 dagegen:
"Widerstandskämpfer, rassisch Verfolgte und Homosexuelle einfach gleichzustellen. In der Deutschen Demokratischen Republik wurden Nazi- und Kriegsverbrecher bekanntlich konsequent verfolgt." (...) "Aus all diesen Gründen besteht keine Notwendigkeit für besondere Maßnahmen."
KRAUSHAAR,S. 120 f.
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Paragraph 151:
"Ein Erwachsener, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts sexuelle Handlungen vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft."
(Strafgesetzbuch der DDR, 1968)
zurück nach: 1968
zurück nach: 1988


































Rudolf KLIMMER: Die Situation in der DDR
Nach dem Zusammenbruch des Faschisismus 1945 glaubten "die Homosexuellen", dass nun auch für sie die Stunde der Befreiung in Deutschland gekommen sei. In verschiedenen Großstädten versuchten sie gesellschaftliche Zusammenkünfte teilweise mit Tanz zu veranstalten. Diese Lokale wurden aber kurze Zeit danach ausgehoben und die "Homosexuellen" registriert. Dann verzog sich das homosexuelle Leben auf die Straße und Bekanntschaften wurden unter anderem in Bedürfnisanstalten gesucht Aber auch dort wurde nach und nach das öffentliche homosexuelle Leben zurückgedrängt.
1950 verkündete das Oberste Gericht der DDR ein Urteil, in dem es hieß: § 175 StGB ist in der alten Fassung von 1871 anzuwenden, die nur beischlafähnliche Handlungen pönalisiert, die Neufassung von 1955, die alle homosexuellen Handlungen unter Strafe stellte, ist nazistisch. Der § 175 a StGB (qualifizierte Fälle) bleibt bestehen. Das Kammergericht Berlin-Ost wies darauf hin, dass bei allen unter § 175 alter Fassung fallende Straftaten weitherzig von der Einstellung wegen Geringfügigkeit Gebrauch gemacht werden solle. So kam es, dass schon in den letzten Jahren homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen nicht mehr bestraft wurden. In fast allen Staaten des sozialistischen Lagers werden die Gesetze und Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet, so wird auch die biologische Gegebenheit eines Andersseins nicht mehr strafrechtlich verfolgt, soweit gesellschaftliche Gefährdung nicht besteht Es wird jedoch über dieses Problem schweigend hinweggegangen. Seit dem 1. Juli 1968 haben wir ein neues Strafgesetzbuch, nach dem homosexuelle Handlungen Erwachsener nicht mehr strafbar sind. Das Jugendschutzalter für beide Geschlechter beträgt bei gleichgeschlechtlichen Handlungen 18 Jahre. Damit haben wir uns den Reformen unserer Nachbarländer VR Polen und CSSR angeschlossen. Auch Ungarn und Bulgarien kennen keine Pönalisierung der Erwachsenenhomosexualität mehr.
Trotz dieser fortschrittlichen Gesetzgebung hat sich das homosexuelle Leben in der DDR nicht geändert. Eigenartig ist das unterschiedliche Verhalten zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen freieres Ausleben in der Öffentlichkeit, homosexuelle Zeitschriften und Lokale sowie eine weitverbreitete homosexuelle Prostitution bei strengen Strafgesetzen und hier im Osten wenig öffentliche Erscheinungsformen, keine Zeitschriften und Clubs. Homosexuelle Prostitution gibt es hier kaum. Junge Menschen haben alle Arbeit und verdienen zeitig und gut. Die Jugend wird hier sehr großzügig gefördert Das homosexuelle Leben spielt sich sehr in der Stille und in privaten Sphären ab. Einige Homosexuelle scheuen sich nicht, führen ein eheähnliches Verhältnis und leben zusammen. Es erweckt den Eindruck, als ob diese Stilbildung von der Umgebung und einigen Behörden als ethische Form gebilligt wird, während man oft wechselnden Geschlechtsverkehr verurteilt. "Queens" treten in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Langdauernde homosexuelle Verhältnisse dürften hier vielleicht häufiger als in Westdeutschland sein. Das zurückgezogene Leben führt jedoch oft zur Vereinsamung und schweren Depressionen, weil ein Sichkennenlernen recht erschwert ist.
Über Homosexualität wird in der DDR kaum gesprochen und geschrieben. Homosexualität ist hier immer noch ein Tabu, das man nur in der privaten Sphäre duldet. Homosexuelle Filme, Theaterstücke und Fernsehsendungen gibt es nicht, auch keine eigentlichen homosexuellen Romane. Im medizinischen Wörterbuch steht immer noch: "Homosexualität wird nicht durchweg als Krankheit, sondern unter Umständen als Laster beurteilt". Auch wird versucht, Homosexualität als eine bürgerliche Entartung abzuwerten. Diese veralteten Ansichten werden von unseren heutigen Wissenschaftlern nicht geteilt. Eine einheitliche wissenschaftliche Meinung ist nicht fixiert. 1958, als Klimmer sein Buch über die Homosexualität in der DDR veröffentlichen wollte, erhielt der Verlag keine Druckgenehmigung. Diese wurde erst 1963 dem tschechischen Autor Freund erteilt. Charakteristischerweise betont das Vorwort: "dass das Buch nur in die Hand des Wissenschaftlers gehöre." Eine Aufklärung der breiten Volksschichten zu dieser Frage fehlt. Diese haben demzufolge hierüber keine Meinung oder sind noch in alten, teilweise nazistischen Vorurteilen befangen.
Von einer Emanzipation oder gar Integration der Homosexuellen kann man heute in der DDR nicht sprechen. Im allgemeinen wird die Veranlagung von den Betreffenden als strengstes Geheimnis gehütet. Wohl findet man Homosexuelle unter jeder Gesellschaftsschicht und in allen Berufen. Aber ob man Homosexuelle in den oberen, besonders in den Staatsstellen belassen würde, wenn ihre Veranlagung bekannt ist, ist sehr die Frage. Selbst schon unverheiratete Bewerber haben wenig Aussicht, dass die Wahl auf sie fällt. Dies erweckt den Eindruck, dass der Verdächtige ausgeschaltet wird, ohne die Sache beim Namen zu nennen. Die Homosexuellen, die während der Nazizeit verfolgt und im KZ waren, werden nicht als Opfer des Faschismus anerkannt. Bemühungen meinerseits, das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer für diese Frage und die der Erfassung zu interessieren, schlugen fehl.
Auf alle Fälle ist das homosexuelle Problem nur durch Anerkennung der Homosexuellen als gleichberechtigte Bürger zu lösen. Dies ist auch die Voraussetzung für eine wirksame erzieherische Beeinflussung, die heute noch fehlt.
(a.a.O., S. 274-276)
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Im Entwurf für einen Vertrag zur Vereinsgründung heißt es unter "Aufgaben und Ziele" (§ 1):
Die Gemeinschaft hat das Ziel, die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder durch die Schaffung gemeinschaftlicher Freizeiteinrichtungen zu verbessern und darüber hinaus das Ansehen der homosexuellen Bürger zu heben.
(Kraushaar, 1997, S.148)
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Immerhin zwei Jahre nach dem "Gesundheits"-Artikel (s.o.), im Jahre 1980, formuliert der Autor (Prof. Dr. sc. med. Misgeld war ehemaliger Truppenarzt im II. Weltkrieg , 1959 Staatssekretär für Hoch- und Fachschulwesen der DDR, danach wurde ihm das Ministerium für Gesundheitswesen anvertraut, seit 1967 die Leitung des Lehrstuhls für medizinische Zeitgeschichte im Institut für Geschichte der Humboldt-Universität):
"Obwohl wir also Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (sic !) unsere Achtung nicht verwehren, wenden wir uns gegen jede Propagierung homosexueller Kontakte als Ausweg aus unbefriedigenden sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Frau. Letztlich verbergen sich hinter Entstehung und Aufrechterhaltung der Homosexualität immer Probleme, die in der Erziehung junger Menschen ungelöst blieben. Eine angeborene Homosexualität gibt es nicht.
Diese differenzierte Haltung gegenüber Homosexuellen und der Homosexualität hat ihren Grund darin, dass wir auch den innigen Zusammenhang der Generationen sehen, der in der Weitergabe des Lebens an Kinder besteht und in bewußter Nutzung der Sexualität zur Zeugung von Nachwuchs verwirklicht werden kann. Die Rolle des Menschen als Gestalter der gegenwärtigen Gesellschaft und als Schöpfer der Voraussetzungen für die zukünftige Gesellschaft macht den Gebrauch seiner generativen Möglichkeiten - also seiner Fähigkeiten zur Weitergabe des Lebens - zu einem Wesenselement bewußt handelnder Persönlichkeiten. Das ist in gleichgeschlechtlichen Beziehungen bekanntlich nicht möglich."

Zuvor entwarnt er angesichts von Homosexualität unter Jugendlichen:
"Das ist weder ein Ausdruck für fehlerhafte Anlagen oder homosexuelle Eigenschaften dieser jungen Menschen noch krankhaft oder schädigend für die gesunde Entwicklung beider. (...) Das in der Freundschaft gefundene Vertrauen hat hier zu einer Harmonisierung sexueller Erregung geführt, die dem kulturellen Bedürfnis zweier Menschen in dieser Entwicklungsphase voll entspricht. (...) Um Schuldgefühle (sic !) zu vermeiden, sollten beide sich sagen, dass ihre Freundschaft sie lehrte, im anderen Menschen Ergänzung zu suchen und in solcher zeitweiligen Geborgenheit ihre Liebesfähigkeit zu entwickeln."
(a.a.O., S. 89 f.)
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Zum Beispiel: die Redaktion der DEWAG-Werbung
teilt mir am 29.3.`74 mit, dass sie eine Eigenschaftsaussage "homosexuell" in einer "Visitenkarte" des Jugendmagazins "Neues Leben" ablehnt und bittet, den Punkt zu ändern. - Auf die Weigerung antwortet die Sachgebietsleiterin der Anzeigenzentrale am 9.4.: "Der Punkt ist ganz allein Ihre eigene Sache, die nicht publiziert werden kann." (Der Briefwechsel in dieser Angelegenheit erstreckt sich bis in den Herbst, erfolglos).
13.5.`76: Die DEWAG-Werbung teilt mir in ihrer Rechnung über eine Briefwechsel-Annonce in der 'Wochenpost' mit: "In Ihrer Anzeige müssen wir 'Brieffreundin' schreiben." (O. Brühl)

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19.3.`75
Ich werde ausgemustert: mir half das Gutachten des schwulen Psychiaters Dr. Dieter VOGLER (Erfurt), mit der ‚Diagnose' "manifeste Homosexualität und Suizidtendenz" - manifeste Homosexualität, zumal in Kombination mit einem weiteren "Problemherd" war offenbar ein ausreichender Grund, um von der allgemeinen Wehrpflicht (bei Androhung von Arbeitshaft gegen Verweigerungswillige) ausgeschlossen zu werden - mithilfe dieses Wissens helfe ich jedem mir begegnenden jungen Mann, der nicht zum Dienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) will, zu solchen Gutachten, mal dank VOGLER, mal dank des Berliner Kinderpsychologen Dr. Wolfram Z. Es hat immer geklappt. Noch 1988 lotse ich Jens B., den panisch Militär-Unwilligen, erfolgreich zu einem Gutachter...
(pers. Erinnerung: O. Brühl)

