»Mit euren Augen süßes Licht ich seh,
Das ich nicht sehen könnte je mit meinen.«

Michelangelo
an Tommaso Cavalieri
(1



JOLANTHE

Lyrische Oper in einem Akt
von
Modest Tschaikowski
(nach Hendrik Hertz)

Musik
von
PJOTR TSCHAIKOWSKI

1891/92, op. 69


2004


Olaf Brühl:

* Handlung

* Hintergrund


Julia Michelis:

* Kritik

Essay PDF



Aufführungsfoto 8/2004: Arno Lenz (*

u.a. mit:
Martina Wäldele (Jolanthe), Serge Bortnyk (Vaudémont),
Stephan Bootz (René), Thomas Andersson (Robert),
Gero Bublitz (Ibn Hakia), Vanessa Barkowski (Marthe),
sowie
Kirstin Weber und Torsten Sense (SprecherIn Gedicht)


Oper.Oder.Spree
Kloster Neuzelle: Premiere am 29. Juli 2004

St. Marienkirche in Beeskow: Premiere am 31. Juli 2004

ML: Marco Comin / I: Olaf Brühl / A: Annette Braun




Personnage:

RENÉ, König der Provence (Bass)
ROBERT, Herzog von Burgund (Bariton)
GOTTFRIED, Graf von Vaudémont (Tenor)
ALMERIK, Waffenträger des Königs (Tenor)
IBN HAKIA, maurischer Arzt (Bariton)
BERTRAM, Schlossaufseher (Bass)
JOLANTHE, blinde Tochter des Königs (Sopran)
MARTHA, ihre Amme, Bertrams Frau (Alt)
BRIGITTE, Freundin Jolanthes (Sopran)
LAURA, Dienerin Jolanthes (Mezzosopran)

Ein Schloss in den Vogesen, Ende 15. Jahrhundert



LIEBE MACHT SEHEN


Introduction - Andante, quasi adagio:

Es beginnt mit einer fahl klingenden Einleitung ohne Streicher, musiziert nur von Hörnern und Holzbläsern: dann eröffnen Harfenklänge und Streicher die Szenerie...

MARTHE, BRIGITTE und LAURA vertreiben mit Vergnügungen JOLANTHE die Zeit. - JOLANTHE, König Renés Tochter, ist von Geburt an blind: sie darüber aufzuklären ist bei Todesstrafe ebenso verboten, wie für Fremde, den Garten zu betreten, in dem JOLANTHE so scheinbar idyllisch mit ihren Gefährtinnen lebt.

JOLANTHE jedoch ist von namenloser Melancholie und Sehnsucht beunruhigt und fragt neunmal nach deren Warum ohne eine Antwort zu erhalten...
Arioso (JOLANTHE).

JOLANTHE handelt vom Verlust der Kindheit, von erwachender Jugend und dem Bedürfnis nach Aufklärung und Selbstbestimmung jedes Menschen...


Barkowski/Wäldele - Foto 7/2004: Gerrit Freitag ( 2

Während MARTHA versucht, JOLANTHE zu beruhigen, bringen die MÄDCHEN Blumen, um sie zu trösten und aufzuheitern:
Blumenchor (MÄDCHEN).

JOLANTHE verwechselt die Mädchen und bedankt sich bei ihnen für all die viele Liebe und Zärtlichkeit. Doch Gefühle und Ahnungen wühlen sie auf. JOLANTHE wird von den anderen in Schlaf gesungen:
Wiegenlied (MÄDCHEN).


Barkowski/Wäldele - Foto 7/2004: Gerrit Freitag ( 2

ALMERIK, der neue Bote, der KÖNIG RENÉS Kommen ankündigen soll, wird von BERTRAM in den Garten eingelassen.

MARTHA kommt hinzu und beschwört ALMERIK, JOLANTHE nicht zu verraten, dass sie die Tochter des Königs ist, geschweige: blind. Ein Gebäude aus Lügen wird sichtbar, auch die Außenwelt darf nichts erkennen, um JOLANTHES ausstehende Verheiratung - und somit des Königs politische Interessen, den Frieden des Landes - nicht zu gefährden.


Bootz/Witzke/Bublitz (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

KÖNIG RENÉ hat den maurischen Arzt IBN HAKIA mitgebracht und gebeten, JOLANTHE zu heilen: er will ihr »Leiden« nicht merhr sehen. IBN HAKIA aber mahnt, keine Wissenschaft, kein Gott garantiere völlige Sicherheiten - er setzt JOLANTHES Wissen und eigene Beteiligung voraus.


