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MECKLENBURGISCHE KIRCHENZEITUNG

Schwerin: 21. April - 17. Mai 1985


Die Scham, daß einem das Hinsehen so leicht fällt

Aspekte zu Beziehungen unter Menschen

Eine Serie von Olaf Brühl



1688 wurde vom College Louis-Le-Grand für den Hof des Sonnenkönigs eine musikalische Tragödie biblischen Inhalts aufgeführt, komponiert von MARC-ANTOINE CHARPENTIER: DAVID ET JONATHAS. Diese wunderschöne Oper zeigt eine Liebesgeschichte, so ganz wie sie dem Geschmack der hohen Pariser Herren entgegenkam: Lyrisch überhöht wird dargestellt, was sie alle (fast ohne Ausnahme - so bezeugen es uns die berühmten Briefe der LIESELOTTE VON DER PFALZ) tagtäglich mit mehr oder weniger Passion und Erfolg in ihrem Privatleben beschäftigte.
In der Fabel geht es um die Beziehung zwischen dem Hirten David und dem Königssohn Jonathan, eine starke Jugendliebe im Konflikt mit der Eifersucht des problematischen Vaters Saul, nachzulesen 1.SAMUEL im Alten Testament. Das Libretto erlaubt sich die Freiheit, uns am Ende den sterbenden Freund in den Armen des Königsnachfolgers vorzuführen, mit letztem Atem haucht er ihm zu:
»Alles, was ich Dir noch sagen kann, ist: ich liebe Dich.«
In der Bibel schließt Davids berühmter Klagegesang mit den Worten:
»Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.« (2.Samuel I,26).

Es gibt eine Theorie, daß die Unterdrückung des Menschen mit der Unterdrückung der Universalität und Souveränität seiner Sexualität beginnt und möglich gemacht wird, daß das Phänomen des Macht-Wahns überhaupt ein Phänomen einerseits der unterdrückten Sexualität und andererseits ihrer darum ins Mächtige gesteigerten Utopie darstellt. - Diese Theorie bewältigt zwar keinesfalls das ganze Problem, bietet aber einen sehr interessanten und relevanten Aspekt. Unlösbar damit verbunden, ist die Männlichkeitshysterie mit ihrer demonstrativen Aggressivität (Angst!) gegen das Homosexuelle und die Frauenfrage: das Rollenmuster.

GOETHE über CELLINI:
»Bei dieser Empfänglichkeit für sinnliche und sittliche Schönheiten, bei diesem fortlaufenden Wohnen und Bleiben unter allem, was alte und neue Kunst Großes und Bedeutendes hervorgebracht, mußte die Schönheit männlicher Jugend mehr als alles auf ihn wirken. Und fürwahr, es sind die anmutigsten Stellen seines Werkes, wenn er hierfür sein Empfinden ausdrückt. Haben uns denn wohl Poesie und Prosa viele so reizende Situationen dargestellt, als wir an dem Gastmahl finden, wo die Künstler sich mit ihren Mädchen treffen und Cellini einen verkleideten Knaben mitbringt?«
Und am 7. April 1830:
»Diese Seite des Lebens ist so alt wie die Menschheit, und man kann daher sagen, sie liegt in der Natur.«
So GOETHE, der fast dreißig Jahre lang mit PHILIP SEIDEL, seinem intimsten Freund und Sekretär, eng zusammenlebte bis CHRISTIANE am Weimarer Frauenplan ein- und dieser auszog.

Das WÖRTERBUCH DER PSYCHOLOGIE (1976) vermerkt unter dem Stichwort PERVERSION:
»Sexuelle Bedürfnisstruktur und daraus hervorgehende Verhaltensweisen, die von dem als normal geltenden Geschlechtsleben konstant erheblich abweichen, vor allem dadurch, daß der Perverse als Sexualobjekt keine geschlechtsreife Person begehrt, ja überhaupt keine Partnerschaft, sondern nur auslösende Reize sucht, oder als Sexualziel statt der Vereinigung mit dem Partner andere Handlungen erstrebt. (...) Perversitäten als Ergänzung des normalen partnerschaftlichen Liebeslebens oder als Ersatz für fehlende Partnerschaft sind nicht als P. zu bezeichnen. Alle Versuche, die Ursachen der P. somatisch oder psychologisch zu erklären, blieben bisher unbefriedigend, ebenso Therapieversuche. Man löst sich immer mehr von moralisierender oder pathologischer (krankhafter) Einschätzung der P. und bevorzugt den wertfreien Terminus Deviation, zumal die P. bei sonst völlig intakten Persönlichkeiten vorkommt.«
Ich zitiere diesen Artikel, um zu erläutern, wie unzutreffend zum Beispiel dieser häufig - zu häufig - benutzte Begriff besonders für erotische und sexuelle Momente zwischen Partnern des gleichen Geschlechts ist. Das pseudowissenschaftliche Ideenvokabular der kleinbürgerlichen (nicht zuletzt kirchlich beeinflußten) Ideologie konfrontiert uns allerdings noch immer mit dieser sehr bedenklichen - und gefährlichen Tendenz. solche Dinge einfach kurzzuschließen, von der es nicht allzu weit bis zum faschistoiden "gesunden Volksempfinden" ist - ebenso lebensfremd und menschenfeindlich wie jegliches ideologisierte Puritanertum. Verbrechen an der strahlenden Fülle des Daseins und seinen Erlebnismöglichkeiten!

