Impressum


Fotos: Ralph Bergel

Gioachino Rossini / 1816:
ASCHENPUTTEL oder Der Triumph der Güte
LA CENERENTOLA ossía La bontà in trionfo

Dramma giocoso

von Jacopo Ferretti
Deutsch von Joachim Popelka


ProbenFoto:
Ralph Bergel

Produktion 1995/96 Theater Nordhausen

Auswahl Kritiken:
orpheus: Michael Schäfer
NDR 3 & WDR 3: Georg-Friedrich Kühn
Thüringische Landeszeitung: Hans-Jürgen Thiers
Das Opernglas: Siegfried Matuschak
Nordhäuser Zeitung: Katharina Katz
Frankfurter Rundschau &
Handelsblatt &
OPERNWELT
: Georg-Friedrich Kühn

Finale I

orpheus, Februar 1996
HERRLICH QUIRLIGES GESCHEHEN
Von Michael Schäfer

OLAF BRÜHL, der Rossinis Dramma giocoso LA CENERENTOLA am Theater Nordhausen in Szene gesetzt hat, ist nicht den bequemen Märchen-Weg gegangen. Er hat das Libretto ernstgenommen, die Motive und Konstellationen der handelnden Personen überprüft und dabei ein viel emanzipierteres Aschenputtel zutage gefördert, als man's aus dem Kinderbuch kennt - nichts von "Ach wie niedlich", kein einfaches "Und sie heiraten und bekamen viele Kinder"-Finale. Wer sich jetzt unter Olaf Brühls Inszenierung ein papierenes Lehrstück vorstellt, liegt falsch. Denn das Komödiantische in Rossinis Oper nimmt Brühl so wahr, daß man schier aus der Puste kommt. Das hüpft, boxt und springt, das zappelt, fuchtelt und tänzelt, daß es eine Lust ist. Wohl tut Brühl aus Spaß an der Freud' des Guten zuviel, aber das mag man in diesem herrlich quirligen Bühnengeschehen gern übersehen. Dazu paßt hervorragend die abstrakte Bühne von TOM MUSCH: rechts eine hohe graue Wand aus rechteckigen Segmenten, die sich als Tür oder Fenster öffnen lassen, dazu rote Treppenteile und ein schwarzer Vorhang im Hintergrund, der auch mal schräge Segmente freiläßt. Man bekommt also eine Menge Theater zu sehen - und viel schöne Musik zu hören. Zwar patzte das Orchester gleich in der Ouvertüre ein paarmal, aber nach diesen Ausrutschern hatte Dirigent ANTON KOLAR seine Musiker gut im Griff und machte mit ihnen eine leichtfüßigflotte Musik ohne Erdenschwere. Eine Überraschung in der Titelrolle: ANNETTE STRICKER ist eine hinreißende Mezzosopranistin mit perfekter Koloraturtechnik, um derentwillen allein die Fahrt nach Nordhausen lohnt. Mit wohltimbriertem Bariton und Baß können THOMAS KOHL als Dandini und BERND UNGER als Alidoro aufwarten; auch ANTONIA WALCH mit ihrem hellen Sopran gefällt als Clorinda. JENS KLAUS WILDE (Don Ramiro) muß bei größeren Lautstärken seinen Tenor freilich hörbar forcieren. Die Stimmung am Ende des Premierenabends war prächtig.

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Introduzione

WDR 3: Musikszene 5.Dez. `95 & NDR 3: Musikforum, 7.Dez. `95
FREIBOXEN AUS DEM KÄFIG
Von jungem Team an kleinem Haus eine aufregende Deutung der Rossinischen Oper "La Cenerentola"
Von Georg-Friedrich Kühn