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"Es wird daher auch in Zukunft keine besonderen Vereinigungen für diese oder jene Gruppe von Bürgern geben, die sich durch die Gestaltung ihres Intimlebens voneinander unterscheiden, geben, da dafür kein gesellschaftliches Bedürfnis vorliegt.
Da die positive Einstellung unserer Gesellschaft und der aktive gesellschaftliche Einsatz nicht tangiert werden, können sich Homosexuelle ebenso wie andere in ihrer Wesensart veränderte Bürger unbehindert für den sozialistischen Aufbau einsetzen, ohne eine eigene Organisation bzw. Vereinigung zu gründen".
(a.a.O.)
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In diesem Zusammenhang haben die Bemühungen jugendlicher Gruppen, welche die sexuelle Revolution auf ihre Fahne geschrieben haben (und die nur verfehlt sind, weil sie diese außerhalb des Kontextes mit dem realen ökonomischen und politischen Klassenkampf als die eigentliche Hauptsache der Revolution realisieren wollen), ihre Berechtigung. Es geht ja tatsächlich darum, die Beziehung der Geschlechter als freundschaftliche, solidarische, von Heuchelei befreite zu gestalten, den patriarchalischen Charakter der Familienbeziehungen zu zerstören. dass in dem Bemühen, neue zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen, der Revolutionierung der Liebesbeziehungen große Bedeutung zukommt, dass sie Indikator für den Stand des Erreichten und seinen Abstand vom Ziel sein können, kommunistische Zustände herzustellen, soll hier nicht bestritten, sondern hervorgehoben werden.
(a.a.O., S. 115)
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"Da der Mensch nicht nur ein biologisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Wesen ist, dem erst die gesellschaftliche Determination die Entwicklung als Persönlichkeit ermöglicht, können die endogenistischen Anschauungen nicht zum Wesen und zur Entstehung geschlechtstypischer Verhaltensweisen vordringen. Sie stellen eine totale Verkehrung der marxistischen Auffassung vom Menschen dar.
So ist es nicht verwunderlich, wenn der empirische Nachweis der 'endogenistisch verursachten' geschlechtstypischen Verhaltensweisen selbst von bürgerlichen Wissenschaftlern nicht unwidersprochen bleibt." -
"Die Klassenposition eines Menschen hat einen sehr viel weiter reichenden Einfluß auf seine gesamte Lebenstätigkeit und somit auf seine Persönlichkeitsentwicklung als seine Zugehörigkeit zu einer Geschlechtergruppe. Die Klassenposition der Familie entscheidet zum Beispiel über Erziehung der Jungen und Mädchen in der Familie und in gesellschaftlichen Institutionen, über Bildungschancen (z.B. Besuch höherer Schulen) und anderes mehr."

Und:
"Die falsche These von der Reduktion der gesellschaftlichen Bewegungsform der Materie auf biologische Gesetzmäßigkeiten (wie z.B. biologistische Trieblehren) schließt jedoch die wissenschaftliche Fragestellung nach Existenz und Wesen genetisch fixierter Anteile bei der Bestimmung geschlechtstypischer Einstellungen und Verhaltensweisen nicht aus."
(a.a.O., zit. S.40 f., S.62, S.74)
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Auf eine Anfrage des HIB-Mitglieds Michael UNGER zur Etymologie des Wortes "schwul" antwortet das Zentralinstitut für Sprachwissenschaft an der Akademie der Wissenschaften der DDR (21.5.1975), dass die Bedeutung "homosexuell" bei dem Wort zum ersten mal im Berliner Rotwelschen aufgetreten sei.
"Ob 'schwul' im Laufe der Sprachentwicklung eine Umwertung, d.h. Aufwertung, erfahren wird, ist augenblicklich nicht abzusehen. Die wertfreie Verwendung des Wortes in Ihrem Kreis kann Ihnen jedoch niemand verwehren."
(Kraushaar, 1997, S.147 f.)
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Die Eingaben der HIB haben Themata wie: "Sozialistische Freizeitgestaltung einer Minderheit" und "Allseitige Integration der homosexuellen Werktätigen in die sozialistische Gesellschaft!"
Der Ministerrat der DDR sendet ein abschließendes Schreiben, worin es heißt:
"Organisationen von Homosexuellen werden nicht gestattet, um Jugendliche, die noch schwanken (...) zu bewegen, sich für die bessere (heterosexuelle) Seite zu entscheiden."
(Archive Rausch + Sillge)
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Der Satz lautet: "Die Szene in Ostberlin ist kaum mit der hier im Westen zu vergleichen. Das Schutzalter beträgt ebenfalls 18 Jahre, doch leben die Schwulen sehr zurückgezogen. Zum Kennenlernen empfehlen wir folgende Bars: Burgfrieden, Cafe Schönhauser, Offenbach=Stuben..."
Noch Anfang der Neunziger Jahre scheint das Allgemeinwissen des "durchschnittlichen" schwulen "Westlers" über den schwulen "Osten" nicht viel differenzierter gewesen zu sein. - Allerdings gab GMÜNDER 1986 sogar noch politische Details aus der Off-Szene, z.B. über die Friedenswerkstatt 1986.
(a.a.O.)
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Die Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit schreibt am 30.Mai `83 in ihren Geheimakten:
Hinweise über Pläne und Aktivitäten zum überbezirklichen Wirksamwerden von Gruppen Homosexueller und deren Einordnung in Versuche zur Schaffung einer 'staatsunabhängigen Friedensbewegung' (...) ist erkennbar, dass feindlich-negative kirchliche Kräfte und homosexuell veranlagte Personen Aktivitäten entwickeln, in der DDR 'Arbeitskreise Homosexualität' zu bilden.
Diese Arbeitskreise sollen mit existierenden 'Frauengruppen' zu einer 'alternativen Bewegung' zusammengeführt werden. (...) Die (...) sollten vor allem durch eine verstärkte politisch-operative Kontrolle und Einflußnahme gemeinsam mit der VP* und den gesellschaftlichen Kräften wirksam eingeschränkt und zurückgedrängt sowie eine Öffentlichkeitswirksamkeit dieser weitgehend ausgeschaltet werden."

(Stapel, 1999, S. 25 ff)
(Siehe auch Zitat STAPEL, b).
(Siehe auch Schwerin).

(*VP = Volkspolizei)

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"Die Haltung kirchlicher Amtsträger zu diesen Aktivitäten ist sehr differenziert und reicht von der Unterstützung bis zu einer offenen Ablehnung. In der Tendenz ist das Bemühen der Organisatoren einer 'alternativen Bewegung' Homosexueller in der DDR zu erkennen, Verständnis, Hilfe und Unterstützung an der kirchlichen Basis zu erhalten."
(a.a.O.)
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Die Mitarbeiter der "Stasi" (= Ministerium für Staatssicherheit) schreibt in ihren bei STAPEL 1999 ausführlich wiedergegebenen und kommentierten Aktentexten u.a.:
"Zusammenfassend ist einzuschätzen, dass die politisch-operative Lage unter homosexuellen Personenkreisen im Bezirk durch die zunehmende Tendenz zum örtlichen und überörtlichen, republikweiten Zusammenschluß gekennzeichnet ist, wobei kirchliche Kräfte diese Tendenzen fördern und unterstützen. Die zu den Organisatoren derartiger Zusammenschlüsse vorliegenden personenbezogenen Hinweise und Informationen, der Charakter der von ihnen unterhaltenen Verbindungen und Kontakte in das NSW* sowie die von ihnen verfolgten Ziele und Absichten kennzeichnen die Versuche, homosexuell veranlagte Personen zusammenzuführen und zu organisieren als Erscheinungsformen politischer Untergrundtätigkeit.
Darüber hinaus müssen eine Reihe bekannter homosexueller Personen aufgrund ihrer politisch-negativen Einstellung und der von ihnen in das NSA** unterhaltenen Rück-
(sic!) und homosexuell motivierten Verbindungen und Kontakte als potentielle Straftäter gemäß § 213 StGB angesehen werden.
Zur Verhinderung sowohl des politischen Missbrauchs homosexuell veranlagter Personen durch politisch-negative und feindliche Kräfte im Sinne einer politischen Untergrundtätigkeit als auch zur Zurückdrängung strafbarer Handlungen gemäß § 213 StGB und von Versuchen, die Übersiedlung in die BRD/WB*** zu erreichen..."

Stapel, 1999, S.31 (u.a.)

*) NSW = nicht-sozialistisches Wirtschaftsgebiet
**) NSA = nicht-sozialistisches Ausland
***) WB = West-Berlin

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In eine Akte für das Ministerium für Staatssicherheit wird geschrieben:
"Brühl ist der Autor einer 1985 in der Mecklenburgischen Kirchenzeitung veröffentlichten Artikelserie zur Homosexualität; diese Serie löste erhebliche Widersprüche unter kirchlichen Kreisen aus, die zu Differenzierungen bis in die Herbstsynode hinein führten.
Bei Brühl handelt es sich um einen (...) Mann mit umfangreichen Kontakten und Verbindungen zu einschlägigen Kreisen in der gesamten DDR und im NSW (*. Er persönlich war und ist der Gespiele namhafter Personen, vorrangig aus dem Bereich Kunst und Kultur, so u.a. von ***.
In Berlin selbst wirkt er aktiv im genannten Arbeitskreis mit und unterhält enge Verbindungen zu ***.
Brühl zählt mit zu den Organisatoren der Veranstaltung dieses Kreises am 13.4.1986 in der Bekenntniskirche zum Thema 'Schwulenbewegung als Bürgerrechtsbewegung - Sex und die sozialistische Revolution'.
Inoffiziell wurde eingeschätzt, dass diese Veranstaltung einen ausgesprochen feindlich-negativen Charakter hatte.
(...) Vor diesem Hintergrund will Brühl jetzt in Schwerin einen gleichgelagerten Arbeitskreis bilden. (...)
Deshalb ist es erforderlich, diesen Aktivitäten schwerpunktmäßig durch den Einsatz inoffizieller Kräfte von Beginn an entgegenzuwirken. (...)
Die Dialektik des Wirksamwerdens des IMB und im weiteren durch weitere Quellen besteht darin, durch genau abgestimmte Scheinaktivitäten die eigenen Positionen als 'Vertrauter' dieser Exponenten politischer Untergrundtätigkeit zu stärken, aber zu verhindern, dass es diesen feindlich-negativen Kräften gelingt, ihre Absichten zur Bildung eines homosexuellen Zusammenschlusses in unserem Verantwortungsbereich durchzusetzen."
(Akten-Kopie BStU / Archiv Brühl) (Siehe auch STAPEL, Zitat a und STAPEL, Zitat b).