GOETHE liebte den Ettersberg bei Weimar als Ausflugsziel. 1937 errichteten die deutschen Faschisten eben dort auf dem Ettersberg bei Weimar ein Konzentrationslager: Buchenwald. Die sogenannte Goethe-Eiche wurde gefällt und BRUNO APITZ, bekannt geworden durch seinen Roman NACKT UNTER WÖLFEN, einer der Häftlinge, konnte einen Holzscheit retten und schnitzte darin heimlich das Antlitz eines toten Mitgefangenen. DAS LETZTE GESICHT. So sahen auch die letzten Gesichter der dort umgekommenen Homosexuellen aus. Leider findet APITZ für sie kein Wort der Erwähnung. Allein im ehemaligen KZ Buchenwald haben die Nazis insgesamt mehr als 56 000 Menschen vernichtet. (Soviel zählt die Stadt Weimar in etwa an Einwohnern). Es gab Überlebende, als sich die Tore jener Todesfabrik endlich öffneten.
(...) Bisher konnte nur eine Handvoll Männer, die ein unwahrscheinlicher Zufall rettete, als davongekommen nachgewiesen werden: Die Sicherheit, umzukommen, war im KZ für sogenannte Homosexuelle eine - im wahrsten Sinne des Wortes - todsichere.
Innerhalb der Lager waren sie mit dem rosa Winkel gekennzeichnet. Er war größer als die Erkennungszeichen der anderen Häftlingsgruppen, in deren Ordnung die "Homosexuellen" auf der untersten Stufe standen und von diesen größtenteils mitverachtet wurden. Sie waren streng abgesondert untergebracht, um die anderen nicht "verderben" zu können.
Ich will nur andeuten, was natürlich in allen Gruppen von KZ-Häftlingen Leid und Einsamkeit, menschliche Sehnsucht und Möglichkeiten von Nähe am Zärtlichen, an Berührungen und Beziehungen auslösten.
Mit Hilfe eines aberwitzigen ideologischen Systems, auf dessen Titel die Phrase "Gesundes Volksempfinden" mit Blut geschmiert war, planten die Nazis die Liquidation eines sozialen Erlebnisbereiches, den man mit dem Begriff Homosexualität abgrenzen zu können wähnte. Derselbe Ausrottungsfanatismus (*, der Juden, Zigeuner, Slawen, Christen und Kommunisten traf, richtete sich auch gegen Leute, die im kleinbürgerlich-faschistoiden Normdenken als "Homosexuelle" galten. Schon begrifflich war (und ist !) so ein Mensch in seiner ganzen Persönlichkeit völlig reduziert auf einen Moment seiner Geschlechtlichkeit. Dieser Haß mußte selbstverständlich aggressiv werden, da die homosexuelle Latenz des nationalsozialistischen Ideals von Herrentum, Männlichkeit und Siegerpathos dick zu übertünchen war: mit Leichen.