Für Hochprozentiges ist Nordhausen bekannt. Aber man destilliert in der thüringischen Stadt am Harz derlei nicht nur aus doppeltem Korn, auch aus einem so unscheinbaren Stoff wie Gioacchino Rossinis «Aschenputtel». Seit letzter Spielzeit waltet am 1917 von Bürgern gegründeten Theater ein Team junger Musiktheatermacher, die ihr Handwerk bei Ruth Berghaus gelernt haben: der Regisseur Olaf Brühl und die Dramaturgin Antje Kaiser.
BRÜHL : »Ja, man lernt einfach, nicht aufzugeben. Das ist ganz wichtig, Also die Energie eines anderen kann man natürlich nicht abnehmen und nicht lernen: Da ist Frau Berghaus, glaube ich, ziemlich einzigartig, und ich würde mir auch so'n Strom-Aggregat wünschen, das die da wahrscheinlich heimlich, mystisch angeschlossen hat vom lieben Gott. Aber diese Genauigkeit in der Arbeit, der Blick, der nicht locker läßt an dem, was man eigentlich wollte und sich nicht korrumpieren laßt von dem, was einem auch geboten wird - das kann man schon lernen.«
Die eigene Fantasie durchsetzen gegen Schwierigkeiten, die inneren Visionen bauen mit Menschen gegen Widerstände - das wurde wichtig für ihn, besonders auch an einem kleinen Theater wie jetzt Nordhausen.
BRÜHL: »Ich hab´ auch viel von Musikern gelernt. Also Dirigenten waren für mich immer ganz wichtig; die auch so'n vorgegebenes Material mit eigenem Leben erfüllen. Die Technik.«
Schnittstellen gibt's bei ihm auch zum Tanz, zum Film. Pina Bausch, Fassbinder, Pasolini nennt er als Leitbilder, Berührungspunkte: eine Dramaturgie der Zeit mit Überlagerung, Dehnung.
BRÜHL : »...Prozesse zeigen, oder einfach Bilder, Abläufe zeigen, die in realen Ablauf nur innen stattfinden. Also indem man das Innen nach außen kehrt. Das ist ja auch, was in der Kunst interessant ist: daß man was sieht. Und daß man in was reingerissen wird von außen, was eigentlich ein innerer Prozeß ist. «
Etwa seine »Aschenputtel«-Inszenierung, 2. Akt, wenn das schöne Gesellschaftsspiel zuende ist, und die Verwirrung komplett; Der Prinz, der in der Maske des Dieners das Volk erkundete, um die Frau zu finden, die noch menschliche Wärme ausstrahlt. Nun hat er sie gefunden, sein Erbe gerettet. Nun läßt er die Maske fallen. Alles läuft wie gehabt. Und alle, insbesondere die düpierten Stiefschwestern Angiolinas und ihr kriecherischer Papa - verarmter Landadel mit Drang nach oben -, alle tasten sie, nach Fassung suchend, mit den Händen in der Luft, als sei da ein Käfig, aus dem sie sich eigentlich frei boxen wollten.

Rossinis »Cenerentola«, 1817 entstanden - sehr deutlich wird das als post-Mozart'scher Drei-Tage-Laborversuch in freier Liebe, jenseits der Konvention. Er mündet in die post-Napoleonische Restauration. Grüßend geistert ein Zweispitz am Horizont. Der »Triumph der Güte«, wie das Stück ja im Untertitel heißt, bleibt mit sich allein. Der Prinz hat sich längst wieder zu seinen Staatsgeschäften verabschiedet, als Hof und Familie noch dieser aus der Asche erhobenen Lady Di zujubeln.
BRÜHL : »Die Güte triumphiert dort wahrscheinlich wirklich nur in den Koloraturen. In Wahrheit hat das kein gesellschäftliches Fundament. Und das scheint auch musikalisch ziemlich eindeutig so formuliert zu sein.«
Zum ersten Mal wohl ist hier diese Finesse der Rossini-Partitur so deutlich auf die Bühne gebracht. Cenerentola bleibt als Braut am Ende allein, zwar nicht mehr als Dienstmagd am Herd, aber nun in der türkisenen Kachelgruft ihres Palasts.
BRÜHL : Das witzige - der tiefste Witz in den Opern von Rossini ist, daß diese Frauen alle vom Format viel monumentaler sind als alle sie umgebenden Männer. Sie haben eigentlich nie einen adäquaten Partner. Das ist natürlich gleichzeitig immer das Tragische an den seltsam flotten und raschen Finali. Der letzte Ausgang seiner Opern ist ja immer hopphopphopp. Er hat immer gesagt: 'ne gute Oper hat ein großes erstes Finale und ein ganz schnelles letztes. Aber das ist vielleicht auch ein bißchen seine Angst vor der Tragödie, die dort auf ihn lauert.«

