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Kommune 1 / 1997 / Seite 65 / Frankfurt am Main


Derek Jarmans
»Garden-Book«



Ein Buch, das sich mit keinem anderen vergleichen läßt. Ein Garten-Buch, kein Buch über THE GARDEN, den Film, den Jarman 1990 in diesem sehr seltsamen Garten drehte, sondern über den Garten selbst, wie ihn Jarman charakteristischerweise auf einer Kieswüste zwischen Meer und Atomkraftwerk anlegt, pflegt und betrachtet, und in dem Jarman von Howard Sooley fotografiert wird. Ein Buch, das ein über Jahre hin bewußt Sterbender schrieb (sein letztes) und mit dem er jene Dinge beschreibt, die, und das ist auch eine Kapitalismus-Kritik, ihn im wesentlichen berühren. Das, was ihm letztendlich als Resumé bleibt. Die Intonation ist frei von aller Stilambition; es ist einfach, was gesagt wird, und es ist einfach, wie es gesagt wird. Der Betrachtende, der über die Dinge des Lebens - und somit des Sterbens - spricht, stirbt 1994 an Aids. Er ist Engländer und einer der schöpferischsten unabhängigen Künstler seiner Zeit. Jarmans traumschöne Filme und Bücher bedienen nicht die Trends der Massenerfolge; seine Haltung ist nicht konformistisch. Folgt: Ein Schwuler kriegt soviel Geld nicht, wenn er ausdrückt, dass er 1. einer ist und dies 2. so, dass die Masse der Heteros nicht darüber lachen oder sich davon völlig unberührt fühlen kann. Jarman ist da völlig konzessionslos - und das trennt ihn sofort wie durch einen unüberbrückbaren Graben von der dominierenden Heterosexualität all der Kunstenthusiasten, so engagiert, schönheitsliebend, linksorientiert, tolerant oder sonstwie aufgeschlossen sie sich auch immer - gut integriert - zeigen mögen. Jarman hat deutlich formuliert, wie er sein Leben und seine Kunst in der Gesellschaft (ökonomisch) organisierte: Auf eigene Gefahr. Seine Radikalität ist ohne Koketterie, also politisch brisant. Doch das GARTEN-BUCH ist kein Buch über Aids, Kunst, Homosexualität und die britische Gesellschaft wie seine gehaltvolle Autobiographie, die seinen Kampf in Thatcher´s Land schildert (und mit dem politisch und trotzig gemeinten Satz endet: "Ich liebe."). - GARTEN-BUCH ist ein Buch der Wahrnehmung des Lebens, wie sie in einer solchen Kristallisation bei einem Aids-Kranken vielleicht verblüffen könnte. Es ist ein vollkommen heiteres Buch. Darum ist es auch ein außerordentliches Buch. Wachheit, nichts von Esoterik. Jarman sagt selbst:

"Ich glaube nicht, dass mir irgend jemand etwas wegnehmen wird. Wenn ich krank würde, würde ich weiter arbeiten, das ist mein Leben. Wenn ich keine Filme mehr machen könnte, würde ich schreiben, wenn ich nicht mehr schreiben könnte, würde ich malen. Ich habe mir immer Dinge zu tun ausgedacht, ich würde schon etwas finden, was ich noch machen könnte."

GARTEN-BUCH läßt sich vielleicht noch mit Jarmans letztem Film vergleichen, mit BLUE, den er als bereits Erblindeter schuf. So, wie dieser Film die Grenze der Form sprengt, so verläßt das Buch mit seinem kreisenden Gestus die Erwartungen. Und so, wie BLUE keine eigentliche Filmkritik gewachsen ist, so dem Buch keine Art von Rezension. Besprechen und Befinden sind unangebracht. Ich empfehle dem Leser die Lektüre, keine schnelle und keine, die sich orientieren will, um "Bescheid zu wissen". Nachdenken im Anblick von Blumen und Steinen ? Leben ist Sterben. Den Sinn dafür reizt dieses Buch, das natürlich ein sehr schönes Buch ist, ein Buch, das auf seine destillierte Weise parteiisch ist und kämpferisch, oder, wie Jarman von seinem Garten, seiner Gegen-Welt schreibt:

"Hinter jedem Garten liegt ein Paradies und einige Gärten sind wahre Paradiese. Meiner gehört dazu."

olaf brühl


DEREK JARMANS GARTEN. Aus dem Englischen von Jörg von Stein. Mit 150 Fotografien von Howard Sooley, Berlin (Verlag Volk und Welt) 1996 (144 S., 48,00 DM)

Derek Jarman, AUF EIGENE GEFAHR. Vermächtnis eines Heiligen. Aus dem Englischen von Waltraud Kolb, Wien (PVS Verleger) 1996 (194 S., 29,00 DM)