Es gibt einen italienischen Film DER BESONDERE TAG. SOPHIA LOREN spielt eine Hausfrau, die am faschistischen Demonstrationstag allein in ihrem riesigen, chaotischen Haushalt zurückbleibt, den sie für die vielköpfige Familie in Ordnung zu bringen hat. Es scheint, als sei sie im Wohnkomplex außer dem invaliden Hauswart der einzige Mensch, der nicht an dem politischen Spektakel teilnimmt. Den ganzen Tag lang tönt über den Hof grell und laut die Radioberichterstattung von der faschistischen Massenkundgebung.
Doch es gibt einen kleinen Zwischenfall: Das Vögelchen der Kinder entfliegt - beim Versuch, es wieder einzufangen, kommt es zwischen der Hausfrau und einem ebenfalls zuhause gebliebenen Nachbarn (MARCELLO MASTROIANNI) zu einer sehr interessanten Begegnung. In einer für die Frau höchst umgewohnten Art. Der erste Mann in ihrem Leben, der sie nicht nur als Lustobjekt, Hausgerät, Gebärmaschine und selbstverständliches Beiwerk behandelt. Seine achtungsvolle Aufmerksamkeit und freundliche Verhaltensweise verwirrt und verwandelt sie. Er stellt sich als homosexuell vor. Doch am Nachmittag lieben sich diese beiden Menschen mit gänzlicher Hingabe. - Dieses Erlebnis ist für die Frau fernab von Gewissensfragen.
Abends kommt ihre Familie von dem Aufmarsch zurück: die turbulenten, fordernden Kinder, ihr Mann, wütend wegen des Zustands der Wohnung. Im Bett schließlich erwartet er ihre Bereitschaft für seine Befriedigung. Doch sie nimmt, für ihren Mann unbegreiflich, ein von jenem Nachbarn entliehenes Buch zur Hand. Ihr glücklichster Tag ist zu Ende.
Vom Küchenfenster aus beobachtet sie, wie faschistische Polizisten den Nachbarn abholen, um ihn ins KZ zu transportieren, wo sein Freund schon auf ihn - und den gemeinsamen Tod wartet.

ERZIEHUNG DER GEFÜHLE (** nannte PETER HACKS seine antikisierenden Verse:
Als ich dich lieben lernte, warst du der reizendste Jüngling,
Langhineilenden Beins gingst du mit ernstem Gesicht.
Aber unter meinen Küssen reiftest du weiter
Zu des vertrauenden Kindes lieblicher Unschuld bereits.
Drei nun sind der Stufen, worin alles abläuft. Am Gipfel
Ist meine Leidenschaft wohl, steht dein Wachstum noch nicht.
Weiter das äußerste Lieben drum üb ich, welches Geduld heißt,
Und ein betörendes Weib hoff ich in dir noch zu sehn.

Es ist entsetzlich, daß es gerade auch noch christliche Familien und Gemeinden gibt, die auf Signale homoerotischen Empfindens mit kategorischer Abwehr, Entrüstung und Ächtung reagieren. Abgesehen davon, daß sie sich damit offensichtlich unendlich weit unter das evangelische Liebesgebot verlieren, im Sumpf sündigen Mißtrauens aus Unwissenheit und Grausamkeit gegenüber dem Nächsten (was sich, wie wir wissen, gegen das eigene Unterbewußtsein richtet) - abgesehen davon sollten meines Erachtens gerade Christen begreifen, daß alle Formen zärtlichen Zueinanderfindens unschätzbar kostbarer und zweifellos gottgefälliger sind, als die uns so elegant zu Gebote stehenden Formen sozialer Distanz, Hilfsverweigerung, Verurteilung und - Zerstörung.
Das Geheimnis der Liebe, der menschlichen, wie der göttlichen, beruht gewiß auch in ihrer wunderbaren Fähigkeit zur Verwandlung. Unbegreiflich ist mir daher die hauptsächlichste Haltung der Kirche, zumal der katholischen, zu diesen Fragen. Die inhumane, unwürdige Reduzierung homoerotischer Wünsche und Erlebnisbereiche auf das Rein-Sexuelle, als Verteufeltes, und auf "markierte" etikettierte Persönlichkeilen ist in jeglicher Hinsicht nicht nur gedankenlos, sondern eigentlich auch unchristlich.
(...) Ich bin zutiefst überzeugt, daß Jesus von Nazareth, der sich am wohlsten im ehrlichen und unverstellten Milieu der Ausgestoßenen, der Bettler, Prostituierten, Verlorenen und Hilfesuchenden fühlte, weil er dort gebraucht wurde, - daß Jesus auch gegen zärtliche Regungen zwischen Männern oder Frauen keine bösartige Front gemacht hätte. Sein Zorn traf stets die Heuchler, Lieblosen, Verständnislosen, Hochmütigen, Eitlen, die Machtmißbraucher und Philister.
Wer ausgerechnet an Erscheinungsformen der Liebe und der Körperlust - als Ausdruck der elementarsten Freude am Dasein und innigsten Kommunikation des Menschlichen - frevelt, scheint mir, frevelt - soweit er sich als Christ bekennt - damit an seinem Glauben: ein Glauben, der in die Welt kam um die Freundlichkeit und Liebe zum ersten Gebot unter den Menschen zu machen - und nicht ihre Demütigung, Verhöhnung, Verletzung und Isolation.