Bublitz/Bootz (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

JOLANTHE handelt von der Notwendigkeit, Lüge durch Desillusionierung und Wissen zu ersetzen.


Bublitz/Bootz (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

Um der Tochter jedoch die Enttäuschung im Falle des Misslingens zu ersparen, will König RENÉ dieses tragische Bewußtsein ihr weiterhin vorenthalten. Von den politischen Konsequenzen spricht er nicht. - IBN HAKIA geht, um JOLANTHE zu sehen. -
Arioso (KÖNIG RENÉ).


Bootz (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

JOLANTHE handelt vom Konflikt zwischen blindem Beharren auf dem status quo und dem Weiterdrängen lebenserneuernder Energien.

Zurückgekommen, vertieft der Maure seine Sicht der Dinge und offenbart dem König das universale Geheimnis von der Einheit der fleischlichen und geistigen Welten, welche nicht voneinander trennbar seien und somit alles Lebensheil nur in der Balance möglich:
Arioso (IBN HAKIA).


Bublitz/Bootz (Foto: Juergen.Pahn@t-online.de)

In seinem Gestus der Erhabenheit überraschend ist auch dies Arioso, ein selbst für TSCHAIKOWSKI ungewöhnliches Stück (an GLUCK oder BERLIOZ erinnernd), in dem eine für jene Zeit beinahe kühne Philosophie verkündet wird - und zwar ausgerechnet von einem nicht-christlichen Gelehrten...

IBN HAKIA erinnert den Vater an seine Verantwortung. KÖNIG RENÉ soll sich besinnen. Kategorisch lehnt dieser jedoch »als Vater und König« den Rat des Arztes ab. Der lässt ihn allein. RENÉ fleht um Gottes Gnade und bekennt seine eigensüchtige Sündhaftigkeit und Schuld. Er verzweifelt, bleibt aber hart.


Bootz (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

Nach dieser Folge wirkungsvoll gesteigerter szenisch-musikalischer Abschnitte, die kontrastierend die Ausdrucksskala immer mehr erweitern (gipfelnd in der erstaunlichen Arie des Mauren), folgt nun ein unbeschwerteres Bild - zwei junge Ritter, die sich über ihre erotischen Vorlieben und Träume unterhalten...

Als Kind wurde JOLANTHE dem HERZOG VON BURGUND, ROBERT, verlobt. Der begehrt zufälligerweise längst eine Andere und ist unterwegs mit seinem Freund, dem jungen GRAFEN VAUDÉMONT, um jene Verlobung zu lösen:
Die zwei haben sich dabei in Jolanthes verbotenen Garten verirrt. - ROBERT preist die Freuden der Wollust und seine geliebte Mathilde:
Arie (ROBERT).

VAUDÉMONT hingegen sehnt sich nur nach der zärtlichen Schönheit eines engelsgleichen Wesens, wie es ihm im Traum erschien:
Romanze (VAUDÉMONT).

Gegen die Vitalität der Arie ROBERTS ist die Romantik VAUDÉMONTS gesetzt wie These und Antithese, fast eine Illustration des vorherigen Arioso des maurischen Arztes.

JOLANTHE handelt von der Einheit und Gleichwertigkeit der sinnlichen und geistigen Welt, von der Balance der Gegensätze, ohne die es nicht Freude, nicht Liebe gibt...

VAUDÉMONT entdeckt die schlafende JOLANTHE. Der Anblick erscheint ihm wie die Erfüllung seiner Idee und er ist verliebt. ROBERT befürchtet Gefahren. Er will VAUDÉMONT abhalten, sich der Unbekannten zu nähern.
JOLANTHE erwacht und fragt, wer die beiden fremden Männer seien. ROBERT zieht sich beunruhigt zurück, um Hilfe zu holen, doch VAUDÉMONT bleibt mit JOLANTHE allein, die sich ihrerseits in seine Stimme verliebt...