*) NSW = nicht-sozialistisches Wirtschaftsgebiert
*** = geschwärzt

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NB. Juni`76: In Berlin treffen sich Erfurter und Berliner Schwule mit Wieland SPECK und einigen Leuten der schwulen Kommune und Aktionsgruppe "Mann-o-Männer" West-Berlin, deren Männer-Kalender `76 Olaf BRÜHL in Erfurt zu einem Briefwechsel und Versuchen anregte, eine emanzipatorisch engagierte Gruppe u.a. mit dem Psychiater Dr. Dieter VOGLER in Erfurt zu formieren. - Nicht zuletzt wegen persönlicher Ängste & Ressentiments vieler Angesprochenen wird daraus nichts.
Erinnerung, Briefwechsel (Brühl).




























In verschiedenen Städten: immer hatten viele Leute durch Briefe und Beschwerden sich vergeblich eingesetzt. Der erste Brief von Uschi SILLGE, eindeutig homosexuelle Kontaktanzeigen - und nicht nur symbolhaft verschlüsselte Briefwechselwünsche - zu fordern, datiert von 1976 (Aussage U.SILLGE, 2001).
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Christian PULZ:
Mitbegründer des Leipziger AK, nun nach Berlin gekommen.
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Ein Charakteristikum der Bewegung in der DDR ist, dass lesbische Frauen - auch wenn sie in der Minderzahl sind und von den Männern dominiert werden - mit schwulen Männern zusammenarbeiten. Nur in Ost-Berlin (sic !) werden aus der feministischen Patriarchatskritik heraus 1983 die Geschlechterrollen reflektierende Arbeitskreise 'Schwule in der Kirche' und 'Lesben in der Kirche' gegründet, beide arbeiten bis 1989.
(R. Herrn, Hamburg 1999, S.63)
Das stimmt zumindest hinsichtlich der nicht-kirchlich angebundenen HIB (anfänglich) und des Berliner "Sonntags-Clubs" nicht ganz: zumindest in letzterem arbeiten Männer und Frauen seit den Anfängen und nach wie vor zusammen. (OB.)
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Leiter ist der Theologiestudent Karsten FRIEDEL, Stellvertreter von Christian PULZ im "großen Arbeitskreis".
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Leiter: Ralf LIMBECKER, dazu Andrusch EBEL
Die Gruppe trifft sich im Gemeindehaus der Kirche St. Bartholomäus von Berlin-Baumschulenweg. zurück


































Leiter: Wolfgang RÜDDENKLAU,
der auch die Umwelt-Bibliothek bei der Zionskirche leitete. zurück


































Vor allem "innerhalb" evangelischen Gemeinden d.h.:
größtenteils im Schutz, „unter dem Dach“, nicht, dass es (mit Ausnahmen, wie z.B. der ersten Gruppe, dem Berliner Gesprächskreis Homosexualität, der immer auch - anfangs sogar moralisch - eine christliche Orientierung verfolgte) deshalb eine religiöse bzw. konfessionelle, evangelische Bürgerrechtsbewegung war (wenngleich die kirchlichen Stellen dies naturgemäß wünschten und forcierten): die im Flugblatt aufgestellte Selbstbeschreibung als "christlicher Arbeitskreis" charakterisiert nicht Inhalt und Arbeit desselben, sondern wollte das als Rechtfertigung gegenüber der asylgebenden Kirche, wie als Schutzäußerung gegenüber den staatlichen Organen verstanden wissen - genau wie der, dass alle Flugblätter und Flugschriften "Nur für den innerkirchlichen Dienst-Gebrauch !" bestimmt seien, was bekanntermaßen genauso wenig deren Zweck und Gebrauchswert kennzeichnet (Zu THINIUS 1994, S. 28)! - Alle Aktionen, besonders und nicht zuletzt auch die der außerkirchlichen, setzten sich gegen gesamtgesellschaftlichen Druck und behördlichen Widerstand durch (man stelle sich dergleichen in einer katholischen Stadt Bayerns vor!). - Die Kirche aber (aus welchen unterschiedlichen, mehr oder weniger ehrenhaften – sicher insofern besonders politischen und staatsfeindlichen – Motivationen und ebenso sicher auch unter welchen innerkirchlichen Kämpfen auch immer - siehe STAPEL, Magdeburg 1999) ermöglichte, organisierte Zusammenkünfte und Aktivitäten. Die überwiegende Mehrheit war nicht-kirchlich und die Inhalte und Diskussionen entsprachen diesem Faktum: es war ein Freiraum - in dem z.B. offen über Klappensex, Pädophilie, Promiskuität, erotische Literatur usw. diskutiert werden konnte, oder die Mauer kritisiert wurde (weshalb die außerordentlich engagierte Ursula SILLGE dort nicht mehr erschien./ Zitat: Chr. PULZ) und natürlich forderte das genauso theologische Rechtfertigungen usw. - Andrerseits sind die kirchlich orientierten Bewegungen noch in einer bedeutsamen Hinsicht nicht unterzubewerten: denn die Macht der Kirche - vor allem als Moralfaktor - ist auch in der DDR immens gewesen und hat weite Teile der Bevölkerung tief beeinflusst. - Die evangelische Kirche allein (über ihren Schatten tretend) also ermöglichte in der DDR diese überfälligen und zeitgemäßen Diskussionen, die außerhalb (und so auch z.B. in der Diözese Köln) undenkbar und tabuisiert waren. Außerhalb der Kirche war jedenfalls ein kritischer Ansatz zum Patriarchat, zu Anti-Homosexualität, zum DDR-Umgang mit Anderssein, zumal sexuellen, zur allesdominierenden Familienideologie - in organisierter, also öffentlich zugänglicher Auseinandersetzung, nicht möglich. Diesen Öffnungen der Kirche (auch in ihrem eignen Überlebensinteresse) gingen solchen im Staate voran, der sich zunehmend von deren Vorreiterposition unter Druck gesetzt fühlte (nicht so durch die späteren pseudo-staatlichen Klubs!). Bezeichnend die Äußerung eines DDR-Staatsmannes gegenüber einem evangelischen Kirchenmann: "Was?! Mit denen gebt Ihr Euch ab?" (Quelle: Chr. PULZ).
Ein Aktivist, wie besonders Christian PULZ vom Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" (mit seinem damals relativ radikalen anti-patriarchalen, sexpolitischen Ansatz) musste so einen permanenten Zwei-Fronten-Kampf gleichwie einen gefährlichen Drahtseilakt vollbringen: einerseits die Kirchenseite, die immer ihre Moral (Macht !) gehütet wissen wollte („Toleranz“ und v.a. Gesellschaftskritik ja, aber bitte nur nichts Sexuelles !) und andrerseits die stur blockierende, paranoide Staatsseite... und dazwischen der bunte Haufen von eifersüchtigen, alternativen, notgeilen, akademischen, frustrierten, engagierten, hoffnungsvollen, neurotischen, panerotischen, hysterischen, profilgeilen, feigen, korrupten, poetischen, selbsthass-verstörten, pragmatischen, exzentrischen, revoluzzerhaften, unsolidarischen, kleinbürgerlichen, verträumten, verräterischen usw. Schwulen - obendrein im Clinch mit den Lesben etc. pp.
(O. Brühl, zuerst 2000)
Siehe auch: 15.2.1986)
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OPITZ zieht den (noch heute) progressiven Schluss:
"Warum sollte es nicht erlaubt sein, sexuelle Befriedigung statt so oder so vielmehr so und so zu erreichen, solche und solche? Warum sollte eine völlig freiwillige Homosexualität, die heterosexuelle Kontakte überhaupt nicht ausschließt, nicht möglich (...) sein?
Ich möchte den Text abschließen mit einem bewußt heterosexuellen Argument für Homosexualität: kann sie nicht nur dazu beitragen, eine Gesellschaft zu bereichern, sie lebendiger, farbiger zu machen? Damit meine ich nicht, dass Schwule den Stinos noch mehr als Clown herhalten sollen, ich meine das Einbringen der eigenständigen Kultur."

(a.a.O.)
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In Uwe KOLBEs (für die Szene des Prenzlauer Bergs typischer) literarischer Untergrundzeitung publizierten u.a. auch Thomas BÖHME und Ulrich ZIEGER.

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"Eine Epedemiegefahr besteht nicht! In der DDR fehlt die soziale Basis für den höchstprofitablen und verbrecherischen Rauschgifthandel. Wenn man von der Tatsache ausgeht, dass ein hoher Anteil von jungen homosexuellen Männern unter den AIDS-Kranken anzutreffen ist, stellt man sich natürlich die Frage, wie groß das AIDS-Risiko für Homosexuelle in der DDR ist. Die Situation der männlichen Homosexuellen in der kapitalistischen Gesellschaft ist nicht mit der Situation in der DDR vergleichbar. Wir leben nicht unter jenen gesellschaftlichen Bedingungen, in denen ein homosexueller Mann unter Strafandrohung erpresst werden kann, weil der berüchtigte und diskriminierende § 175 des Bürgerlichen Gesetzbuches, der Homosexualität unter Strafe stellt, bei uns längst abgeschafft wurde." - Anm.: § 175 galt zu jener Zeit in der BRD lediglich in einer schärferen Funktion, als ihn in der DDR der ähnlichbedeutende § 151 hatte (siehe 1968 und 1969, - bzw. 1988 und 1994).
"In der DDR wird kein Homosexueller zum Missbrauch von Rauschgift verleitet und dadurch rauschgiftabhängig (...). Prostitution gibt es in der DDR nicht.
Aus diesen Überlegungen sind homosexuelle Männer bei uns weder so gefährdet wie in Westeuropa und Amerika, noch stellen sie eine Gefahr für die Gesellschaft dar."

(a.a.O.)
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15.2.1986:
BRÜHLs Vermittlungsversuche zu einem internen Dialog zwischen dem "Sonntags-Club" und dem "Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe" (Christian PULZ) scheitern an den Vorbehalten des "Sonntags-Club"-'Freundeskreises' (zumal späteren "Courage"-Leitern) gegenüber "massiv staatsfeindlichen" (Zitat) nicht-staatskonformen Aktivisten, Theorien und Interessen, die man im Arbeitskreis Homosexualität befürchtete. - Aber auch dieser Club wird vor der Wende nie staatlicherseits anerkannt oder mitgetragen, sondern lediglich in staatlichen Einrichtungen (FDJ-Jugendklubs) geduldet. - Ein Dialog kam dann übrigens doch zustande: nach der Wende(siehe: 2.12.1989; siehe auch: GRAU 1990, S.53 ff.), als die Gruppierungen bald zerfielen...
(a.a.O.)