(...) »In jedem Mensch ein Funken Gottes«
wie DOSTOJEWSKI sagt, und in diesem Sinn vor allem auch: in jeder möglichen und noch so unscheinbaren Regung der Zärtlichkeit, der Liebe, in all ihrer lebendig-verwirrenden, aber doch hoffnungsfroh machenden Fülle von Verwandlungen und Äußerungen ...

»An Herrn Ernst von Pfuel:
Du übst, du guter, lieber Junge, mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt über mein Herz aus ... Damals liebten wir ineinander das Höchste in der Menschheit; denn wir liebten die ganze Ausbildung unserer Naturen, ach! in ein paar glücklichen Anlagen, die sich eben entwickelten. Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge; so umarmte Dich meine ganze Seele! Ich habe Deinen schönen Leib oft, wenn Du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet. Er könnte wirklich einem Künstler zur Studie dienen. Ich hätte, wenn ich einer gewesen wäre, vielleicht die Idee eines Gottes durch ihn empfangen. Dein kleiner, krauser Kopf, einem festen Halse aufgesetzt, zwei breite Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der Stärke, als ob Du dem schönsten jungen Stier, der jemals dem Zeus geblutet, nachgebildet wärest. Mir ist die ganze Gesetzgebung des Lykurgus, und sein Begriff von der Liebe der Jünglinge, durch die Empfindung, die Du mir geweckt hast, klar, geworden. Komm zu mir! Höre, ich will Dir was sagen. (...) ... und laß uns der süßen Freundschaft genießen. (...) Ich heirate niemals, sei Du die Frau mir, die Kinder und die Enkel! Geh nicht weiter auf dem Wege, den Du betreten hast. Wirf Dich dem Schicksal nicht unter die Füße, es ist ungroßmütig und zertritt Dich. (...) Ich möchte Dir noch mehr sagen, aber es taugt nicht für das Briefformat. Adieu. Mündlich ein mehreres.
Berlin, d. 7. Januar 1805
Heinrich v. Kleist«

Authentisch: in einer Berliner Bierkneipe (natürlich sind mit wenigen Ausnahmen die Gäste nur Männer) ein grölender Stammtisch. Der Wirt gehört quasi dazu. Einer aus der Runde erbricht sich mitten in die Schankstube - allgemeines Lachen, auch der Wirt lacht! - Wenige Augenblicke später kommen zwei junge Männer herein, Freunde, wie das gerade die meisten Kneipenberliner auf den ersten Blick (!) erkennen, gehen an den Tresen und fragen freundlich, ob sie noch einen Kaffee bekommen könnten. Schneidend höhnisch ist die laute Antwort: "Nee, nee, meine Bübchen, det jibts hier nich - und für so'ne Pärchen schon jar nicht, da müssen Se schon woanders hin, wa!" - wieder brüllendes Gelächter vom Stammtisch.

Sind Erscheinungen von Resten faschistoider Haltungen besser, tolerierbarer, gar humaner - christlicher - als die pur faschistischen Einstellungen (die es stets auf Liquidierung, Ausschaltung alles "Anderen, Fremden" absehen) ? Diese Frage ist sehr wichtig, und man sollte sie sich ernsthaft mit Konsequenz stellen, wenn man über Homosexualität nachdenkt, sich mit der Geschichte ihrer eigenartigen Tabuisierung und Diskriminierung beschäftigt. Christen haben zuerst einen Grund dazu. Selbstprüfung und Nächstenliebe ist ihr Gebot. Und das Schlimmste: die Kirche hat in ihrer Vergangenheit große Schuld auf sich geladen, denn in der Übernahme jüdischer Traditionen F und durch fanatischen Haß auf alles Körperliche und Sinnliche, durch die systematische und blinde Verteufelung der Lust hat sie eine der fatalsten moralischen Wirkungen verursacht, die sich in der Welt neben dem Absegnen der Kriege denken läßt. So wurde auch das Homosexuelle verketzert und in unfaßbar grausamer Weise verfolgt. Ich darf das in dieser Artikelserie nicht verschweigen. Ein Übel ist nur durch Erkenntnis seines Ursprungs und Werdegangs zu bewältigen: Die Zeit dafür ist schon lange da - auch in der Kirche, die sich hier mehr auf ihre eigene Bestimmung besinnt. Nicht ohne Widersprüche. Was in Jahrtausenden hartnäckig in Bewußtsein und Unterbewußtsein eingraviert wurde, das fast alle Gesellschaftsstrukturen bestimmt, das wäscht sich nicht mit einemmal fort... Diese Arbeit aber muß geleistet werden: sie ist menschlicher und christlicher als das Augenzudrücken und krampfhafte Verdrängen, das ja immer einen Eigenschaden auslöst.