Als der Fremde von dem zunehmend irritierten Mädchen als Pfand für seine Wiederkehr eine rote Rose (anstatt einer weißen) erbittet, erkennen beide, dass sie nicht sehen kann. VAUDÉMONT verstummt. JOLANTHE bricht in Tränen aus, da sie sich verlassen glaubt, sie wiederholt VAUDÉMONTS Liebeserklärung; dieser hat sich wieder gefasst, lobt das Licht und bemitleidet JOLANTHE wegen ihres Mangels, da sie das Licht nicht sehen, und so auch Gottes Schöpfung nicht preisen könne. Die junge Frau widerspricht dem fremden Mann mit Entschiedenheit: NEIN, um »Gott zu preisen«, bedarf man des Sehens nicht!

Der Ritter gibt ihr Recht. JOLANTHE will nun aber dieses Licht sehen...

JOLANTHE handelt von der Vollständigkeit des Anderen, Fremden, Außenseiters und der Initiative des allein für sich selbst verantwortlichen Menschen...


Bortnyk/Wäldele (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

Beide sind zusammen glücklich:
Duett (JOLANTHE & VAUDÉMONT).

Diese Szene führt zart, knapp und genau die Begegnung zweier junger Menschen vor, die sich finden: das Vertrauen, die Erwärmung, die Missverständnisse, Hoffnungen, Ängste, das tiefe existentielle Erschrecken und das Glück. -

Entscheidend ist das dreimalige, positive »Nein!«: der eigentliche Wendepunkt des Werkes; von diesem Moment an übernimmt JOLANTHE die Führung im Stück. Sie fordert ihr eigenes Leben ein. VAUDÉMONT hört zu und folgt der weiblichen Stimme. - TSCHAIKOWSKI lässt den Figuren dabei jugendliche Verlassenheit: auf sich gestellt begegnen sie einander, ertasten sich, die Welt vergessend, deren unmittelbar drohende Gefahren, sich behauptend auch in der Zuneigung - und kein Vor-Bild oder Rollenklischee fährt ihnen dazwischen...
Dabei spitzt der Komponist die dramatische Spirale von Moment zu Moment radikal zu. - Ohne Zweifel gehört diese ungewöhnliche Liebeszene zu den aufregendsten und tiefsinnigsten der europäischen Opernliteratur.

Sie werden entdeckt. Alle sind entsetzt. König RENÉ stellt VAUDÉMONT zur Rede, doch JOLANTHE antwortet für diesen und RENÉ erfährt mit Schrecken, was geschah.


Bortnyk/Wäldele/Barkowski/Bootz/Bubitz - Foto 7/04: Freitag ( 2

Der Arzt IBN HAKIA aber begrüßt diese scheinbar zufällige Wendung der Dinge als Chance: nun würde er einen Heilungsversuch unternehmen können. Der König, bislang noch verschlossen in seiner Haltung, sieht das erst jetzt.

JOLANTHE handelt von der Blindheit patriarchaler Autorität, die nur sich und ihre Interessen sieht.


Probenfoto 3/2004: Lars Jolig

Doch RENÉ droht zunächst VAUDÉMONT mit Tod. Alle haben Mitleid. JOLANTHE behauptet gegen den Vater ihre Zuneigung zu dem jungen Mann und wünscht sich, sehend zu werden:

»Nein, nichts von Tod und Sterben,
das Leben ist so schön,
du sollst leben! Ich werde sehen!«


Siebert/Lange/Bootz/Bortnyk/Wäldele (Foto 8/2004: Arno Lenz *)

RENÉ gehen die Augen auf. Er beharrt auf dem Todesspruch, aber IBN HAKIA darf JOLANTHE behandeln. Alle hoffen.

JOLANTHE handelt von der verbotenen Liebe am verbotenen Ort, den zu betreten Tod verheißt, doch bezwingen die Liebenden sehend das Gesetz...


Bublitz/Bortnyk/Wäldele (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

Indessen nimmt der König sein Urteil zurück, mit dem er nur Druck auf JOLANTHE habe ausüben wollen, um ihren Wunsch nach Heilung zu verstärken. VAUDÉMONT bittet um JOLANTHES Hand auch für den Fall, dass sie blind bliebe:

»Ich liebe Eure Tochter wie sie ist.«


Feldmann/Bortnyk (Foto 8/2004: Arno Lenz * )

Doch räumt RENÉ das Vorrecht ROBERT VON BURGUND ein - dieser kommt mit seinen Truppen im richtigen Moment hinzu, um sich zu erkennen zu geben und froh die Verlobung aufzulösen. KÖNIG RENÉ willigt ein.