Uschi SILLGE bezeichnete die Aufforderung, ab 1983 "in der Kirche mitzuarbeiten", in ihrem Buch "Un-sichtbare Frauen, Lesben und ihre Emanzipation in der DDR" von 1991, als Zumutung. - Das ehem. SED-Mitglied Michael UNGER, früher kurze Zeit bei der HIB und seit Wende-Zeiten im "Sonntags-Club", dem er inzwischen als Geschäftsführer vorsteht:
"Die meisten aus unserem Kreis waren bewußt aus der Kirche ausgetreten und wollten mit der Kirche nichts zu tun haben. (...) Es wäre für mich eine Heuchelei gewesen, die Kirche abzulehnen und sie gleichzeitig zu nutzen, um sich versammeln zu können."
(UHLEMANN, 2003, S.47, bzw.: UNGER, "Sonntags-Club 1998", S.7)
Das ist unrichtig. Diese Gruppen können keine Berliner oder Leipziger Gruppen gewesen sein, denn dort (besonders in der Treptower Plesserstraße) fand dergleichen nicht statt. Auch dort arbeiteten viele "bewußt" aus der Kirche Ausgetretene; auch die Ideologie der Kirche wurde immer wieder in den Programmen kritisiert. - Auf Nachfragen meinerseits (insbesondere am 22. Februar 2003 während einer entsprechenden Veranstaltung zur Geschichte der HIB im "Schwulen Museum Berlin", wo u.a. auch UNGER anwesend war) konnte sich niemand erinnern, dass je "gebetet" oder "für kirchliche Anliegen geworben" worden sei. - (siehe auch Anm.: "innerhalb" der Kirchen).
Fakt bleibt jedenfalls: so ziemlich jeder kochte sein Süppchen auf kleinem Feuer vor sich hin (die einen im Dom, die anderen freier und evtl. "radikaler" in den Gemeindehäusern oder Privatwohnungen, manche in FDJ-Klubhäusern, jene in akademischen Institutionen oder staatlichen Eheberatungsstellen. Unbeschwertheit kam kaum auf. Es war eine traurige Szene, auch auf dem II. Workshop "Psychosoziale Aspekte der Homosexualität" in Karl-Marx-Stadt 1988 etwa (deren z.T. "weggeschlossene" Vortragstexte von einigen Rednern, wie z.B. Eduard STAPEL, nachträglich als Kopie verteilt werden mussten oder erst Jahre später in Zeitschriften publiziert wurden). - Und um im Bilde zu bleiben: zu einem großen Gastmahl der sog. Schwulenbewegung der DDR kam es jedenfalls nie. - (O. BRÜHL, 15.1.2004)
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Darin sagt Prof. WERNER u.a.:
"Wir müssen (...) die gesellschaftlichen Bewertungsmaßstäbe verändern. Das ist die Aufgabe der Wissenschaft. Es dass sich eine soziale Kommunikation vollziehen. Ich bin prinzipiell gegen Isolation; von den sogenannten Homoclubs halte ich nichts. Das schafft eigentümliche Moralauffassungen."
(a.a.O.)
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Toleranz und Wissen werden allerdings von diesem Buch herausgefordert, Martin DANNECKER (Frankfurt/M) schreibt in seiner Besprechung, die als Kopie vom Arbeitskreis in Berlin verteilt wird, u.a.:
"Streckenweise hat man den Eindruck, einem homosexualitätsfeindlichen Text eines Psychiaters aus den Anfängen dieses Jahrhunderts vor sich zu haben. (...) Wo einen forensisch tätigen Psychologen ein so hohes Maß an Zivilcourage abverlangt wird, wenn er eine Monographie über Homosexualität schreibt, können die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Homosexuelle leben, nicht günstig sein."
Der Kern von DANNECKERs Kritik an WERNERs Buch hat m.E. (O.B.) auch darüber hinaus - in der BRD Anfang des 21. Jahrhunderts - an Aktualität und Brisanz nichts eingebüßt:
"Es entspricht exakt den von FOUCAULT kritisch analysierten gesellschaftlichen Mechanismen: Abbau der Berührungsängste und der Repression und Subsumtion der Homosexuellen unter die Macht. Macht heißt in diesem Zusammenhang heterosexuelle Norm, die nicht nur als gültig, was sie wohl ist, sondern als wahr und vernünftig unterstellt wird. Im kleinen soll eine Familiarisierung der Homosexualität, im Großen ihre gesellschaftliche Integration erreicht werden. (...) Wird im Prozess der Integration den Homosexuellen alles abgemarktet, was an ihnen anders ist, läuft das auf eine Enthomosexualisierung der Homosexualität hinaus." Siehe: 4.12.2002.
In: Zeitschrift für Sexualforschung, Jg.1, Heft 3, September 1988, S.278-280.
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Die Argumentation, mit der das Oberste Gericht die Aufhebung begründete führt weiterhin aus:
"2. Unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes eines normal entwickelten Jugendlichen, spätestens (sic ! O.B.) aber im Alter zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr, kann festgestellt werden, dass homosexuelle Handlungen Erwachsener mit diesem Personenkreis im allgemeinen nicht zu Fehlentwicklungen führen müssen und keine wesentlich anderen Folgen bewirken als homosexuelles Verhalten zwischen Jugendlichen oder heterosexuellen Beziehungen zwischen einem Erwachsenen und einem Jugendlichen."
(a.a.O.)
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"Eine Statistik zeigt, dass Empfehlungen des Generalstaatsanwalts und das Grundsatzurteil des Obersten Gerichts allein noch nicht genügt hatten: Zwischen Beschluss und Inkrafttreten der Streichung des § 151, also zwischen dem 14.12.1988 und dem 30.06.1989, wurden auf seiner Grundlage noch vier Männer rechtskräftig verurteilt."
Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V. 1990, S.160 (dort: Datum 18.12.1988 falsch, siehe Datenliste: J. Müller Bonn/Berlin 2000)
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Niveau § 149 StGB der DDR:
(1) Ein Erwachsener, der einen Jugendlichen zwischen vierzehn und sechzehn Jahren unter Ausnutzung der moralischen Unreife durch Geschenke, Versprechen und Vorteilen oder in ähnlicher Weise dazu mißbraucht, mit ihm Geschlechtsverkehr auszuüben oder geschlechtsverkehrsähnliche Handlungen vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft.
(2) Die Strafverfolgung verjährt in zwei Jahren.

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(Das Niveau des "Code Napoléon" von 1810, der Homosexualität infolge der liberalisierenden Beschlüsse der Französischen Revolution juristisch ignoriert, ist wieder erreicht - somit beinahe auch, was das Staatswesen in einigen deutschen Ländern betrifft, dank des bonapartistischen Rechtsgelehrten FEUERBACH: die Straffreiheit für Homosexualität jeglicher Art im Königreich Bayern 1813-1871. So konnte Karl Heinrich ULLRICHS von Bayern als von einer "Freistatt für Unrninge" sprechen - Freilich ließen die Polizei-Gesetze noch immer genügend Hintertüren für die Unterdrückung der Homosexualität offen, z.B. "Erregung öffentlichen Ärgernisses" usw. - Die Vereinigung Deutschlands 1871 drehte diese juristischen Fortschritte zurück und setzte preußisches als Reichsgesetz: damit war der § 175 in Deutschland eingeführt worden, dessen verhängnisvolle Geschichte im anderen Teil Deutschlands erst 1994 endet.)




























Im I. Halbjahr 1979 ist das erste von den 33 Interviews geführt worden (LEMKE hatte den US-Bürger John BORNEMAN erst `86 kennen gelernt). - Ein "Aktivist" in der DDR-Schwulenszene wurde er erst durch diese Arbeit am Buch, besonders durch die Lesungen in Konfrontation mit unterschiedlichen Hörerschaften (z.B. seinen Studenten und Kollegen) : ein Coming out zum öffentlich sich bekennenden Schwulen, der links ist und sich engagiert. - Voraussetzung war der enorme Erfolg des Bandes "Guten Morgen, Du Schöne" von Maxi WANDER (Buchverlag Der Morgen, Berlin, 1977), in dem 19 DDR-Frauen in Gesprächsprotokollen ihre unterschiedlichsten und nicht grade nur glücklichen Lebenserfahrungen (es ist dort erstmals auch von Homosexualität innerhalb der sozialistischen Realität die Rede) im patriarchal-existierenden Sozialismus schildern .
(Archiv + Aussage LEMKE, 2000)

Denis M. SWEET merkt 1998 in seiner Betrachtung der Publikation an:
"(...) 'Ihr Leben (- das der Schwulen. OB.) ist wie das Leben eines jeden in diesem Lande der DDR' (...), schrieb die Ostberliner Soziologin Irene RUNGE in ihrem Vorwort. Das ist es eben. Da kommt in diesem Buch nichts vor, was Anstoß erregen könnte, weil nichts da ist, was unbekannt oder gar fremd oder den vorherrschenden Moralbegriffen unzumutbar wäre: da ist nicht viel über Sex zu lesen, abartig oder sonst, keine Sehnsüchte kommen zum Ausdruck außer denjenigen nach Liebe und trauter Zweisamkeit.(...)"
(a.a.O., S 104-106)

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Siehe auch: Uraufführung des Stückes 1990




























Ich war in der Premiere und meinte für das ZDF anschließend, dass "alle" ein Coming out bräuchten, "alle Männer, alle Frauen, vor allem die Familien und die ganze Gesellschaft" - an Bewegung erlebte ich dann aber v.a. die von Ost nach West und allenfalls eine einfache emotionale Bewegung derer, die den Film gesehen hatten - aber von Reaktionen "ähnlich denen, nach dem DANNECKER-& PRAUNHEIM-Film", wie ich später einmal las, kann leider nicht die Rede sein.
Indessen Regisseur Heiner CAROW die Premiere seines Spielfilms so gut wie allein feierte, da die Gäste der beiden ausverkauften Erstvorstellungen durch die Maueröffnungen nach Westberlin strömten. (O.Brühl)
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Das auf die Grundsatzpapiere des Berliner Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe "Schwule in der Kirche" (Ulli ZIEGER `83, Christian PULZ `89) - unter Mitarbeit von PULZ - zurück greift.
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Der Film ist dem Schriftsteller Mario WIRZ gewidmet
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Mit der Familie als »kleinster Zelle« ist wohl kein kommunistischer Staat zu machen, auch kein vorläufig sozialistischer. Bereits in den Dekreten über Eheschließung und Scheidung vom Dezember 1917 hatten die Sowjets mit dem Sexualstrafrecht (außer bei Vergewaltigung) konsequent die traditionellen Modelle von zwangsmonogamer Ehe und bürgerlicher Familie abgeschafft.
War das – nach Nazireich und Krieg – von der deutschen Arbeiterklasse in ihrer »führenden Rolle« vergessen worden? War sie etwa durch die Nazimoral marschiert wie weiland die Kinder Israel durchs Rote Meer? War Friedrich ENGELS Buch »Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« unbekannt? Las niemand mehr Alexandra KOLLONTAI, Rosa LUXEMBURG, Clara ZETKIN? Waren Richard LINSERT, Wilhelm KOENEN und Felix HALLE verdrängt?
(O.B., 2006)

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Dank sei den ersten Aktivisten der neueren DDR-Schwulenbewegung: Michael EGGERT und Peter RAUSCH, die mir in Gesprächen und mit ihren privaten Archiven hilfreich beisprangen, Christian PULZ, der mir seine Unterlagen kopiert übergab. Für aufschlußreiche Treffen danke ich Uschi SILLGE, Erhard GÜNZLER, sowie Peter BIRMELE und Volker GASSER. Ich danke dem Schauspieler Joachim STARGARD, in dessen perfektem Privatarchiv sich die Daten zu Film- und Theaterpremieren nachprüfen ließen (bis hin zu Ekkehard SCHALLs Theaterzettel). Ich danke dem Berliner Historiker Joachim MÜLLER, der mir seine Daten-Liste über die schwulenpolitischen Aktionen zu Beginn der 90er Jahre im Kampf gegen den § 175 (»Ein Paragraph stirbt langsam - und nicht von allein«, 1995, unveröffentlichtes Manuskript) zur Verfügung stellte.
Für informative Mitarbeit danke ich Michael FOITZIK, Lars JOLIG, Wolfgang RÜDDENKLAU, Ralf LIMBECKER, Michael SOLLORZ, Mirko ADAM, Kai WERNER, Bernd TISCHER, Jürgen LEMKE, Günther DROMMER, Michael UNGER, Lothar DÖNITZ, Rainer HERRN, Bert THINIUS, Klaus LAABS und Eike STEDEFELDT.
Besonderer Dank gebührt Wolfram SETZ.
Dank auch an Karl-Heinz STEINLE, der anläßlich des 30. Gründungstags der HIB, der »Homosexuellen Initiative Berlin«, einen Diskussionsabend im Schwulen Museum Berlin ermöglichte. Nicht zuletzt danke ich Günter GRAU, der mir Einblick in seine Arbeits-Manuskripte gewährte und meinen Essay »Schwulsein 2000: Arschficker oder Arschkriecher?« als Nachlese zu dem Göttinger Treffen von 1999 in den Dokumentations-Band Schwulsein 2000 (Hamburg 2001 bei MännerschwarmSkript) aufnahm.