Wenn Herz an Herz in zarter Liebe hängt
Voll Mitgefühl, wenn an des einen Heil
Wie Unheil nimmt das andre gleichen Teil,
Ein Geist, ein Wille beide Herzen lenkt,
Wenn eine ew'ge Seele, zwein geschenkt,
Sie beide hebt zum Himmel gleicher Weil,
Und wenn mit eins durch Eros' goldnen Pfeil
Das Innre beider Busen wird versengt,
Wenn keins sich selbst liebt, jedes so dem andern
In gleicher Lust und Neigung zugewandt.
Daß beide auf ein einz'ges Ziel sich richten,
Wenn unerreichbar bleibt viel tausend andern
So feste Treue, solcher Liebe Band,
Könnt's bloßer Mißmut lösen und vernichten?

- MICHELANGELO für seinen Freund TOMMASO CAVALIERI. - SHAKESPEARE hat übrigens eine ähnliche Reihe von Liebes-Sonetten an einen unbekannten jungen Adligen gerichtet, und KARL KRAUS hat sie nachgedichtet.

In der letzten Februarwoche 85 muß ich folgendem Sauna-Gespräch zuhören, dazukommend:
- und der sprach davon ohne Komplexe oder Hemmungen!
- Die können doch nichts dafür, die Jungs, die werden doch schon als Embryos so gepolt, da kannste nichts machen, das hat mit den Hormonen schon zu tun.
- Aber wieso sind dann welche verheirate!?
- Ja, es gibt ja Bisexuelle oder solche, die erst auf Frauen abgehen und dann überspringen, zum anderen Geschlecht sozusagen. Ich hatte einen Arbeitskollegen, der war erst verheiratet und hatte zwei Kinder und dann polte der um.
- Vielleicht wollte er sie nicht mehr haben.
- Ich, als Erzieher komme ich ja mit vielen Homos zusammen. Unter Pädagogen gibts ja viele. Und die haben immer einen unheimlich festen Händedruck. Da staunste.
- Na, vielleicht ums zu verbergen.
- Lehrer gibt's ja viele Homos, auch Künstler und so...
- Wegen den Jugendlichen. Also, das dürfte es doch gar nicht geben.
- Ja, da kannst du ja nichts machen, das ist in der DDR ja nicht mehr verboten. Nur wenn du Minderjährige verführst.
- Irgendwie siehst du das ja denen immer gleich an, merkst du gleich, ob einer ein Homo ist.

Wirklich? Immer? Auch bei sich selbst? - Gibt es noch einen lohnenden Kommentar zu all dem dummen Zeug, an dem nichts stimmte? - Ich komme nicht umhin, das Gefährliche darin zu benennen: es sitzt in den mittelmäßigen Hirnen fest, weil es eine nicht so einfache Sache mit falschen, aber selbstbetrügerischen Mitteln einfacher macht - und das ist in menschlichen Beziehungen und Verhältnissen immer äußerst gefährlich.
Einen pädagogisch inkompetenten Lehrer kann man bestenfalls innerlich ablehnen oder noch besser: bekämpfen. Niemand jedoch kann sich seine Eltern selbst wählen oder sich psychisch schadlos über sie hinwegsetzen. An Eltern, werdende und potentielle Eltern wendet sich meine Artikelserie. Eltern stammen meist aus einer noch weniger informierten und noch verwirrteren Zeit ...
Wer schützt die Gefühle der Kinder vor der Blindheit ihrer Eltern? Schrecklich: Eltern, die ihre Kinder hinauswerfen, bloß weil sie bei ihnen homosexuelle Kontakte oder Neigungen entdeckt haben - Eltern, die ihnen unter diesen Umständen Unterstützung, Freimütigkeit und Annahme versagen, so daß die Kinder sich ihnen entfremden, fortgehen. (Kinder nehmen in solchen Situationen jede Regung wie ein hochempfindlicher Seismograph auf und registrieren sie!) Ich kann nicht anders helfen, als meine Mutter vorzustellen: Sie hat mich immer ganz akzeptiert, für sie ist Liebe gleich Liebe, es gibt darin keine Unterschiede, sie hat sich sogar im Konflikt tatkräftig zu mir bekannt, nicht anders als mein Vater. und meine Freunde aufgenommen mit Spaß und Offenheit. Es gibt keine Fragen, keine Einschränkungen, nichts Peinliches, keine Verwirrung: sondern innige Zusammengehörigkeit. Ich glaube nicht, daß mir diese Selbstverständlichkeit in meiner Entwicklung geschadet hat: Es hat mir Achtung auf die Qualität meines Umgangs gegeben, Kraft und Dauer in der Liebe, in der Liebe zu meiner Mutter und zu allen Menschen. Ich denke eigentlich, daß sie mir damit das Schönste fürs Leben mitgegeben hat, das man erwarten darf.