(...) Es ist Brühls bereits zweite Arbeit in Nordhausen. Auch die Figur, der er sich zuvor zuwandte, ist eine Frau, die in einen Machtapparat gerät. Den sucht sie zu vermenschlichen: Orffs »Kluge«. Leiten ließ Brühl beim Konzept dieser Inszenierung sich von Orffs ursprünglicher Nähe zum Theater Brechts.
BRÜHL: »Ja, das Zimmer des Königs ist natürlich ein Machtzentrum. Und Konig bedeutet ja auf dem Theater wie im Märchen nicht nur den König, sondern das ist der »Boß«, der »Chef«, der Vater. Er ist also ein Symbol für den Mann, der die Zügel in der Hand hat. Und das ist ja sehr stark gerade in der »Klugen« auf Machtstrukturen konzentriert. Und so haben wir ihm an die Wände so ein Reservoir an Gewehren gegeben. Und in dieses gewaltgepanzerte Machtzentrum kommt denn diese Frau und versucht dort, Liebe zu etablieren. Was ja natürlich scheiterte, weshalb's ein Märchen ist, am Ende nur eine utopische Vision steht. Das haben wir ziemlich deutlich versucht auszudrücken. «
»Cenerentola« und »Kluge« - beides eigentlich Stücke, mit denen man auch ein jüngeres Publikum interessieren kann fürs Theater. Dennoch schwer in einer Stadt mit zwar theaterinteressiertem Alt-Publikum, aber ohne universitäres Flair und m einer nach der Wende stark de-industrialiserten Harz-Region. Immerhin - man versucht's.
BRÜHL: »Also entweder haben wir ein Schüler-Projekt. Und die Klassen kommen dann zu mehreren Proben in verschiedenen Stadien und haben die Möglichkeit, mit verschiedenen Beteiligten der Produktion zu sprechen. Ihnen wird die Konzeption erklärt und sie sehen ein bißchen hinter die Kulissen und sehen, wie das entsteht und werden da involviert. Diesmal hatten wir einfach von der Schule her Angebote, daß Klassen kamen. Und da haben wir Einführungen und Erklärungen gegeben. Na, ich hoffe, daß sich das noch 'n bißchen fortsetzt.«

Insgesamt ist da eine Aufführung gelungen, so phantasievoll wie kurzweilig und intelligent, und erstellt mit einem Budget, von dem große Häuser gerade mal einen Sängerstar bezahlen könnten. Mit dieser «Cenerentola»-Deutung dürfte dem 38jährigen Olaf Brühl nach kleineren Opern- und Filmprojekten der Durchbruch gelungen sein.

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Quintett

THÜRINGISCHE LANDESZEITUNG, 5.Dezember 1995
WUNDER VON NORDHAUSEN
Lehrstunde im Fach Rossini: Weniger "Aschenputtel", mehr "Triumph der Güte"
Von Hans-Jürgen Thiers

Mehrmals mußte ich mich ins Ohrläppchen kneifen: Du träumst nicht, du sitzt im Theater Nordhausen und erhältst mit "La Cenerentola", zu deutsch "Aschenputtel", eine Lehrstunde in Sachen Rossini. Nicht etwa, daß das Ensemble gegen das der Mailänder Scala ausgetauscht worden wäre, wenn auch Glanz von außen kam.
(...) Das Lohorchester zeigte sich von der allerbesten Seite. Noch etwas unsicher in der Ouvertüre, entfaltete es immer stärker den prickelnden Reiz der Musik, der in einer Art rhythmischer Besessenheit zu suchen ist, in langen dynamisch anwachsenden Steigerungen, perlender kleinmotivischer Melodik und einer stupenden Motorik, die vom Sitz reißt. Nicht zu vergessen in einer kammermusikalisch behandelten Begleitung der Streicher bis in jeden einzelnen Ton. Insofern saß da wohl doch ein anderes Orchester im Graben.
Zwei Männern ist dieses "Wunder von Nordhausen" zu verdanken. Zum einen stellte sich der neue Musikalische Oberleiter Anton Kolar vor. Er war unbestritten der Spiritus rector dieses Rossini, der schon in den Proben mit Akribie den Grundstein gelegt hatte und nun mit der notwendig leichten und präzisen Hand, mit Esprit und langem Atem die Aufführung formte und mit Erfahrung manche Klippe umschiffte. Hoffen wir, daß dieser neue Besen lange gut kehren möge, Patina ist genug wegzufegen.
Und dann Olaf Brühl. Lange ist es her an Thüringens Theatern, daß ein junger Regisseur mit handwerklichen Fähigkeiten und dennoch mit Phantasie den Geist eines Werkes auf die Bühne brachte. Rossini, das ist opera buffa plus commedia dell'arte, das sind Geistesblitze statt menschlicher Leidenschaft, Vorführung statt Erleben.