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Der Film ist Christian PULZ gewidmet.
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StGB 1 § 182. Sexueller Missbrauch von Jugendlichen.
- (1) Eine Person über achtzehn Jahre, die eine Person unter sechzehn Jahren dadurch Missbraucht, dass sie
- 1. unter Ausnutzung einer Zwangslage oder gegen Entgelt sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich vornehmen läßt oder
- 2. diese unter Ausnutzung eine Zwangslage dazu bestimmt, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
- (2) Eine Person über einundzwanzig Jahre, die eine Person unter sechzehn Jahren dadurch Missbraucht, dass sie
- 1. sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich vornehmen läßt oder
- 2. diese dazu bestimmt, sexuelle Handlungen an einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen,
und dabei die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
- (3) In den Fällen des Absatzes 2 wird die Tat nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, dass die Strafverfolgungsbehörde wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält.
- (4) In den Fällen der Absätze 1 und 2 kann das Gericht von Strafe nach diesen Vorschriften absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens der Person, gegen die sich die Tat richtet, das Unrecht der Tat gering ist.

Siehe auch: StGB der DDR § 151 von 1968,
der am 14.Dezember 1988 ersatzlos gestrichen wurde.

Siehe auch unter: 11. August 1987
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Großes Bundesverdienstkreuz fürs „Wegspritzen“ von Homosexualität

Bis fast in die 80er Jahre haben namhafte westdeutsche Neurologen versucht Homosexuelle und „Triebtäter“ mittels verstümmelnder chirurgischer Eingriffe am Gehirn von ihrem „fehlgeleiteten Trieb“ zu „heilen“.
Was diese Operationen mit den Experimenten zu tun haben, für die der Hormonforscher Günter DÖRNER am 4. Oktober 2002 abseits der Öffentlichkeit das Große Bundesverdienstkreuz aus den Händen von Bundespräsident Johannes RAU erhielt und warum der bei dieser Gelegenheit ebenfalls prämierte Schwulenpolitiker Volker BECK zu alldem schweigt, erläutert Dirk RUDER.
RUDER ist Redakteur der sexualpolitischen Zeitschrift „Gigi“ und Sprecher des „wissenschaftlich-humanitären komitees“ (whk) im Rheinland.

Durch eine Pressemitteilung der AG Schwulenpolitik des whk wurde Mitte Dezember einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass dem Berliner Hormonforscher Professor Günter Dörner bereits am 4. Oktober 2002 das Große Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Johannes Rau verliehen worden ist. Das whk rief daraufhin dazu auf, sowohl beim Bundespräsidenten als auch bei dem ebenfalls zuständigen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, gegen diese Auszeichnung zu protestieren. Warum?

In der recht knappen Begründung des Bundespräsidialamtes für die Auszeichnung heißt es, mit dem von Dörner entwickelten neuen wissenschaftlichen Feld der „funktionellen Teratologie“ habe der Charité-Emeritus dem von ihm zwischen 1962 und 1997 geleiteten Institut für Experimentelle Endokrinologie der Charité schon zu Zeiten der DDR nationales und internationales Profil verliehen. Dörners – aus Rattenexperimenten abgeleiteten – Erkenntnisse gipfeln, kurz gesagt, in der These, dass Stress während der Schwangerschaft im Mutterleib hormonell bedingte Missbildungen im Gehirn des sich ausdifferenzierenden Embryos hervorruft. Und zwar in einer als „Sex-Behaviour-Center“ bezeichneten Hirnregion, deren „Missbildung“ nach Dörners Meinung später Homosexualität und anderes abweichendes Sexualverhalten verursacht – beim Menschen. Die Richtung solcher rassepolitischen Experimente ist klar: Wer mittels geeigneter Hormongaben Homosexualität schon im Mutterleib verhindern kann, leistet der Volksgesundheit einen entscheidenden Dienst. Für diesen ist der Sozialeugeniker Dörner nun explizit ausgezeichnet worden.

Ist das der Grund für die zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit der Beteiligten? Es gibt doch wohl kaum einen Grund, die Verleihung eines Großen Bundesverdienstkreuzes geheimzuhalten…

Naja, wie man’s nimmt. „Großes Bundesverdienstkreuz“ – das ist spätestens seit Bernt Engelmanns gleichnamigen Roman aus den 70er Jahren ein Synonym für die Reinwaschung von NS-Tätern und -Profiteuren in der Nachkriegs-Bundesrepublik. Insofern ist diese Auszeichnung, zumindest wenn sie in den höheren Stufen vergeben wird, durchaus belastet. Im Fall Dörner hat die bundesrepublikanische „Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung“ dem damaligen DDR-Wissenschaftler schon vor zwanzig Jahren vorgeworfen, der „Internationalist besonderer Prägung“ wolle durch seine Forschung „Homosexuelles wegspritzen“. Dörner hat im Gegenzug stets versucht, seine Kritiker mundtot zu machen. Unter Sexualwissenschaftlern sorgen Dörners Forschungen bis heute für Unruhe, der Charité war die Auszeichnung Dörners wohl nicht zuletzt deshalb sichtlich peinlich. Immerhin wartete man dort erst einmal sechs Wochen, bis die Verleihung zwar pflichtgemäß aber eher unauffällig mitgeteilt wurde. Aus Sicht der Charité ist das vielleicht auch aus einem ganz anderen Grund verständlich, denn das CDU-Mitglied Dörner kümmerte sich nach 1989 an entscheidender Stelle um die „Neustrukturierung“ der ostdeutschen Universitäten. Allein an der Charité wirkte er in einer Struktur- und Berufungskommission mit, die zur Neubesetzung etwa der Hälfte aller Lehrstühle geführt hat. Ein im Sinne der Herrschenden verdienter Mann also. In der lesbisch-schwulen Szene – ich scheue mich, hier noch von einer Bewegung zu sprechen – hat die skandalöse Würdigung übrigens kein nennenswertes Echo hervorgerufen. In den Medien der Szene war das kein Thema, ein Indiz für eine fortgeschrittene Entpolitisierung.

Haben Dörners umstrittene Thesen zum „Wegspritzen“ von Homosexualität in der wissenschaftlichen Welt außerhalb der DDR überhaupt größeren Beachtung gefunden?

Ja selbstverständlich! Dörners Forschungsarbeiten lieferten in den 60er und vor allem in den 70er Jahren im Westen die entscheidende Begründung für verstümmelnde Hirnoperationen an homosexuellen und allerlei anderen „sexuell devianten“ Menschen, mittels derer der „fehlgeleitete Trieb“ umgeleitet – also irgendwie „heterosexualisiert“ – oder gänzlich abgetötet werden sollte. Allein im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, das bis heute emsig an der Behebung aller möglichen nicht-heterosexuellen Störungen herumdoktert, wurden zwischen 1973 und 1976 etwa zwei Dutzend solcher Operationen durchgeführt. Ihre daraus gewonnen Erkenntnisse feierten die Operateure selbst– immer mit explizitem Bezug auf Dörners Arbeiten – noch Mitte der 70er Jahre in Publikationen, die etwa vom hessischen Justizministerium in einer Reihe zur kriminologischen Grundlagenforschung herausgegeben wurden. Man dass in diesem Zusammenhang den Namen des Kasseler Kriminologen Gustav Nass nennen, der seine Beiträge gern mit dem Tenor versah, die praktisch durchgeführten Operationen hätten Dörners Vermutungen bestätigt, nun müsse man zwangsläufig auch über eine Verschärfung des Sexualstrafrechts nachdenken. Logisch ist das kaum, aber repressiv. Aus anderen Berichten, etwa denen Prof. Fritz D. Roeders aus Göttingen, geht hervor, dass die Patienten, von denen viele verurteilte Straftäter waren, den Eingriffen oft nur nach Androhung von Kastration oder Sicherheitsverwahrung zustimmten. Von einer „Freiwilligkeit“ der Eingriffe, die die beteiligten Operateure immer wieder betonen, kann hier also keine Rede sein. Die beteiligten Wissenschaftler nutzten vielmehr die Zwangslage der meisten Patienten aus, denn wer lässt sich schon ohne große Not am Gehirn herumschnippeln? Man versprach den Patienten eine raschere Freilassung, wenn sie dem Eingriff zustimmen. Das war im Sinne der Operateure, die beobachten wollten, welche Auswirkungen ihre Eingriffe auf das sexuelle Verhalten des Patienten hatten. Welches Ausmaß diese Eingriffe zahlenmäßig in der Bundesrepublik hatten, und ob sie vielleicht auch in der DDR vorgenommen wurden, ist bis heute völlig unbekannt. Die westdeutschen Ärzte jedenfalls wollen seinerzeit mit Ihrer Methode sogar die „Heilung“ von Homosexuellen bewirkt haben – eine absurde Behauptung, aber damals war unter Neurologen ausgemachte Sache, dass eben nicht nur im Gehirn Ulrike Meinhofs so eine Art „Terror-Behaviour-Center“ existieren müsse, sondern dass auch in den Gehirnen weiterer irgendwie auffälliger Gruppen etwas nicht stimmt. Mit dem Unterschied, dass beispielsweise der Eppendorfer Prof. Dieter Müller beim aus, wie es dort heißt, „Pädophilen, Notzuchttätern, Exhibitionisten und Hypersexuellen“ bestehenden „Hamburger Patientengut“ tatsächlich fündig wurde – Dank der Hilfe Günter Dörners.