Es war einmal ein Frosch, der wollte ein richtiger Frosch sein und richtete sein ganzes Streben danach, Tag für Tag. Zuerst kaufte er sich einen Spiegel, in dem er sich immerfort betrachtete, um nach seinem Ureigensten zu suchen. Manchmal glaubte er, es gefunden zu haben, manchmal nicht, je nach Stimmung und Stunde. Später suchte er in den Augen der anderen seinen eigenen Wert gespiegelt zu finden. Er putzte sich, er kämmte sich und bot sich ihnen auf jede Art als leibhaftiger Frosch dar. Bald stellte er fest, daß man vor allem seinen Körper schätzte, und zwar hauptsächlich die Beine, und so verschrieb er sich unter allgemeinem Beifall dem Hüpfen und Springen, um seine Schenkel zu bilden.
Zu guter Letzt ließ er sich sogar, bloß um für einen richtigen Frosch gehalten zu werden, die Schenkel ausreißen und vermochte gerade noch mit Bitterkeit zu hören, wie sie beim Essen sagten: "Was für ein köstlicher Frosch! Fast wie Hühnchen."

AUGUSTO MONTERROSO:
DER FROSCH, DER EIN RICHTIGER FROSCH SEIN WOLLTE

Es geht nicht um "Toleranz".

GOETHE: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen!")
Es geht um die Emanzipation der Geschlechter von den mittlerweile affigen Larven der Rollenmuster! Es hängt zutiefst mit Konformismus zusammen.
Mit dem hysterischen Streben "normal" zu sein (in welcher Hinsieht auch immer) geht die panische Angst vor dem "Nicht- Normalen" einher. Sie scheint mir die psychosoziale Atmosphäre im Gros unserer Gesellschaft zu charakterisieren (bishin zur Angst vor dem Ich). All das um ein wahnsinniges Phantom! Ritterehre!
Was ist das: "normal"?
Gibt es das außerhalb technologischer Meßwerte?
Wer ist "normal"? - Sind SIE "normal"? Völlig? - Ist unsere Zeit "normal"? Die Welt? Die Verhältnisse? Und wir mittendrin? Ist die Relativitätstheorie "normal"?
Was soll das? Was ist ein Mensch? Was eine Berührung? Was das Leben? "Normal"? - Diese Kategorie kenne ich nicht.

Es gibt kein "Problem der Homosexualität".
Homosexualität ist kein Problem. »Schwul, na und?«
Niemand "leidet" an Homosexualität, kein Mensch ist von ihr "betroffen". Diese Denkleistung muß man schon fordern: das Problem ist allein die Haltung zum Homosexuellen. Man leidet höchstens daran, ist von der Unfähigkeit betroffen, unverhemmt, phantasie- und humorvoll mit natürlichen Erscheinungen fertig zu werden: NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT! heißt ein älterer Filmessay. Historisch korrekt betrachtet, also intelligent und menschlich, ist das Problem nicht einmal, wie gesagt, die Einstellung zum Homosexuellen (dem ja keine Sonderstellung entspricht), sondern das zentrale Problem ist die Veränderung der Geschlechtsrollen selbst, ihre Befreiung aus unpassenden Mustern. Solange man noch - quasi wie Rassisten - und die Spielarten der Diskriminierung gleichen sich aufs Haar! - von der Homosexualität als etwas "Besonderem" sich verbreitet, kann weder von der Emanzipation des Mannes zu einem menschlicheren Bild, noch von der der Frau die Rede sein. Mit der offiziellen Gleichstellung ist ja tatsächlich nur ein Beginn markiert - und wir sind mitten in der Veränderung!
Jetzt wird deutlich, wie brennend aktuell unser Thema ist, wie überlebenswichtig, wie wenig ein "Randproblem" - und wie sehr es alle angeht, betrifft.