Kühle Modernität

So sah Brühl dieses Stück und dazu paßte ihm natürlich nicht die Märchenromantik, die der Titel suggeriert. Er wich aus in die Allegorie, die im Untertitel "Der Triumph der Güte" anklingt. Man mag einzelne Details beargwöhnen, das häufige Wälzen am Boden oder das unnötige Männerknutschen. In der totalen Einheit von Darstellung, szenischen Akzenten und Bild, dem die geometrischen Formelelemente und die signifikanten Farbkomplexe von Tom Musch das Flair kühler Modernität gaben, definierte Brühl das Ziel seiner Inszenierung: Rossini, Nachkomme des französischen Rationalismus.

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Finale I

DAS OPERNGLAS, Februar 1996
LA CENERENTOLA
Von Siegried Mattuschek

In Rossinis Dramma giocoso »La Cenerentola« gibt es zwar starke buffoneske Elemente, aber vieles deutet in der Vertonung des im Grunde gar nicht lustigen »Aschenputtel«-Stoffes auf eine Neuorientierung des Komponisten hin. Vor allem Angiolinas Lied »War einmal ein Königssohn« läßt die Hinwendung zu ernsteren Sujets, die Rossini nach »La Cenerentola« vollziehen sollte, bereits erahnen. Immer wieder taucht die schmucklose, weitgehend unverzierte Melodie der sentimentalen Weise auf und relativiert die hauptsächlich durch Situationskomik entstehende Heiterkeit des Stückes.
Olaf Brühl, der als Oberspielleiter am Theater Nordhausen für die Neuinszenierung von »La Cenerentola« verantwortlich zeichnet, ist besagter Heiterkeit denn auch mit einer gesunden Portion Skepsis begegnet. »Unverniedlicht« erzählt er das Märchen von der einfachen Magd, die echte Gefühle wichtiger nimmt als sozialen Aufstieg, die im scheinbaren Triumph des Finales, »allen alles sein« will und damit alle überfordert. In der Schlußeinstellung läßt Brühl die zweifellos gutherzige Angiolina allein ihre prachtvollen Koloraturen singen. Die Verwandten, die nicht verzeihen können, haben sie ebenso verlassen wie ihr frisch angetrauter Ehemann (...).

Unterstützt durch das moderne, symbolkräftige Bühnenbild von Tom Musch, das mit verschiebbaren Elementen und konstruktiven Beleuchtungseffekten arbeitet, hat der Berghaus-Schüler Brühl eine geistvolle Operninszenierung ganz aus der Musik heraus geschaffen, mit der er sich nachhaltig für Aufgaben an größeren Häusern empfiehlt.