Das whk kritisiert in einer Erklärung den Schwulenaktivisten und jetzigen Parlamentarischen Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, der auf der gleichen Veranstaltung ebenfalls ein Bundesverdienstkreuz verliehen wurde – allerdings zwei Stufen tiefer. In den Augen der Öffentlichkeit hat gerade er sich doch sehr verdient um die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben gemacht…

Das ist durchaus eine Frage der Interpretation. Von weiten Teilen der Homo-Szene werden die Verdienste Becks immer weniger günstig beurteilt – nicht zuletzt seit dem ausgerechnet im Wahlkampf offenbar gewordenen Skandal um die von Rot-Grün geplante Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die Becks durch dubiose Finanzmachenschaften insolventen „Lesben- und Schwulenverband“ (LSVD) in Nordrhein-Westfalen einen warmen Geldsegen bis zum Sankt Nimmerleinstag sichern sollte – übrigens auf Kosten von schwulen NS-Opfern, die dafür leer ausgingen. Hier ist von den beteiligten Politikern verdammt viel und verdammt dreist gelogen worden und die grüne Bundestagsfraktion sah sich nach der Wahl genötigt, ihren derart angezählten Parade-Homo aus der Schusslinie zu nehmen, um sicherzustellen, dass er von Homo-Angelegenheiten im Parlament künftig seine unsauberen Finger lässt. Die zunehmend bissigen Kommentare der ihm jahrelang quasi in Vasallentreue ergebenen kommerziellen lesbisch-schwulen Szenepresse sprechen auch eine deutliche Sprache. Beck, dem schon in den 80er Jahren die westdeutsche Friedensbewegung zu langweilig wurde, erhielt sein Bundesverdienstkreuz am 4. Oktober ja gerade auch für sein bürgerrechtliches Engagement. Als homosexuellen Aktivisten war und ist ihm Dörners Arbeit selbstverständlich seit langem bekannt, denn die Schwulenbewegung hat zu Recht immer wieder heftig gegen den dort als „Ratten-Dörner“ bekannten Wissenschaftler polemisiert. Dass Beck aber ausgerechnet in dem Moment, wo er selber ein heiß ersehntes Blechding vom Bundespräsidenten bekommt, zu einem ausgemachten Skandal schweigt, lässt annehmen, dass dieser Mann nicht eben arm ist an Minderwertigkeitskomplexen.

Sieht das whk in der Ehrung Dörners eine Kontinuität der NS-Ideologie, die sich auch zum Ziel gesetzt hatte, mit „medizinischen“ Versuchen und Experimenten gegen „abnormes Sexualverhalten verschiedener Art“ vorzugehen?

Man darf hier bitte nichts vermischen. Die zwischen 1933 und 1945 in den KZs unternommenen Experimente waren so angelegt, dass die Patienten sie nicht überleben sollten. Der SS-Arzt Carl Vaernet hat Mitte der 40er Jahre im KZ Buchenwald solche Experimente mit sogenannten künstlichen Hormondrüsen durchgeführt, man war, zynisch genug, auf der Suche nach einer „Alternative“ zur Kastration. Den Operateuren in Hamburg-Eppendorf und anderswo ging oder geht es zwar ebenfalls darum, den unglücklichen Trieb auszuschalten, aber der Erfolg lässt sich eben nur nachweisen, wenn der Patient dabei überlebt. Ziel dieser Eingriffe ist es weniger, seelische oder soziale Krüppel erzeugen, sondern Menschen, die weiterhin ökonomisch verwertbar bleiben. Menschen also, die danach ganz unauffällig leben, d.h. möglichst in heterosexueller Ehe, wenn auch um den Preis eines komplett ausgelöschten (homo-)sexuellen Verlangens. Das passt übrigens haargenau auf Strategien, die derzeit zum Umgang mit Sexualstraftätern diskutiert werden. Es ist eben billiger, Exhibitionisten und Pädophile – oder das, was die Legislative zu solchen erklärt – zu asexuellen Wesen umzuoperieren, als sie lebenslang wegsperren. Und genau daran arbeiten diese Operateure seit mehr als dreißig Jahren abseits der Öffentlichkeit. Dörner arbeitet hingegen daran, dass solche Operationen erst gar nicht mehr notwendig werden, weil – wie es Günter Amendt einmal so treffend formulierte – eine pränatale „Regelanfrage im Mutterleib“, von vorneherein verhindern soll, dass so etwas überhaupt auf die Welt kommt. Wenn solcherlei Forschung nun unter einer rot-grünen Regierung auch noch für auszeichnungswürdig gehalten wird, hat das eine beängstigende und neue Qualität.

Das klingt vielleicht einigen ein wenig zu hysterisch…

Wir neigen beim whk nicht zu Verfolgungswahn. Aber diese hohe nationale Auszeichnung muss natürlich im Zusammenhang gesehen werden, beispielsweise mit der massiven Verschärfung des Sexualstrafrechts auf nationaler und europäischer Ebene, über die auch in der Homoszene niemand sprechen will. Die meisten Gruppen sind völlig ahnungslos, was da in den nächsten Jahren noch auf sie zukommen wird, nämlich eine verstärkte Kriminalisierung unangepasster Sexualitäten, insbesondere dann, wenn sie außerhalb des eigenen Schlafzimmers stattfinden und mehrere Partner umfassen. Man sehe sich nur einmal an, was die Bundesregierung im Zusammenhang mit der Ausweitung der DNA-Analyse plant: Alle Straftaten mit irgendeinem „sexuellen Hintergrund“ sollen da künftig in den Dateien des Bundeskriminalamts gespeichert werden. Ein solcher sexuelle Hintergrund lässt sich, wenn man will, immer konstruieren, wo Männer sich oder wo Männer und Frauen sich begegnen. Ich will damit keinesfalls sexuelle Gewalt verharmlosen, aber die Vorboten dessen, was da als deren Bekämpfung ausgegeben wird, sind schon jetzt erfahrbar, etwa die verstärkten Polizeiaktionen und Razzien schwuler Sextreffs, die das whk und die Zeitschrift Gigi seit zwei Jahren festgestellt und dokumentiert haben, oder die pausenlose Überwachung schwuler Internetseiten und chatrooms durch das BKA, die beim Rotenburger Kannibalen-Falls wieder einmal offenbar wurde.

Schon in der DDR hat es ja Kritik an Dörner von Seiten der Schwulenbewegung oder von Sexualwissenschaftlern gegeben. War diese zu leise?

Das müsste man deren Aktivisten fragen, von denen allerdings einige sich heute ausgerechnet beim – noch in der DDR gegründeten – „Lesben- und Schwulenverband“ Volker Becks prostituieren. Der Medizinhistoriker Günter GRAU, der zu DDR-Zeiten in einer Interdisziplinären Arbeitsgruppe "Homosexualität" (IAH) an der Humboldt-Universität arbeitete, reagierte Ende Dezember mit einem – sehr moderaten – Offenen Brief an Bundespräsident Johannes Rau, den das whk gleichwohl unterstützte.
Es fällt allerdings auf, wie viele prominente Namen aus der schwulen Bürgerrechtsriege, die sonst bereitwillig jeden grünen Wahlaufruf absegnet, unter diesem Brief fehlen. Das ist keine Weigerung dieser Leute – das ist deren Konsequenz. Die wollen sich oben nicht unbeliebt machen.

Was werden das whk und andere sexual-emanzatorischen Gruppen denn nun tun, um zumindest noch im Nachhinein gegen die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes zu protestieren?

Zunächst einmal ist der Bundespräsident bei ordensrechtlichen Entscheidungen niemandem Rechenschaft verpflichtet, sondern er hat diese ausschließlich vor sich selbst zu verantworten. Er stützt sich dabei jedoch auf die Empfehlungen der Ministerpräsidenten der Länder, in diesem Falle des angeblich schwulen Regierungschefs des Bundeslandes Berlin Klaus Wowereit. Da kaum anzunehmen ist, dass Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz von Dörner wieder zurück verlangen wird und Volker Beck seines kaum aus Protest nachträglich zurückgibt, dürfte es das gewesen sein. Vor zehn Jahren hätte es in dieser Situation noch eine massive Mobilisierung von Schwulen- und Lesebengruppen gegeben, aber die Zeiten sind vorbei, seitdem die meisten Homo-Projekte an staatlichen Töpfen hängen und deshalb unter einer Maulsperre leiden. Man will eben nicht der nächste sein, dem bei knappen Kassen die Mittel flöten gehen – wie naiv! Unter anderen Bedingungen hätte das whk gern zu diesem ganzen Themenkomplex eine parlamentarische Anfrage in den Bundestag lanciert, aber seit dem PDS-Wahldesaster und dem damit verbundenen Ausscheiden der parteilosen homopolitischen Sprecherin Christina Schenk aus dem Parlament gibt es für uns dort keinen Ansprechpartner mehr, der das Thema kompetent bearbeiten könnte. Und von den PDS-Homos ist, außer einer dürren Pressemitteilung, in dieser Frage wohl auch wieder einmal nicht viel zu erwarten, denn die Damen und Herren von der AG Queer der PDS haben gerade in Berlin ihre Verlobung mit den Schwusos von der SPD bekannt gegeben. Viel Spaß im Bett kann man da nur sagen. Aber im ernst: Als whk interessierte uns nicht zuletzt, wer eigentlich Dörner – und im übrigen auch Beck – für die höchste deutsche Auszeichnung vorgeschlagen hat. Aber dazu erteilt das Bundespräsidialamt einer interessierten Öffentlichkeit keinerlei Auskünfte.

Interview: Emanuel NAHRSTEDT

oldenburg.gay-web.de/roz/archiv/magazin84-02.html

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Nachhall

"...Damit zusammenwächst, was zusammen gehört..."
Helmut KOHL

4. 10. 2002

Gemeinsam mit dem berüchtigten DDR-Endokrinologen und -Nationalpreisträgers Prof. Günter DÖRNER ("siehe oben") empfängt Volker BECK (Die Grünen/LSVD "Homo-Ehe"), und obwohl er Bundestagsabgeordneter ist, das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des Bundespräsidenten Johannes RAU: v.a. für die Durchsetzung einer Entschädigung ehem. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter der NS-Zeit. - (In den Jahren zuvor erhielten das Kreuz bereits Bundesanwalt i.R. Manfred BRUHNS und Eduard STAPEL, beide ebenfalls LSVD/Die Grünen). - Volker BECK wird später von sich lediglich behaupten, dass er
von der synchronen Verleihung an Prof. DÖRNER
"nichts gewußt" habe - und die Auszeichnung behalten.