JOLANTHE handelt vom verträumten Jungen, der durch die Begegnung mit der Blinden sein Ideal überwindet und dieses wirkliche Mädchen sehen lernt...


Feldmann/Andersson/Bortnyk (Foto 8/2004: Arno Lenz *)

Finale - Allegro:

BERTRAM kündigt die Rückkehr JOLANTHES und des Arztes an. IBN HAKIA kehrt mit JOLANTHE zurück, die Augenbinde, die sie noch trägt, wird gelöst: sie kann sehen! Zunächst ist JOLANTHE verwirrt von der Fülle an Licht, an Farben und Bildern. Die Realität des Sichtbaren erschreckt sie, erst durch Berühren erkennt sie die ihr längst vertrauten Menschen.


Aufführungsfoto 8/2004: Arno Lenz (*

Im Finale gewinnt die Musik eine Inbrunst und Universalität, die weit über den üblichen Schlußjubel eines glücklichen Opernfinales hinausgeht und fast an das »Sanctus« einer pantheistischen Messe erinnert: wie schwebend über einem atemlos flirrenden Violinsolo wird die Schöpfung besungen.


Aufführungsfoto 8/2004: Arno Lenz (*

Die Liebe siegt und - niemand ist von ihr ausgeschlossen. - Alle danken und lobpreisen Gott:


Aufführungsfoto 8/2004: Arno Lenz (*

»In der geringsten deiner Kreaturen leuchtest du
wie in dem Strahle der Sonne.«
( 3

Olaf Brühl, © 2/2004




- 1890 -


JOLANTHE ist TSCHAIKOWSKI

TSCHAIKOWSKI (1840-1893), der »westlichste« unter den russischen Komponisten, entdeckte 1883 im RUSSISCHEN BOTEN das nach einem Motiv HANS CHRISTIAN ANDERSENS geschriebene Theaterstück KONG RENÉS DATTER des dänischen Autors HENDRIK HERTZ (1798-1870). Er war von dessen poetischen Momenten begeistert. 1888 (dem Jahr seiner V. SINFONIE) sah er das Stück in Moskau: sein Bruder MODEST TSCHAIKOWSKI, der Dramatiker war, musste ihm daraus ein Opern-Libretto fertigen.

Mitte Januar 1891 wurde TSCHAIKOWSKI vom Petersburger Theater eingeladen, für einen Abend zwei Werke zu komponieren, einen Operneinakter und ein Ballett. Sujet des Balletts war DER NUSSKNACKER, als Opernstoff setzte TSCHAIKOWSKI JOLANTHE durch. Über die Arbeit schrieb er:
»Das Wichtigste ist, das Ballett aus dem Weg zu räumen. (...) Ich bin so an der Oper interessiert, und der Stoff gefällt mir so gut.«

Trotz anfänglicher Schreibblockaden entstand das Werk in einer Art Schaffensrausch im Spätsommer 1891. Zur Uraufführung kam es erst im Dezember 1892. JOLANTHE wurde nicht verstanden und, wie das Ballett, von der Presse schlecht behandelt. Die Oper hat außerhalb Russlands nie das Publikum erreicht, anders als später DER NUSSKNACKER, der zu einem der größten Welterfolge der Musikgeschichte überhaupt wurde.

Doch TSCHAIKOWSKIS letzte Oper ist ein Resumé seiner musikdramatischen Kunst, und zwar außerordentlich durchdacht und vielschichtig, ein letztes Werk: von allergrößter Klarheit. Wenn man nicht versucht, etwas darin zu finden, was es niemals bieten kann, so wird diese Parabel von verbotener Liebe und Leidenschaft, von der Einheit der Gegensätze, überzeugen und ergreifen. - Freilich wird der augenfällige politische Konflikt zwischen dem autoritären Vaterprinzip und dem ganzheitlichen Liebesprinzip nicht bis in seine Konsequenz ausgetragen. Dennoch gibt der - ideologisch naive - Tschaikowski eine (unautoritäre) Gesellschaftsvision am Ende, die ebenso erstaunt, wie sie ignoriert wurde...