Wie die Emanzipation des homosexuellen Moments, ist die Emanzipation der Frau (die des Mannes eben bedingend) ein Teil des geschichtlichen Prozesses, der nicht einseitig gesehen, sondern dialektisch begriffen werden muß: als umfassend Zusammenhängendes. Auch das ist die Friedensbewegung, gehört unlösbar zu ihrer Tendenz. Der Aufbruch einer neuen, weniger autoritätsgläubigen und weniger aggressiven Generation aus den Fesseln der überkommenen patriarchalischen Klassengesellschaft bürgerlicher Prägung (...). Beide Geschlechter müssen aus ihren menschlich längst unzureichenden Verhaltenskorsetts entbunden werden - und damit fallen Fragen, wie das nach einem "Problem Homosexualität" von selbst ins Grab der schwarzen Geschichte. (...)

»Mich wundert es doch, daß nicht einmal die Einsicht in die Unlösbarkeit lebenswichtiger Probleme diese Menschen dazu bringt, über den Zusammenhang zum Beispiel der exzessiven Rüstungsanstrengungen auf allen Seiten mit den patriarchalischen Strukturen des Denkens und Regierens zu reflektieren.«
(CHRISTA WOLF)

Die Uniformierung beginnt innen: ganz "normal".

Sexualität ist mehr. Sexualität ist mehr als Fortpflanzung. Sie ist ein menschliches Kommunikationsmittel ähnlich der Sprache. Sexualität ist viel mehr als ein "Naturtrieb". Sie wird gelernt und ist gestaltbar. Auf die Fortpflanzungsfunktion reduzierte Sexualität reduziert Persönlichkeit und Kontaktfelder. "Fortpflanzungsmoral" sperrt die Menschen voneinander ab: Kinder als asexuelle Wesen und als solche unverheiratete, alte und behinderte Menschen.

DOROTHE SÖLLE hat in ihrem Aufsatz DIE UNTERDRÜCKUNG DES MANNES diesen Männertyp (er ist nur eine Variante des ausdienenden Männlichkeits-Mythos) als "emotionalen Analphabet" gekennzeichnet. Auch sie bringt dies mit der Beobachtung in Verbindung, daß der auf Genitalität und "Heterosexualität" reduzierte Mann nicht in der Lage ist, die Sprache seines ganzen Körpers zu sprechen:
»Wenn die Gesellschaft den Menschen nicht erlaubt, ihr eigenes Geschlecht zu bejahen, wenn Homosexualität mit massiven und subtilen Methoden unterdrückt wird, so arbeitet sich gleichzeitig die Maschinisierung der Leiblichkeit heraus.«
Warum also Ängste? Wir glauben nicht Herrn Himmler! Denn: »Noch nie ist eine Kultur, geschweige denn eine Gesellschaftsformation an etwas Sexuellem zugrunde gegangen.« (VOLKER SIEGUSCH).
Und zu diesem Thema sagt der Theologe GABRIEL LOSSER:
»Die vordringlichste christliche Aufgabe ist es nicht, Institutionen, auch nicht die Institution Ehe um ihrer selbst willen zu retten, sondern mitzuhelfen, den Menschen zuallererst einmal beziehungsfähig zu machen... Ich kämpfe entschieden dafür, daß auch Theologen einsehen, daß unserer kirchlichen Sexualmoral ein grundlegender Fehler unterlaufen ist, als sie im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen immer davon ausging, daß die fundamentalste Beziehung für den Menschen jene zwischen Mann und Frau sei. Das ist meiner Meinung nach falsch. Noch fundamentaler scheint mir die Beziehung zwischen ICH und Du zu sein. Die Beziehung Mann-Frau ist nur eine konkrete Form dieser fundamentalen ICH-DU-Beziehung. Aber wir müssen ganz klar sehen, daß es noch andere Formen gibt, die ebenso tief sein können und damit ebenso wertvoll sind.«
Menschliche Liebe beschränkt sich nicht auf die Beziehung Mann-Frau. HOMOSEXUELLE UND KIRCHE (Berlin-West) schreibt:
»Wir wollen deutlich machen, daß homosexuelles Verhalten und Evangelium einander nicht ausschließen. Der Botschaft Jesu entspricht Gemeinschaft und nicht Trennung, Annahme und nicht Aussonderung.«
Im Blick auf den Jesus des Neuen Testaments schreibt der Religionspädagoge HUBERTUS HALBFAS:
»So richtet sich die Ethik Jesu auf die innere Haltung, nicht auf die beobachtete Konvention. Wer sich auf Jesus beruft, wird die innere Einstellung des Menschen, nicht die korrekte Befolgung von Konvention und Gesetz bewerten müssen, so daß liebende Menschen, die außerhalb der herrschenden Legalität leben, seinem Ethos näher stehen - auch selbst, wenn Gesellschaft und Kirche sie für unmoralisch erklären -, als jene, denen hinter korrekten Rechtstiteln die Liebe mangelt.«
Gefühle lügen nicht.