Zum chronologischen Abschluss hier ein Kommentar dieses Ereignisses
von Elmar KRAUSHAAR - taz Nr. 7075 vom 11.6.2003 - Seite 20:

"Auf seine Weise verhöhnt hat der homophile Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, seine schwule Klasse, für die er so gern den Alleinvertretungsanspruch behauptet. Anlässlich einer Ordensverleihung. Am 4.Oktober vergangenen Jahres erhielt Beck im Berliner Schloß Bellevue aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau das Verdienstkreuz. Zu Recht, kommentierte damals bissig eine »AG Schwulenpolitik«, schließlich habe »sich Beck um die Anpassung der Schwulen und Lesben und ihrer politischen Bewegungen an eine konservativ strukturierte Gesellschaft und ihre bestmögliche Unterordnung unter heterosexuelle Spielregeln verdient gemacht.«
Mit Beck stand an diesem Tag vor dem großen Rau der Hormonforscher und einstige Charité-Professor Günter Dörner, auch »Ratten-Dörner« genannt. Der bekam das »Große Verdienstkreuz des Verdienstordens«, denn sein Verdienst war es gewesen, nach ausgiebigen Versuchen mit Ratten eine weitere Theorie zur Entstehung von Homosexualität beigesteuert zu haben. Stress im Mutterleib führe dazu, so das Ergebnis der Dörner-Forschungen, und entsprechende Hormonbehandlungen könne Frauen davor schützen, homosexuelle Kinder auf die Welt zu bringen, so die Folgerung.
Was für ein historischer Moment: Dörner und Beck, der ausgewiesene Homo-Feind und der so apostrophierte Homo-Freund, gemeinsam vor Rau, von Insidern auch liebevoll »Johanna« genannt. Schwule haben tatsächlich Schwierigkeiten mit der Ehre und den Preisen, entweder sie kriegen erst gar keine, weder das eine noch das andere. Oder sie können nicht Nein sagen dazu, auch wenn sie unbedingt ablehnen müssten."

www.taz.de/pt/2003/06/11/a0159.nf/text (Elmar KRAUSHAAR)

Siehe:
(www.volkerbeck.de/pe/021004vk.htm)
www.whk.de/Mitteilungen23.htm + www.whk.de/whk1602.htm
http://www.hirschfeld.in-berlin.de/aktuell/bundespraesident_doerner.html






































MARTIN DANNECKER / REIMUT REICHE

DIE KOLLEKTIV VORHERRSCHENDE INTEGRATIONSFORM DER
TRIEBE UND OBJEKTBEZIEHUNGEN

Für die kollektiv vorherrschende Integrationsform der Triebe und Objektbeziehungen, die in unserer Kultur als "normale Heterosexualität" bezeichnet wird, ist die Verdrängung der homosexuellen Strebungen konstitutiv und, als Konsequenz daraus, die unbewußte Angst vor der Homosexualität. Die kulturell vorherrschende Form der Heterosexualität ist notwendig pathologisch. Zu dieser Pathologie gehört u.a. eine gewaltsame Überzeichnung der biologischen Geschlechter-Rollen; gehört eine kulturell ausgestanzte Hypertrophie des genital-sexuellen Bereichs und eine entsprechende gesellschaftlich produzierte Verkümmerung der übrigen, biologisch angelegten erogenen Zonen; gehört eine latent homosexuell gefärbte Identifizierung der Männer untereinander. Diese Identifizierung nimmt als Gefühl und Bewußtsein der Überlegenheit des Mannes über die Frau soziale Gestalt an, schlägt sich in allen Poren ökonomischer und sozialer Herrschaft nieder und befestigt diese. Alle diese "Pathologien" sind konstitutuv für das, was normale heterosexuelle Anpassung heißt. Weil nur die jeweils individuelle Unterordnung unter die herrschende kulturelle Sexualmoral einer geschichtlichen Entwicklungsepoche als "normal" bezeichnet wird, fällt es so schwer, die kollektive Pathologie herauszuarbeiten, in der jede individuelle Normalität gebrochen ist
(...)

SIGMUND FREUD hat in seiner Religionskritik die individuelle Zwangsneurose als pathologisches Gegenstück zur kollektiven Religionsbildung dargestellt und "die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose"1 bezeichnet. Die kollektiv-neurotischen Bildungen sind für die von ihnen Betroffenen ebenso "sinnvoll" wie die individuell-neurotischen Symptome für das betreffende Individuum : "Der Schutz gegen neurotische Erkrankung, den die Religion ihren Gläubigen gewährt, erklärt sich leicht daraus, daß sie ihnen den Elternkomplex abnimmt, an dem das Schuldbewußtsein des einzelnen wie der gesamten Menschheit hängt, und ihn für sie erledigt, während der Ungläubige mit dieser Aufgabe allein fertig werden muß."2 An anderer Stelle schreibt FREUD : "Es stimmt auch gut dazu, daß der Frommgläubige in hohem Grade gegen die Gefahr gewisser neurotischer Erkrankungen geschützt ist; die Annahme der allgemeinen Neurose überhebt ihn der Aufgabe, eine persönliche Neurose auszubilden."3 FREUDS Religionskritik ist u.E. ein Kernstück für jede materialistische Psychologie; in ihr ist, gewissermaßen in Keimform, die "andere" psychologische Seite der Ideologiekritik angelegt, deren ökonomische Seite - aus den Produktionsverhältnissen hergeleitete Bestimmung der Ideologie als "notwendig falsches Bewußtsein" - von KARL MARX in der Kritik der politischen Ökonomie herausgearbeitet wurde.

Ideologien könnte man in diesem Sinn als säkularisierte Religionen bezeichnen - Liberalismus des Bürgertums, Antisemitismus des Kleinbürgertums, Ausländerhaß des Proletariats usw. Die Funktion der Ideologie ist es, nach Bewußtsein und Veränderung drängende Bedürfnisse zurückzubiegen und einem "vorbewußten" revolutionären Interesse einen reaktionären Ausdruck zu verleihen. Psychologisch gesprochen sorgt die Ideologie für einen dynamischen Ausgleich zwischen einem Bedürfnis und dem gegen dieses Bedürfnis stehenden gesellschaftlichen Herrschaftsinteresse - auf Kosten des Bedürfnisses. Die Ideologiebildung ist darin dem Mechanismus der Neurosenbildung sehr ähnlich, und zwar nicht nur strukturell, sondern auch im engeren Sinn triebdynamisch ähnlich. Das individuelle neurotische Symptom sorgt für einen dynamischen Ausgleich zwischen Verdrängtem und zu Verdrängendem, bzw. zwischen Trieb und Moral (gesellschaftlich herrschendem Realitätsprinzip) - auf Kosten des Triebs. Wie das neurotische Symptom seinem Träger auf Umwegen, im Ausagieren der Symtomhandlung, einige Befriedigung verschafft, wenn auch nicht die ursprünglich angestrebte - so schafft auch die Ideologie den an sie gebundenen Massen auf Umwegen eine vom realen Bedürfnis zielabgelenkte Befriedigung. Eine Ideologie ist, auch darin dem neurotischen Symptom vergleichbar, nur solange und nur dort "durchschlagskräftig", wo sie die nach Entladung drängenden Affekte bzw. die nach Erfüllung drängenden Bedürfnisse zugleich anspricht, bindet - und auf eine "falsche" Fährte lenkt. Aus solchen - auf begriffliche Zusammenfassung wartenden Gründen kann man eine herrschende Ideologie auch als kollektive Neurose bezeichnen, wenn man die psychische und massenpsychologische Seite des betreffenden Geschehens kennzeichnen möchte.

Von der neueren - aus der Optik der psychoanalytischen Theorie revisionistischen - Sozial- und Ich-Psychologie ist die Dimension, die in dieser Religionskritik angelegt ist, reaktionär zurückgebogen worden. Z.B. sprechen BETTELHEIM und JANOWITZ ganz affirmativ von der "identitätsstiftenden Funktion des Vorurteils". Rassismus oder militanter Antikommunismus, einmal aus ihrem privaten Dasein als paranoide Wahnvorstellungen herausgenommen und zur allgemeinen Ideologie und zur Praxis der Herrschenden geworden, können in konsequenter Anwendung solcher Theorien nicht mehr als pathologisch, sondern müssen als normal, ja mehr : als identitätsstiftendes, Anpassung förderndes Verhalten beschrieben werden.4 Orthodoxe, psychoanalytische Theorien mit "Normalitäts"-Konzepten, wie sie den Arbeiten von BIEBER, SOCARIDES u.a. zugrunde liegen, befinden sich in unerkannter und gefährlicher Nähe zu derart reaktionären Anpassungs-Konzeptionen. Zur Konstitution der normalen Heterosexualität der gegenwärtigen gesellschaftlichen Epoche gehört unabdingbar die Verdrängung homosexueller Gefühlsregungen als Homosexuellen-Haß, die Bindungen dieser Gefühlsregungen in latent homosexuellen Massenbildungen usw. Zum Konstitutionsprozeß der kulturell normalen Heterosexualität gehören unabdingbar kollektiv- neurotische Momente. Weil sie kollektiv vorherrschen und weil sie unabdingbar für den gesellschaftlichen Funktionszusammenhang (mindestens den der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaften) sind, geraten diese kollektiv-neurotischen Elemente auch der psychoanalytischen Orthodoxie zunehmend aus dem Blick; schließlich sind sie - in moderner sozialpsychologischer Diktion - anpassungsfördernd.

aus: DER GEWÖHNLICHE HOMOSEXUELLE
S. FISCHER VERLAG, Frankfurt/Main 1974, S. 348-350
ISBN 3100148010

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1 S. FREUD : Zwangshandlungen und Religionsübungen, Ges. Werke, Frankf/M, 1963, VII, S.139

2 S. FREUD : Eine Kindheitserinnerung des Lionardo da Vinci, Ges. Werke, VIII, S.195

3 S. FREUD : Die Zukunft einer Illusion, Ges. Werke, XIV, S.367 (Hervorhebung durch uns).

4 Zur Darstellung und Kritik dieses Komplexes siehe KLAUS HORN : Insgeheime kultische Tendenzen der modernen psychoanalytischen Orthodoxie, S. 108 f. In: Psychoanalyse als Sozialwissenschaft, Frankf/M 1971


























Vorbemerkung








Das, was üblicherweise mit "Homosexualität" zu kategorisieren versucht wird, ist etwas, das vor allem sog. Heterosexuelle betrifft - alle: vor allem aber Eltern. Wenn Homosexualität unterdrückt wird, werden nicht nur sog. "Homosexuelle" unterdrückt, es wird damit vor allem "Heterosexualität" (präziser: die HERRschende Heteronormativität) beschrieben und geprägt. Bilder, Erfahrungen und Sprechen von Homosexualität gibt es in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen: Rechts- und Erziehungswesen, Kirche, Familienpolitik, Handel, Sport, Werbung, Medien, Behörden, Popkultur, Militär, Industrie, Tourismus usw. Sie prägen mehr oder minder das Verhalten aller.