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Dandini & Ramiro

NORDHÄUSER ZEITUNG, 4.Dezember 1995
BILDERREICHER OPERNABEND
Olaf Brühl gelang eine aufregende Inszenierung von Rossinis »Aschenputtel oder Der Triumph der Güte«
Von Katharina Katz

»Doch am Ende wird die Komödie zur Tragödie, das ist klar«. Dandini, des Fürsten Kammerdiener, verläßt für diesen einen Satz seine Rolle und wendet sich ganz direkt ans Publikum. Es bleibt nicht das einzige Zeichen, das Regisseur Olaf Brühl in seiner aufregenden Inszenierung von Rossinis "Aschenputtel oder Der Triumph der Güte" für das Theater Nordhausen setzt, um auf das beklemmende Ende vorzubereiten. Da nämlich bleibt von dem "Dramma giocoso" kein noch so kleines Zipfelchen übrig. Aschenputtel hat mit ihrer Güte und Liebe alle verschreckt und bleibt einsam und unverstanden zurück. Das Finale gerät zum Abgesang der existierenden Verhältnisse, in denen Großmut und Milde wie Fremdkörper wirken, stören, irritieren.

Zwischentöne

Olaf Brühl hat sich für diese spannungsgeladene Interpretation nicht durch die verführerisch leichte Musik Rossinis aus dem Konzept bringen lassen. Sein Ohr galt den Zwischentönen, sein Blick den Ungereimtheiten. Kann denn aufrichtig von einem ungetrübten Liebesglück die Rede sein, wenn der Fürst nach der Hochzeit mit Angiolina, wenn alle Stimmen den Triumph der Güte feiern, schweigt? Darf man denn ignorieren, daß Dandini die eingangs zitierte Weissagung wagt? Brühl entwickelt aus den vielen Anknüpfungspunkten einen bildreichen und opulenten Opernabend.
Auch wenn Kammersänger Reiner Süss seine Partie als Don Magnifico absagen mußte, konnte Brühl nahezu vollständig mit seinem Wunsch-Team das Abenteuer seiner ersten großen Operninszenierung antreten. Intendant Christoph Nix hat dem Berliner Regisseur, der für diese Spielzeit fest in Nordhausen engagiert ist, weitgehend freie Hand gelassen. So singt Annette Stricker aus Wiesbaden die Angiolina. Ihr weicher Mezzosopran verströmt soviel Wärme! Anrührend zart singt sie das traurige Moll-Volkslied, das einige Male in der Oper aufklingt. Rund und schimmernd wie Perlen intoniert sie jeden Ton der zahllosen Koloraturen, die Rossinis Belcanto-Oper darüber hinaus für sie vorsieht.

Reizvoller Kontrast

Einen reizvollen Kontrast zu ihr stellt der jugendlich helle Tenor von Jens Klaus Wilde dar, der ebenfalls als Gast für die Rolle des Don Ramiro nach Nordhausen gekommen ist. Glanz und Charakter verleiht Thomas Kohl dem Kammerdiener. Weltmännisch und lasziv dominiert er das Geschehen, während er die Rolle seines Herrn spielt. Gebrochen, qualvoll gedemütigt erträgt er später die Ungnade des Fürsten und die unerwiderte Liebe zu Angiolina.
Kurt Zuber setzt in den vielen kuriosen Szenen seines Magnifico wohldosiert sein komödiantisches Talent ein. Während der Sopran Antonia Walchs mit energiegeladener Dynamik durchs Parkett klingt.

Ausstattung

Unbedingt sehenswert ist die von Tom Musch gebaute Bühne. Das System von sich gegeneinander verschiebenden Flächen, Formen und Farben bietet Überraschungen zuhauf. Der Bühnenhintergrund ist schwarz, die aufsteigenden Treppenstufen sind somit nicht zu erkennen. In der Mitte glüht ein imposantes Dreieck, Aschenputtels Feuer, durch das nur sie auf- und abtritt. Den Clou bildet aber eine türkise Kachelfläche auf der rechten Seite. Ständig wechselnd zusammengesetzte Vierecköffnungen dienen den Auf- und Abgängen, als Fenster, Gucklöcher oder Farbspiele. Ein aufregender Blickfang mit effektvollen Möglichkeiten. Unter seinem neuen GMD, Anton Kolar, jubelte das LOH-Orchester einen wahren Rossini-Rausch. Klare Einsätze, konzentrierte Melodiebögen, verhaltene Energie in den zarten Passagen zeugten von der Freude an Rossinis schwierigen Kompositionen.