»Im Tabu wird nicht ein Unmenschliches geächtet, sondern ein Menschliches unmenschlich gemacht.«, schrieb FRANZ FÜHMANN.

Wie läßt THOMAS MANN seinen Goethe tagträumen? »...denk´ auch mit heiterster Offenheit des artigen blonden Kellnerburschen...«N - Das wünsche ich uns auch uns im Umgang mit der homosexuellen Komponente des Menschen: heiterste Offenheit anstelle verbissener Frustrationen: es erleichtert.

»Furcht ist nicht in der Liebe« (1.JOHANNES 4, 18).


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Siehe auch: Chronologische Datensammlung 1947-1997


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*) "Unter Adolf wärt ihr alle vergast worden!" - Die Erzählung von der "systematischen" Verfolgung der "Homosexuellen", als gleichbedeutend mit dem hier aufgezählten Holocaust hat sich historisch nicht nachweisen lassen (wofür nicht allein die bekannten homosexuellen Netzwerke und Elitegruppen der SA stehen!), was natürlich die Tragödie der nicht in vergleichbarer Dimension verfolgten und vernichteten als "Homosexuelle" als "homosexuell" klassifizierten) Menschen im Mindesten nicht relativiert, zumal sich die Passion der Wenigen, die das KZ überlebten, in der Nachkriegszeit fortsetzte, wo sie zu Zehntausenden und mitunter von denselben Richtern (in der BRD) und unter denselben Paragraphen in der BRD wieder verurteilt und inhaftiert wurden und (auch von der DDR) bis heute keinerlei Rehabilitation oder "Wiedergutmachung" erhielten. - Siehe: Andreas Pretzel »NS-OPFER UNTER VORBEHALT«, 2002 ; sowie: Lutz van Dijk (Mitarb.Günter Grau) »EINSAM WAR ICH NIE. Schwule unterm Hakenkreuz 1933-1945«, Berlin 2003 (Olaf Brühl, 2003)
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**) in: Peter HACKS "LIEDER BRIEFE GEDICHTE", Verlag Neues Leben, Berlin 1974 (dort auch das Gedicht "Morpheus")
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F So schrieb ich 1984 in unwissend-unkritischer Übernahme meiner "Quellen", wovon ich längst abgerückt bin. (O.B. mit Dank an Georg Gostomczyk, 2013)
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N Der homoerotische Tagtraum GOETHES zu Anfang des 8.Kapitels von LOTTE IN WEIMAR war in der Taschenbuchausgabe des Aufbau-Verlages Berlin/DDR gestrichen. - 2003 anzumerken ist auch der Hinweis auf GOETHES biografischen Essay über Johann Joachim WINCKELMANN (für seinen Sammelband WINCKELMANN UND SEIN JAHRHUNDERT in Briefen und Aufsätzen, Tübingen 1805; mit vielen Briefen WINCKELMANNS, auch solchen über Freunde und Liebe), in dem u.a. das Kapitel "Freundschaft" dessen Zuneigungen für schöne junge Männer ausführlich würdigt und Gerechtigkeit widerfahren lässt. Nicht zufällig zwischen den Kapiteln "Antikes", "Heidnisches" und "Schönheit", "Katholizismus" ...

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Diese Artikelserie (hier leicht ergänzt) war 1985 die mit Abstand erste Publikation in der DDR, die sich positiv und: affirmativ zu Homosexualität äußerte, ohne dass der Autor "von Außen", aus der Distanz als "Beobachter" schrieb (der bekanntlich "nichts sieht" - JOHANNES BOBROWSKI). Das war damals bedauerlicherweise so nur in einem amtskirchlichen Rahmen möglich.



zu Text von Dr. Bert Thinius

zum Essay von Olaf Brühl:
Selbstschussanlagen bis Neoprüderie
(in "Schwulsein 2000" hsg. v. Dr. Günter Grau)

weiter zu DANNECKER/REICHE-Text

siehe auch
CHRONOLOGIE DER DDR-SCHWULENBEWEGUNG : www.olafbruehl.de/chronik.htm


Olaf Brühl / 1983 Foto: Meixner, Schwerin