Die Liebenden sind einander nicht Trophäen, Prestigeobjekte, Anpassungs- oder Siegeszeichen, die etwa den Zugang zu Erfolg und Macht verheißen (wie z.B. in der ZAUBERFLÖTE, den MEISTERSINGERN oder OTELLO). Sie sind Gleiche, die sich zunächst nichts garantieren, als sich selbst: sie stehen sich nicht als Verkörperungen von anderen (ökonomischen, gesellschaftlich definierten) Funktionen, Hierarchien oder Bedeutungen (Imagos) gegenüber, die ihren »Wert«, ihren »Begehrens-Wert« steigern. Vaudémont hält um die Hand einer Blinden an, die vielleicht nie geheilt wird, und ohne zu ahnen, dass er dies einem König gegenüber wagt. Jolanthe liebt in ihm nur sein aus Stimme, Rede und Duft sprechendes Selbst, weder Rang, noch Ansehen. In den bürgerlichen Opern der Zeit sucht man ähnliche Konstellationen vergeblich. Jolanthe, die letzte und konsequenteste in der Reihe von TSCHAIKOWSKIS starken Frauengestalten, muss für ihren Anspruch nicht, wie Carmen, Violetta oder noch Lulu und Geschwitz, getötet werden (ganz zu schweigen etwa von Analogien bei BRITTENS Billy Budd oder noch Aschenbach im TOD IN VENEDIG, fast hundert Jahre später). - TSCHAIKOWSKIS spätes Werk ist wie ein Blitz aus einer Zukunft, die wir nicht sehen, völlig glücklich...

So mag JOLANTHE vielleicht seine persönlichste und quasi intime Antwort auf WAGNERS TRISTAN sein (auch Bezüge auf das Werk VERDIS lassen sich finden). Die Motive sind gespiegelt. Die Proportion ist menschlich, heiter, dem Leben zugewandt: von der Schwelle des Todes (ohne es zu ahnen), wendet sich TSCHAIKOWSKI noch einmal um, reingebrannt von Qualen und Kämpfen, lächelnd.

Interessant nämlich ist, dass der hypersensible TSCHAIKOWSKI eindeutig das »Schicksalsthema« seiner V. SINFONIE e-moll (1888) ausgerechnet in der allegorischen JOLANTHE wieder aufgreift und in ihrer zentralen Szene, positiv gewendet, als Motiv für Vaudémonts Lob des Lichtes einsetzt, das Jolanthe zitiert, beide dann im Duett und auch in der Erkennungsszene singen. - Das Finale, in dem niemand bestraft wird oder entsagen muss, zeigt uns nichts anderes als die Vision von einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung, die der (sexuelle, somit gesellschaftliche) Außenseiter TSCHAIKOWSKI mit dieser Oper träumt...

Dieser heitere Traum erweist sich für ihn als absolute Utopie. Die Lebensrealität schließt ihn - im Gegenteil - aus. Die »fleischliche Welt« gar (zumal eines homosexuellen Komponisten im 19.Jahrhundert!) bleibt gesellschaftlich abgetrennt vom Geistigen, Kulturellen. - Von daher erscheint es fast zwingend, dass nach solch einer künstlerischen Errungenschaft dem Komponisten 1893 nur seine musikalische Autobiografie, die VI., die radikale SYMPHONIE PATHÉTIQUE, zu schreiben bleibt, in der er das eigene Schicksal zu höchstem Ausdruck bringt - und sogar darüber, gewissermaßen »erschöpft«, eine Woche nach ihrer Uraufführung stirbt. - Somit steht JOLANTHE als TSCHAIKOWSKIS dramatisches Mittelstück zwischen der V. und der VI. SINFONIE und bildet mit diesen Werken bis in die musikalische Substanz inhaltlich-thematisch eine Art: Trilogie des Schicksals.

Olaf BRÜHL, © 2/2004

Essay PDF komplett
publiziert in: FORUM Nr. 45,
Universität Siegen Dez. 2004



1) MICHELANGELO: SÄMTLICHE GEDICHTE
Übertragen von MICHAEL ENGELHARDT
, Insel-Verlag
Frankfurt am Main und Leipzig, 1992:
Nr. 89 (Rom, nach 1533), S. 135

*) Fotos: ARNO LENZ © 8/2004

2) Foto: Gerrit Freitag © 7/2004

3) Dieser Satz, den MODEST TSCHAIKOWSKI einfügte,
ist bezeichnenderweise eine Paraphrase von DOSTOJEWSKIS
»In jedem Menschen ein Funken Gottes«
(AUFZEICHNUNGEN AUS EINEM TOTENHAUS, 1862).






Die Totenmaske in Klin
Foto: Olaf Brühl, © 1993