"Auf der Grundlage des allen Menschen gemeinsamen biologischen Substrats wird das Sexualverhalten weitgehend 'erlernt', und zwar durch soziokulturell variabel verlaufende und zudem individuell beeinflussbare Konditionierungsprozesse. Ausschließlich heterosexuelles Verhalten ist ebenso Folge solcher Lernvorgänge wie ausschließlich homosexuelles Verhalten."
(R. GINDORF & R. LAUTMANN: "Homosexualität und Normalität" in: Konfliktfeld Sexualität, Hg. v. KERSCHER, 1977, S.127)
Oder:
"Die Verabsolutierung der Heterosexualität bei der Mehrheit hat die Verabsolutierung der Homosexualität bei einer Minderheit zur Folge. Konzeptionen, die allein auf Integration einer besonderen Minderheit in die Gesellschaft zielen, sind deshalb perspektivisch nicht tragfähig. Gesellschaftlich geht es primär um die Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität überhaupt. Dabei ist die soziale Integration der Homosexuellen ein Teilaspekt. Die vollständige Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität, die Aufhebung der Polarisierung der Sexualitätsformen, ist die Aufhebung der Homosexuellen als besonderer 'anders gearteter' Menschengruppe. Die gesellschaftliche Anerkennung der Homosexuellen als Subjekte und als Gleiche ist der Beginn dieses Prozesses."
(Interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Homosexualität" -IAH-, Letzte Konzeption der Forschung 1988 bis 1995 - unveröffentlicht -, B.THINIUS in: B.THINIUS "Aufbruch...", S. 24. Siehe Literatur)

Homosexualität findet statt, und zwar auch zwischen sog. "Homosexuellen", aber keineswegs nur - und der Diskurs über Homosexualität ist nicht auf eine Minderheit, die sich vielleicht über einen längeren Zeitraum des Lebens ausschließlich oder vorwiegend homosexuell verhält, beschränkt.
Doch repressive Strukturen werden sublimer. Die Sprachregelung, im Zusammenhang mit "Homosexualität" ausschließlich nur noch von "den" Homosexuellen (und der "gay community" - einem beachtlichen Konsummarkt) zu reden, den Blick zu verengen, hat auch das schwullesbische Ghetto innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft inzwischen größtenteils verinnerlicht. -
Gegenwärtig
ist auf unseren Schulhöfen neben "Opfer" eines der häufigsten und schlimmsten Schimpfwörter: "schwul" ... Die Selbstmordstatistik über Jugendliche, die glauben "schwul" zu "sein" (oder als solche gemobbt werden), nimmt wieder zu..., Erfahrungen gleichgeschlechtlicher Sexualität dagegen ist so extrem zurück gegangen, wie seit Erhebung einschlägiger Untersuchungen nicht...


Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Christa WOLF

















E- mail


Vorbemerkung zu (PDF)
HOMOSEXUALITÄT IN DER DDR

herausgegeben von Dr. Wolfram Setz
MännerSchwarm Verlag Hamburg 2006


EINLADUNG ZU KRITIK, ERGÄNZUNG UND KORREKTUR


Es gibt eine aktuelle Geschichte des deutschen § 175, in der kommt die Geschichte dieses Paragraphen in der DDR nicht vor. Ein geographisches Problem? - Noch immer werden Angaben zur Reform, bzw. Abschaffung dieses § 175, bzw. seiner DDR-Entsprechung § 151, unkorrekt gegeben (von den Kämpfen darum ganz zu schweigen). Auch wenn es oft heißt, »1994« wäre und: »in Deutschland« der leidige Paragraph endlich abgeschafft worden, so wird dabei ausgeblendet, dass nicht minder die DDR ebenfalls »Deutschland« war und dort bereits zuvor ein Recht galt, dem nun auch für den Rest Deutschlands nachzuziehen war.

1988 (20 Jahre nach Streichung des 1871-1935 und in der DDR 1950-1968 geltenden § 175, den die Nazis 1935 verschärft hatten, siehe Chronologie) war endlich die rechtliche Diskriminierung von Homosexualität abgeschafft und das "Schutzalter" für weibliche wie männliche Jugendliche einheitlich auf 16 Jahre herab- bzw. gleichgesetzt worden (§ 149 StGB/DDR).

Mehr oder minder zähneknirschend musste diese im Einheitsvertrag für die Gebiete der Ex-DDR festgeschriebene Regelung und zwar erst 1994 auch in die gesamtdeutsche Geltung übernommen werden; allerdings ohne die Chance wahrzunehmen, das sogenannte "Schutzalter" auf insgesamt 14 herabzusetzen! Wodurch der in den »alten Bundesländern« selbst nach der »Vereinigung« noch geltende »Schwulenparagraph« vorerst ganz abgeschafft war. Mit dieser geschichtlich überfälligen Mindestleistung der Politik wurde einer weitergehenden wirklich liberalen und progressiven Gesetzesreform vorläufig ein Bremsklotz gesetzt.

Doch infolge des umstrittenen Gesetzes zur sog. »Homoehe« (sic!) ist 2002 wieder ein Sondergesetz für einige der Erscheinungsformen dessen, was mit »Homosexualität« umschrieben wird, in Kraft. - Diesmal wenden wir den Blick einmal mehr westrheinisch, um etwas fortschrittlichere, weniger diskriminierende, weiter gefasste Gesetze in Geltung zu sehen, die alle nicht eheförmigen Lebensformen ansprechen.

Aus all dem ergibt sich, dass der Zeitraum der Datensammlung etwas weiter gefaßt ist, als die Existenz der DDR selbst: sie begann schon vor der DDR in der sowjetischen Besatzungszone, in der die Weichen für die DDR-Lebensbedingungen gestellt wurden und der bürgerlich orientierte Rudolf KLIMMER sein Wirken fortsetzte; und sie dauerte länger: indem aufgrund des § 151 StGB der DDR erst 1994 nach langem Tauziehen einheitliches BRD-Recht geschaffen wurde. - 1997 bildet die Eröffnung der gesamtdeutschen Ausstellungen anläßlich "100 Jahre Schwulenbewegung" einen sinnigen Schlusspunkt für diese (subjektive) Datensammlung, die nicht nur die politischen Punkte markiert. Sie ist ein Pool, der orientierend und weiterführend helfen soll, mehr nicht:


Diese CHRONOLOGISCHE DATENSAMMLUNG ist insofern unvollständig (aber umfassender als alle bisherigen Publikationen zum Thema), erstens wie naturgemäß jede andere Chronologie auch und dann, weil sie der Not gehorchend, einer Initiative entspringt, die schon aus folgenden Gründen keinen Anspruch auf systematische Wissenschaftlichkeit erheben kann. Zunächst war die Zusammenstellung von Daten aus verschiedenen Publikationen und Dokumenten dazu gedacht, die Beteiligten, die Zeitzeugen einzuladen, sie zu ergänzen und zu korrigieren. (Michael HOLY, der diese Arbeit leistete und zur Verfügung stellte, sei hier ausdrücklich gedankt, seine erste Tabelle war die Basis, von der aus hier weiter gearbeitet werden konnte). - Immerhin sind einige bereit gewesen, kritisch mitzuarbeiten, sich zu erinnern, Einblick in ihre Privatarchive und eigenen Arbeiten zu ermöglichen. (Momentan besonders mangelhaft sind u.a. die Arbeit der Leipziger Schwulengruppe dokumentiert, sowie die Aktivitäten in Halle und Magdeburg, die eine ganz wesentliche Rolle in der DDR-Bewegung spielten und deren überregionale Arbeits-, Darstellungs- und Wirkungsstruktur anders aussah, als z.B. die der Berliner. Daraus erklärt sich u.a. eine z.T. nicht realistische »Berlin-Lastigkeit« der Daten. Zum anderen ist diese aber auch ein Ergebnis des Zentralismus der DDR, wo der größte, vitalste und liberalste Ort v.a. eben die Hauptstadt war.) - Hier ist zumindest eine in den Angaben einigermaßen zuverlässige, wenn auch, wie bemerkt, nicht lückenlose, Chronologie wichtiger Daten & Fakten frei verfügbar. In diesem Sinn versteht sich die Internet-Publikation wiederum als EINLADUNG ZU KRITIK, ERGÄNZUNG UND ganz besonders der KORREKTUR von Fehlerhaftem. Jeder Beitrag, jede Information, soweit bezeugbar / belegbar, jeder sachliche Hinweis auf Fehler oder genauere Quellen, jede persönliche Erinnerung ist nützlich und willkommen.

Die Redaktion der Tabelle wird nicht abgeschlossen. Es versteht sich von selbst, dass eine solche Datensammlung weder einen geschichtlichen Abriss zu leisten vermag, noch losgelöst von der politischen und kulturellen Geschichte der DDR, bzw. der deutschen Geschichte generell verstanden werden kann. Sie vermag aber dazu Hilfeleistung, Anregung und weiterführende Hinweise geben. Die Auswahl ist, was die Bewegung betrifft, so zufällig und subjektiv wie etwa die eines Telefonbuches.

Links
auf andere themenbezogene websites werden auf Wunsch gern zu entsprechenden Stichworten geschaltet und/oder im Anhang aufgelistet. Dabei sei darauf hingewiesen, dass laut Gesetz die Angabe von Links für den Inhalt der dazu gehörigen Seiten mitverantwortlich macht und darum nur mit einem Vermerk publiziert wird, der auf diese Rechtslage hinweist und sich von dem Inhalt generell und somit nicht wertend distanziert. Wir wollen die Links nicht nach Übereinstimmung mit unseren Auffassungen und Kenntnissen sortieren, sondern verstehen sie als Komplettierung der chronologischen Sammlung, die somit andere Beschreibungen und Perspektiven zugänglich macht. Ausdruck der komplexen und widersprüchlichen Wesenheit gesellschaftlicher Abläufe. Schließlich gibt es keine definitiv endgültigen Versionen zu den höchst komplizierten, oft äußerst schlecht dokumentierten Ereignissen, die vergangen sind, und auch Daten sind nur so etwas wie Wegweiser in den Fluss divergierender Wahrnehmung, Diskussion und Gestaltung von Wirklichkeitsabläufen.

Die chronologische Datensammlung ist ein Hilfsmittel zur Orientierung, nicht mehr aber auch nicht weniger.
Sie kann selbstverständlich nicht die Aufarbeitung der betreffenden Problematik unter immer neuen Aspekten und all der mit ihren komplexen historischen, soziologischen, politischen, kulturellen, philosophischen usw. Themata aufheben oder ersetzen bzw. gar definieren. Zumal die Situation in der DDR schwierig war (aber sicher nicht so schwierig, wie beispielsweise in einer kath. Gemeinde Bayerns), vergleichbar anderen Ländern der Warschauer-Pakt-Staaten, unter diesen aber oft erträglicher. - Auch diese Chronologie kann Impulse zum Streit der Ansichten, zu konstruktiver Auseinandersetzung mit den Prozessen und Anregung für Neugier geben.

Eine wissenschaftlich umfassende »Geschichte der Schwulenbewegung der DDR« ist bislang nicht geleistet. Sie müsste eine "Geschichte der DDR" voraussetzen.

Siehe Literaturliste am Ende der Chronologie.

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Die Datensammlung ist als Informations- und Arbeitsinstrument gedacht, das anregt, weiter führt und es soll jederzeit allgemein verfügbar sein (weshalb das Layout nur in Mindeststandards codiert ist). Die Liste der verwendeten und weiterführenden Literatur wird ständig ergänzt. Im Anhang werden weiterhin Dokumente, Kommentare und Texte eingearbeitet.

Berlin, August 2002 / 13.Januar 2003


Hinweis 2006:
Eine korrigierte und stark gekürzte (!) Version ist von Dr. Wolfram Setz als Beitrag des Sammelbandes HOMOSEXUALITÄT IN DER DDR / Materialien und Meinungen / in der Bibliothek rosa Winkel im September 2006 beim Hamburger Männerschwarm Verlag herausgegeben worden. Mit weiteren Autorenbeiträgen von Bert Thinius, Eike Stedefeldt, Michael Sollorz, Peter Rausch, Klaus Laabs und Florian Mildenberger.




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Jeder weitere Hinweis zur Vervollständigung ist willkommen.



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