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Finale I

FRANKFURTER RUNDSCHAU: 8.Dez.`95
HANDELSBLATT: 15./16.Dez.`95
OPERNWELT: Febr. `96
ANGST VOR DER TRAGÖDIE
Ohnmacht der Liebe

Von Georg-Friedrich Kühn

(...) 1817 ist Rossinis «Cenerentola» entstanden, eine ja sehr eigene Variante des bekannteren Aschenputtel-Märchens: ein Traum von Liebe ohne Konvention. Sehr deutlich wird das hier ausgespielt als post-mozartsche Reminiszenz an freiere Formen menschlichen Lebens per Rollentausch: Cosi fan tutte. Und es mündet in die post-napoleonische Restauration. Grüßend geistert ein Zweispitz am Horizont. Ironisch ist der Untertitel «Triumph der Güte» hier verstanden: Die personifizierte Güte, Angiolina, bleibt mit sich allein.

In der Verkleidung seines Dieners hatte Prinz Don Ramiro sich unters Volk gemischt. Volkes Stimme wollte er ungefiltert hören. Um sein Machterbe zu retten, mußte er innerhalb dreier Tage eine Frau finden, die noch glüht von innerer Wärme. Nun er Aschenputtel gefunden hat, ist das Gesellschaftsspiel zu Ende. Beendet auch der Laborversuch Freiheit. Und prompt geht's wieder rückwärts wie gehabt. Die Maske fällt, die Verwirrung ist komplett. Wie nach Fassung ringend, tasten alle mit ihren Händen in die Luft: die düpierten Stiefschwestern der Cenerentola, der kriecherische Stiefvater - verarmter Landadel mit Drang zurück nach oben. Wie ein Glaskäfig scheint das um sie, aus dem sie eigentlich sich freiboxen wollten. Und während Hof und Familie noch die frischgekürte Braut bejubeln, verabschiedet der Prinz sich schon wieder zu seinen Staats- und Männergeschäften. Hochzeit muß die Braut feiern ohne Bräutigam. Und auch Hof und Familie tröpfeln dieser aus der Asche erhobenen Angiolina-Lady-Di allmählich hinweg.
Zum ersten Mal wohl ist in dieser Aufführung diese Finesse der Rossini-Partitur so deutlich auf die Bühne gebracht. Der Prinz nämlich singt im Hochzeitsfinale nicht mit. In derTradition, in der Rossini steht, bedeutet das: Der Prinz ist nicht mehr da, glänzt durch Abwesenheit. Höchst modern mutet die dahinter versteckte Kritik an einem Männerbild an. Cenerentola, allein mit ihrer Menschlichkeit, ist zwar nicht mehr Dienstmagd am Herd; ihre blutroten Koloraturen-Tränen läßt sie nun perlen in die türkische Kachelgruft ihres Palastes. Mit wenigen Requisiten kommt die Ausstattung von Tom Musch aus: eine Keiltreppe, «Zauberflöte»-Prüfungstüren, Schaukeln für die blasierten Höflinge, in den Boden eingelassene rote Streifen der Liebe, die aufleuchten, wenn sich zwischen Prinz und Angiolina die ersten Fäden spinnen. Problematisch manchmal durch Anton Kolars zügige Tempi das gesungene Deutsch der Aufführung. (...) Dennoch ist das stimmlich durchweg ansprechend mit Belcanto-Format. Vor allem der Prinz Don Ramiro von Jens Klaus Wilde gefällt mit einem so kraftvollen wie biegsamen Organ, ebenso die dunkel timbrierte Angiolina der Annette Stricker. Locker der strähnige Diener Dandini von Thomas Kohl . Sehr eindrucksvoll zeigt er eine jener starken Frauengestalten mit noch ganzheitlichem Glücks- und Lebensanspruch wie öfter in Rossini-Opern: bezeichnenderweise meist Mezzopartien mit ausladenden Koloraturen. Für Brühl sind dies Frauen: vom Format her «viel monumentaler als alle sie umgebenden Männer», doch ohne adäquaten Partner. Und ihre Einsamkeit wird durch die «seltsam flotten Finali» eher überspielt - Zeichen für des Komponisten Angst vor der Tragödie.

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Fotos: Ralph Bergel


olaf brühl